Anna von Zwiedineck an Hugo Schuchardt (14-13071)
an Hugo Schuchardt
05. 01. 1896
Deutsch
Zitiervorschlag: Anna von Zwiedineck an Hugo Schuchardt (14-13071). Graz, 05. 01. 1896. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.9000, abgerufen am 16. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.9000.
Graz 5/1 96
Ich wage wohl kaum an Sie zu schreiben, und Sie um Nachricht zu bitten, – denn wenig tröstlich klingen Ihre letzten Zeilen!1
Muth mein Freund Muth! Ich hoffe ja noch immer – aber einmal muß dieser Leidenskelch doch an die Lippe gesetzt werden – und da gibt es dann keinen andern Trost als der Gedanke – es war der letzte Liebesdienst! |2| Ich fürchte viel eher für die geliebte Patientin es werde ein lange dauerndes Erlöschen sein – mit langsamer Abnahme der Kräfte, ein Zustand, der ihr ein Leiden u. Unbehagen schafft u. den man durch nichts lindern – den man nicht bessern kann! – Ich denke wohl ungezählte Male an Sie lieber, armer Freund – wie trostlos muß es Ihnen sein! |3| Wie gerne stünde ich Ihnen bei! – Grämen Sie sich nicht zu sehr über die Affaire mit Ihrer Tante – es ist das nicht bloß bourgeoiserie ich glaube sie wird das selbst einsehen und nur tief bedauern daß es eben so ist. –
Ihr Kommen scheint wohl auf lange in Frage gestellt? –
Und mit Augusten haben Sie – ich bitte Sie Geduld!
Ich stelle mir vor, daß sie |4| diese oft auf die Seite stellen wird –, wie gut sie es auch meinen mag! ¬– Ach ich stelle mir alles so deutlich vor – und nichts gar nichts kann ich thun!! – Küssen Sie Ihr nur einmal noch statt mir die liebe liebe Hand –!
Milch mit Cognac – hat der Arzt wohl verordnet? ¬–
Ich grüße Sie innigst ¬– !
Könnte mein Kommen nützen –
ich käme! –
Gott helfe Ihnen! – Herzlichst
Anna Zwiedineck
Hans grüßt Sie allerherzlichst!
1 Vgl. HSA 13070.
