Anna von Zwiedineck an Hugo Schuchardt (32-13089)

von Anna von Zwiedineck

an Hugo Schuchardt

Graz

25. 02. 1903

language Deutsch

Schlagwörter: Grazer Tagespost Graz Ägypten Engadin Spanien Algier

Zitiervorschlag: Anna von Zwiedineck an Hugo Schuchardt (32-13089). Graz, 25. 02. 1903. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9018, abgerufen am 09. 12. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9018.


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Graz Goethestraße 21 25/2 03

Verehrtester der Freunde

Ihre sich jagenden Depeschen werden mit Entzücken aufgenommen – Leid u. Freud in Gedanken mit Ihnen getheilt – doch Ihrem Rate kann ich mit bestem Willen nicht folgen – – ich kann jetzt nicht nach Ägypten!1 – Impossible. – Denn erstens hat mein Mann Influenza – ein Zustand den Sie unter dem milden Himmelsstriche wohl schon vergessen haben – zweitens habe ich die Rennpferde gekauft – u. nicht ich möchte oder ich werde sie kaufen – u. last not least habe ich das gastliche Haus wo ich mich 2mal die Woche |2| satt essen kann – das heißt voressen kann u. dadurch am Wirtschaftsgelde die für Ägypten nötigen Ersparnisse vornehmen könnte – noch nicht gefunden!

All dieses hält mich mit Ketten an diesem Eilande fest – u. ich danke es meinem Gotte daß er mir eine mitfühlende Seele gegeben – die sich an Ihrer Freude an Ihrem Entzücken und Ihrem Wolsein innigst u. aufrichtigst erquickt.

Ich finde es geradezu enthusiasmirend Ihre Schilderungen zu lesen. All Ihre etwas verkümmerte Genussfähigkeit voll erwacht zu sehen – überhaupt mit Ihrer Intelligenz genießen zu können – wirklich der Gedanke wirkt auf mich animirend wie wenn etwa die ozonreiche Luft des Engadin in unsere chauffirten Räume eindränge“. |3| Nein, daß Sie endlich gefunden haben was für Ihr Wolsein Ihre Behaglichkeit notwendig – daß Natur u. Menschenhand sich so geeint Ihnen das am zuträglichsten Milieu zu schaffen – ist mir eine wahre Herzensfreude – die zu empfinden ich schon als Freude fühle. –

Es wird nur wie jedes irdische Glück sein Ende nehmen – die auch für Ihre Wärmebedürfnisse zu große Steigerung von Wärme wird der Engel mit dem Flammenschwerte sein der Sie aus diesem Paradies verjagt! – Aber dieser Zukunftsgedanke soll Ihnen die herrliche Gegenwart nicht verderben!

– Von Europa – nein von hier Ihnen etwas zu sagen – ça ne vaut pas la peine! – Ein ganz |4| stagnirender Zustand – ohne Haß u. Liebe – außer in den Facultätssitzungen – die mein Mann mit animo besucht. Bauers sah ich seit Wochen 1mal – wir leben fast in 2 Welten! Fleischhackers reisen halben März nach Spanien – Richter2 nächste Woche nach Algier. Wenn Sie Reininghauser3 Bier trinken am Rande der Wüste – so thue ich Ihnen zu wissen – daß es seit heute Actiengesellschaft ist. Daß Rullmann Chefredakteur4 ¬– wissen Sie wohl ohnehin schon? –

Noch eine Frage – wie verhalten sich die Schlangen zu Ihrem Paradiese? ich würde sie Schritt u. Tritt im Wüstensande fürchten! – Ebenso die Scorpione.

Nun bin ich überzeugt daß all Ihre Magenzustände nur Acclimatisirungszustände waren – es hätte so vieler Askese nicht bedurft!

Herzliche Grüße der Meinen u. Gottbefohlen weiter in lange entbehrter Freude u. Genuß!

In treuester Theilname
Annerose Zwiedineck


1 Wo sich Schuchardt von Februar bis April aufhält.

2 Eduard Richter (1847-1905), Geographieordinarius in Graz; seit 1873 in 2. Ehe verheiratet mit Luise Seefeldner, einer Freundin seiner ersten Frau, Julie von Frey, die im Wochenbett verstarb.

3 Aus Westfalen stammende Unternehmerfamilie.

4 Wilhelm Rullmann (1841-1918), aus Hessen stammend, Redakteur verschiedener Tageszeitungen, seit 1879 bei der Grazer Tagespost, deren Chefredakteur er später wurde; vgl. HSA 09814-09852.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 13089)