Wilhelm Meyer-Lübke an Hugo Schuchardt (61-07283)

von Wilhelm Meyer-Lübke

an Hugo Schuchardt

Bonn

30. 10. 1917

language Deutsch

Schlagwörter: Göttingische Gelehrte Anzeigen Universität Wienlanguage Altfranzösischlanguage Rumänisch Schuchardt, Hugo (1917) Richter, Elise (1997)

Zitiervorschlag: Wilhelm Meyer-Lübke an Hugo Schuchardt (61-07283). Bonn, 30. 10. 1917. Hrsg. von Magdalena Rattey (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9357, abgerufen am 06. 12. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9357.


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Sehr geehrter herr kollege!

Ihre heute eingetroffene zuschrift in sachen v.E.1 bringt mir in erinnerung, dass ich, allzu sehr in afrz. epos2 vertieft, Ihre eindringende arbeit3 über sprachverwandtschaft4 noch nicht verdankt habe. In dem hinweis auf S.’s Artikel5 habe ich weder eine stellungnahme für noch gegen gesehen, sondern lediglich einen beweis dafür, wie gerade in solchen dingen das am festen begründet erscheinende umgestürzt werden kann wobei es für die grundsätzliche frage ganz gleichgiltig bleibt, ob die angeführten Gründe stichhaltig sind oder nicht. – E. hat mich mehr als überrascht. Hätte ich es nicht schwarz auf weiss vor mir, so würde ich es nicht glauben.6 Aber allerdings sind mancherlei gerüchte hieher gedrungen, die ich, weil ich weiss wie leicht die fama lügt, nicht weiter beachtet habe, die ihn aber doch |2| „mit neurasthenie und begleiterscheinungen“ in aussergewöhnlichem grade belastet erscheinen lassen. Andererseits hatte ich kürzlich einen allerdings nur kurzen und rein sachlichen brief von ihm betreffs der bibliothek des rumänischen instituts, die wie es scheint erst jetzt statt unmittelbar nach meinem weggang vom rom. seminar übernommen wurde.7

Mit kollegialen Grüssen

Ihr ergebenster

Meyer-Lübke


1 Karl von Ettmayer (1874-1938), Romanist, promovierte bei Schuchardt, habilitierte bei ML, dessen Nachfolger in Wien er von 1915 bis 1938 war. Die „Zuschrift“ ist die Hektographie, die Schuchardt infolge zweier empfangener Briefe von Ettmayer ( 27-02814, 28-02816, vgl. Goebl 2016 ), worin E. auf die Sprachverwandtschaft (Schuchardt 1917a) eingeht, an Kollegen, so auch an ML, schickte. Vgl. die Einleitung zu Ettmayers Briefen an Schuchardt in Goebl (2016); besonders ab „Der Bruch mit Schuchardt (Oktober 1917)“ und dazu die darin bereits kommentierte Antwort MLs in der obigen Postkarte (61-07283).

2 ML meint vermutlich seine Rezension zu: Ovide moralisé. Poème du commencement du quatorzième siècle, publié d’après tous les manuscrits connus par Cornelis de Boer. Tome I (livres 1-3) avec une introduction , die 1917 in den Göttingische[n] gelehrte[n] Anzeigen (Nr. 8) erschien. Zu dieser Besprechung MLs vgl. Jung (2009: 17) .

3 Schuchardt, Hugo. 1917. Sprachverwandtschaft. Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 37: 518–529. [Archiv-/Breviernummer: 695]. (= Schuchardt 1917a).

4 Zuerst stand hier „Sprachgrenzen“. Das wurde durch MLs Hand ausgebessert.

5 Salvionis Artikel. Carlo Salvioni (1858-1920), schweizer Sprachwissenschaftler, Schüler und Nachfolger Ascolis in Mailand. Es geht hier um folgende Schrift Salvionis: Ladinia e Italia. Discorso inaugurale letto l’11 gennaio 1917, nell’adunanza solenne del R. Istituto lombardo di scienze e lettere. (Pavia, 1917) . Auf diesen verweist Schuchardt in seiner Sprachverwandtschaft (1917a: 520, FN 1).

6 ML liegt das mithilfe der Hektographie hergestellte Schreiben Schuchardts vor, worauf die Stellen aus dessen Briefwechsel mit Ettmayer abgedruckt sind (vgl. die Abschrift dieser Hektographie in Goebl 2016).

7 Laut Weihs (1950: 106) wurde 1911 ein rumänisches Institut an der Universität Wien errichtet, das jedoch während des Ersten Weltkrieges geschlossen und nicht wieder eröffnet worden ist. Richter (1997: 110f.) begründet die Schließung des Institutes folgendermaßen: Ettmayer, der offenbar selbst kein Interesse an der Leitung des Instituts hatte, schlug Richter als Leiterin vor. Da diese aber nicht dafür geeignet gewesen sei (sie war zu „westlich eingestellt“), blieb es „uneröffnet“ (ebd.). Aldouri-Lauber (1988: 13) schreibt Ende der 1980er Jahre, dass die „rumänische Abteilung“ seit dem Ersten Weltkrieg „nie wieder eröffnet“ wurde, und allgemein das Rumänische, das ML besonders förderte, erst durch Carl Theodor Gossen in den 1960er Jahren eine Renaissance erfuhr. MLs Aussage deutet darauf hin, dass zumindest die rumänische Bibliothek erst 1917 in die Bibliothek der Romanistik übernommen wurde.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07283)