Emil Abegg an Hugo Schuchardt (08-00008)

von Emil Abegg

an Hugo Schuchardt

Zürich

20. 08. 1926

language Deutsch

Schlagwörter: Sprachwissenschaft Schuchardt, Hugo (1926) Schuchardt, Hugo (1922)

Zitiervorschlag: Emil Abegg an Hugo Schuchardt (08-00008). Zürich, 20. 08. 1926. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9122, abgerufen am 24. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9122.


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DR. PHIL. E. ABEGG
PRIVATDOZENT AN DER UNIVERSITÄT
ZÜRICH 7
RÜTISTRASSE 56 – TEL. H. 36.38.
20. Aug. 1926.

Hochverehrter Herr Professor,

für die gütige Dedikation Ihrer neuen Abhandlung über Sprachverwandtschaft 1 sage ich Ihnen meinen ergebensten Dank. Ich habe wieder viel daraus gelernt, besonders was Ihre Kritik gewisser bildlicher Ausdrucksweisen betrifft. Ich pflege meinen Zuhörern kurzerhand zu sagen: Bilder in der (Sprach-)Wissenschaft sind entweder falsch – dies sind sie meistens – oder überflüssig; denn wenn sie wirklich zutreffen, so sollte der damit gemeinte Sachverhalt sich auch direkt ausdrücken lassen; das Bild hat im besten Fall nur veranschaulichenden, nicht aber Erklärungswert. Doch wird dies immer wieder vergessen, so auch noch von Horn in seinen bestechenden physiologischen Analogien 2

Ihre sehr günstige Beurteilung Mauthners 3 ließ mich die Ohren spitzen und wird mich veranlassen, diesen Autor wieder einmal vorzunehmen. Was ich ihm nicht verzeihen kann, ist die Art, wie er sich zur Sprachwissenschaft stellt, indem er ihr vieles zum Vorwurf macht, was ihre einsichtigen Vertreter schon beim ersten Erscheinen von Mauthners Buch 4 längst |2| aufgegeben hatten. Eine Wissenschaft aber auf Grund einer bereits obsolet gewordenen Richtung abzuurteilen ist nicht fair. Es bleibt zu bedauern, daß Mauthner dadurch die Sprachwissenschaft der Verachtung und dem Gelächter vieler wahrhaft Gebildeten preisgegeben hat, ein Schaden, der kaum wieder gutzumachen sein wird. Aber dafür durch Ignorieren Mauthners Rache zu nehmen, wäre gewiß verfehlt; dazu enthält die Sprachkritik zu viel feine und tiefe Gedanken. Bei Anlaß eines Kollegs über außerindogerman. Sprachtypen im vergangenen Semester hatte ich Gelegenheit, die Teilnehmer mit Ihren das Verwandtschaftsproblem betreffenden Lehren in großen Zügen bekannt zu machen, denn eine Erörterung des Begriffs der Sprachverwandtschaft bildete naturgemäß die Einleitung zu einer solchen Vorlesung, gerade weil dieselbe im übrigen grundsätzlich von einer genealogischen Betrachtung abstrahierte. Die Zuhörerschaft bestand fast ausschließlich aus Romanisten, was an der Universität, wo Gauchat 5 und Jud 6 wirken, nicht verwundern wird.

Indem ich Ihnen, hochverehrter Herr Professor, für Ihre Güte nochmals danke, verbleibe ich mit den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen

Ihr sehr ergebener

E. Abegg.


1 Schuchardt, „Sprachverwandtschaft II“, Sitzungsberichte der Preussischen Akademie der Wissenschaften 1926, 148-152.

2 Paul Horn (1863-1908), bedeutender deutscher Iranist und Orientalist

3 Schuchardt, „Sprachliche Beziehung“, Sitzungsberichte der Preussischen Akademie der Wissenschaften 1922, 199-209.

4 Fritz Mauthner, Die drei Bilder der Welt: ein sprachkritischer Versuch, Erlangen: Verl. d. philos. Akademie, 1925.

5 Louis Gauchat (1866-1942), Schweizer Romanist und Sprachwissenschaftler; vgl. HSA 03593-03613.

6 Jakob / Jacob Jud (1882-1952), Schweizer Romanist; vgl. HSA 05149-05230.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 00008)