Anna von Zwiedineck an Hugo Schuchardt (57-13114)

von Anna von Zwiedineck

an Hugo Schuchardt

Klopein an Klopeiner See

15. 08. 1913

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Graz Seuffert, Bernhard Bad Gastein

Zitiervorschlag: Anna von Zwiedineck an Hugo Schuchardt (57-13114). Klopein an Klopeiner See, 15. 08. 1913. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9043, abgerufen am 15. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9043.


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Klopeinersee
15/8 913

Verehrtester Freund1

Ihre Muse schwieg so ganz diesen Sommer – daß ich keine Ahnung habe wie es Ihnen geht. Ich kann mir annäherend vorstellen daß Sie mit vergnügten Minen auf Ihres Daches Zinnen2 sich die Hände reiben – u. ein wehmütiges „die Narren“ – flüstern – wenn Sie neuerdings dräuende Wolkenmassen aufziehen sehen – u. sich Ihre Freunde in Süd Ost Nord West vorstellen, |2| die unter den andringenden Wassermassen fast zu Grunde gehen. – Das Bild lag mir nahe – denn ich denke nur daran daß mein Hab u. Gut im Keller Schillerstr. 29 zu Grunde gegangen unter den Schlammassen.

Aber trotz allen Regenelendes kann ich nur constatiren, daß meine Nerven viel ruhiger geworden – seit ich den „schönen“ Tagen zu Gastein den Rücken gekehrt. In Gastein war es prachtvoll wie noch nie – aber doch schlief ich keine Nacht.

|3| Den Meinen geht es recht gut – u. angenehme Freunde, die sehr gut spielen, erhöhen die Annehmlichkeit der Regentage. – Meine kleine sehr temperamentvolle Enkelin, übrigens ein possierlicher kleiner Fratz mit ihrem blonden Schopf, sorgt hinreichend für die Beschäftigung –, sonst wäre ich längst schon zu diesen Zeilen die ich seit Wochen vor habe – gekommen.

Ob uns Seuffert3 verlassen wird – ? – Und Frau Sophie Strauß4 wußte auch schon noch mehr nämlich Bauers5 Berufung. Sie ist übrigens noch ganz die selbe die gute Sophie – eine ganz famose Frau u. Mutter aber einem kleinen Flirt auch nun nicht abgeneigt.

|4| Haben Sie schon von dem tragischen Geschick der jungen Berlinerin die bei Bürgermeister’s wiederholt war Frl. Ilse Görges gehört? Wegen 20000 ℳ u. einem seinem Obersten gegebenen falschen Ehrenwort hat sich der Mann erschossen nach 3 monatlicher Ehe.6

Helene ist sehr desperat.

Da eben wieder die liebe Sonne scheint – reizt es uns nach neuen Erlebnissen – unsere Kleider werden nie mehr trocken.

Meine Töchter bitten mich sie in meine herzlichsten Grüße einzuschließen – u. hoffen mit mir auf baldige gute Nachricht über Sie von Ihnen.

Mit Sommergruß Ihre

Anne Zwiedineck.


1 Lesart unsicher: die Buchstabenfolge fraie, froie macht keinen erkennbaren Sinn!

2 „Er stand auf seines Daches Zinnen, und schaute mit vergnügen Sinnen …“ (Schiller, Der Ring des Polykrates).

3 Bernhard Seuffert (1853-1938), deutsch-österr. Germanist, seit 1886 Prof. in Graz, wo er bis zu seinem Tod blieb.

4 Nicht identifiziert.

5 Vermutlich ist der Historiker Adolf Bauer (1855-1919) gemeint, der allerdings erst 1916 einen Ruf nach Wien annahm.

6 Es gelang nicht, den Satz zu entziffern, daß er Sinn macht!

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 13114)