Emil Abegg an Hugo Schuchardt (04-00004)

von Emil Abegg

an Hugo Schuchardt

Zürich

16. 11. 1922

language Deutsch

Schlagwörter: Sprachwissenschaft Trombetti, Alfredo Schuchardt, Hugo (1922) Schuchardt, Hugo (1919) Schuchardt, Hugo (1919) Schuchardt, Hugo (1920) Schuchardt, Hugo (1921)

Zitiervorschlag: Emil Abegg an Hugo Schuchardt (04-00004). Zürich, 16. 11. 1922. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9118, abgerufen am 04. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9118.


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Zürich, 16. Nov. 22
Rütistrasse 56.

Hochverehrter Herr Professor!

Empfangen Sie den Ausdruck meines ergebenen Dankes für Ihren mir gütigst übersandten Aufsatz über sprachliche Beziehung, 1 der mir aufs neue reichliche Anregung und Belehrung geboten hat. Ich habe demselben wiederum entnehmen können, wie wichtig das Satzproblem für die Frage des Sprachursprungs 2 ist, und Ihre Auffassung von der Priorität der Vorgangsbezeichnung, gegen die ich, unter dem Einfluß meines Lehrers Wundt, 3 Bedenken gehegt habe, fängt nun doch an, mir einzuleuchten. Und damit hängt auch eine Schwenkung im Terminologischen zusammen: in meinem Kolleg über die psychologischen Grundlagen der Satzbildung glaubte ich gegen die Unterscheidung von psychologischem und grammatischem Subjekt polemisieren zu sollen, da sie einen von Haus aus logischen Terminus auf rein psychologische Verhältnisse überträgt; da Sie aber diese Ausdrücke in Ihren |2| glottologischen Arbeiten immer wieder verwenden – obgleich Sie an einer Stelle von „Sprachursprung“ die Bedenken dagegen nicht verhehlt haben – so glaube ich nun wirklich, daß kein triftiger Grund vorliegt, diesen Sprachgebrauch in Acht und Bann zu tun.

Soeben habe ich den Vorlesungsbogen für das nächste Semester zur Ausfüllung bekommen. Während ich bis jetzt starke Zweifel hatte, ein im Sommer 1920 abgehaltenes Kolleg über „die Lehre vom Ursprung und Wesen der Sprache in ihrer historischen Entwicklung“ zu wiederholen, hat gerade Ihr neuester Aufsatz 4 mich darin bestärkt, diesen Versuch nochmals zu machen. Jenes Kolleg erfreute sich sehr zahlreicher Beteiligung, und doch genierte ich mich beinahe, es abzuhalten – des Titels wegen! Aber die Frage läßt sich trotz aller Wegdekretierungen nicht umbringen; und wem der „Urpsrung“ zu anrüchig ist, der mag sich um so eingehender mit dem „Wesen“ befassen, von wo er dann, ohne es zu wollen und zu merken, sich auf das glottologische Problem gewiesen sieht.

Das neue Buch von Trombetti, von dem ich erst durch Ihre Verweisung Kenntnis bekam, 5 werde ich mir sofort ver- |3| schaffen; ich bin – im Gegensatz zu den meisten meiner engeren Fachgenossen – überzeugt, daß dieser Mann nicht als „Dilettant“ abzutun ist, daß vielmehr noch ein paar solche Köpfe der Sprachwissenschaft sehr wohl bekämen. Der Hauptvorwurf, den man ihm machen kann: daß er, was das genetische Problem betrifft, Unmögliches unternimmt, ist gewiß kein Schimpf.

Indem ich Ihnen, hochverehrter Herr Professor, für Ihre große Freundlichkeit nochmals besten Dank sage, und Ihnen von Herzen einen guten Winter wünsche, verbleibe ich mit dem Ausdruck tiefster Verehrung

Ihr sehr ergebener

Emil Abegg.


1 Schuchardt, „Sprachliche Beziehung“, Sitzungsberichte der Preussischen Akademie der Wissenschaften 1922, 199-209.

2 Vgl. Schuchardts drei Aufsätze zum Thema des Sprachursprungs. (Sprachursprung I, Sprachursprung II, Sprachursprung III)

3 Wilhelm Wundt (1832-1920), deutscher Physiologe, Psychologe und Philosoph; vgl. HSA 12896-12900.

4 Schuchardt, „Exkurs zu Sprachursprung III“, Sitzungsberichte der Preussischen Akademie der Wissenschaften 1921, 194-207.

5 Alfredo Trombetti, Introduzione agli elementi di glottologia, Bologna: Zanichelli, 1921.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 00004)