Anna von Zwiedineck an Hugo Schuchardt (13-13070)

von Anna von Zwiedineck

an Hugo Schuchardt

Graz

29. 12. 1895

language Deutsch

Zitiervorschlag: Anna von Zwiedineck an Hugo Schuchardt (13-13070). Graz, 29. 12. 1895. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8999, abgerufen am 06. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8999.


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Graz 29/12 95

Armer Freund

soeben kommt Ihr Brief – der nicht viel tröstliches bringt! – Hoffen muß man ja immer noch – aber – darf man so egoistisch sein – der geliebten Kranken ein vielleicht Jahre währendes Siechthum zu wünschen? – Denn ich fürchte doch, daß sich schon seit längerem eine stete leise Abnahme der Kräfte vorbereitet hat. Wie schmerzlich es ist, das sehen zu müssen!! |2| Und doch, wie glücklich bin ich für Sie, daß Sie sie doch noch gefunden; daß sie selbst noch das beruhigende Gefühl empfindet ihren Einzigen um sich zu haben! –

Es mag ja sein, daß das nicht mehr so lebhaft zum Ausdruck kommt – aber es ist doch ein großes Glück für Sie Beide!

Und wenn ihr der Abschied von dieser Welt nicht zu schwer fällt, seien Sie nicht betrübt um diesen Ausspruch, |3| es ist ja nur die schwache Lebenskraft die das äußert – nicht der Mangel an Liebe und Theilnahme! –

Wie gerne gienge ich Ihnen mit allen Kleinig- und Kleinlichkeiten an die Hand! – Wie gerne Ihr noch einen Dienst erweisen! – Gerne wollte ich Ihre arme Tante1 bei mir einlogiren – ich sehe ja wirklich ein, daß sie nicht bleiben konnte! ¬– Werden Sie nicht ein Pflegeheim nehmen müssen? – Da Auguste doch Nachts sich ausruhen |4| soll! Verzeihen Sie – ich möchte nur helfen Ihnen und Ihr! –

Sie leidet doch nicht? Nur das soll ihr der liebe Herrgott schenken, – davor bewahren!

Leben Sie wohl – tausend mal denke ich an Sie, könnte Freundschaft nur Etwas beitragen den Schmerz zu erleichtern – diese Mutter so abnehmen zu sehen! –

Behüte Sie Gott – küssen
Sie Ihr einmal statt mir die
Hände! –
Herzlichst

Anna Zwiedineck


1 Therese Bridel ist die einzig nachweise Tante Schuchardts, die zu diesem Zeitpunkt noch in Gotha lebt. Sollte Auguste eine Pflegerin der Mutter sein?

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 13070)