Leo Reinisch an Hugo Schuchardt (95-09284)
von Leo Reinisch
an Hugo Schuchardt
23. 03. 1913
Deutsch
Schlagwörter: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes Universität Wien Lepsius, Karl Richard Schroeder, Leopold von Holzhausen, Adolf Müller, David Heinrich von Geyer, Rudolf Rhodokanakis, Nikolaus Wien Kairo Schuchardt, Hugo (1913)
Zitiervorschlag: Leo Reinisch an Hugo Schuchardt (95-09284). Wien, 23. 03. 1913. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8912, abgerufen am 12. 02. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8912.
W., 23. 3.13
Lieber verehrter Freund,
Si vales, bene est, ego non valeo,1 aber ich versuche nicht ganz u. gar unverständig zu schreiben. Was zunächst mein Meroitisches Buch betrifft,2 so behalten Sie es so lange Sie es brauchen. Ich gehe doch mit nächstem Monat nach dem Süden, wohin – mir noch nicht klar. Es wäre mir Brione3 wegen der sonnigen Lage schon recht, aber dorthin sollen nur mehr Multimillionäre u. Hochstapler gehen können, ist also für mich geschlossen. So denke ich zunächst nach Lusin4 „in ša Alluh!“5 Also an Meroitische Studien ist jetzt nicht zu denken bei mir!
Was die nubischen Namen betrifft, di ich in „di sprachl. St.“ &c.6 S. 58 angeführt habe, so nennt sich Silko selbst einen König der Nubier: Έγῶ Σιλκὼ Βασιλίσκος Νουβάδων (Inschrift aus dem 6. christl. Jahrhundert, abgedruckt in: Fr. Calliaud, Voyageà Méroé &c. III, 378ff.) Die andren drei Namen gehören den Königen der 25. Dynastie an u. lauten bei Africanus u. Eusebius also; 1) Σαβακων 2) Σεβιλος 3) Ταρκος bei Afric. Ταρακος bei Eusebius. Die ägyptische Schreibung: 1) Šabaků, 2) Šabat-k 3)Tahar-kå. Brugsch7 u. a. hielten das Auslaut-ko noch für den Artikel, Lepsius8 als nubische Accusativendung, aber warum sollten sie ihre Namen im Objectcasus angeben? Ich betrachte diese Endung als Postposition oder vielmehr als Relation: begabt mit – habend (eine bestimmte Eigenschaft u. dgl.). Ueber Sil in Sil-no finde ich keinen Anhalt |2| zu einer Uebersetzung. Die drei andren Namen scheinen mir dem Stamm nach zu urteilen, semitischer Herkunft zu sein; Tahar-kō Licht-, Glanzvoll, -habend ﺮﻬﺷצהרŠaba u. Šaba-t, letzteres zeigt ein feminines -t, das im entsprechenden Σεβι-χους zu ι übergegangen ist, wie ja späteres y = altem t. Ueber die Bedeutung wage ich nichts zu sagen.
Sie fragen nach dem Verfasser der Prosawidmung an mich im Zeitschriftband.9 Natürlich Schröder, Dichter u. Stilist!10
Daß Sie meine Nubasprache11 noch brauchbar finden, dieses Urteil freut mich. Die Schwächen dieses Buches erklären sich leicht daher, daß ich zur Sammlung des Materials (Texte), woraus ich dann erst zu Hause in Wien die Grammatik u. das Wörterbuch geschaffen habe, nicht ganz sechs Wochen Zeit hatte u. zwar täglich 2-3 Stunden, die übrige Zeit galt dem Museum in Kairo u. Geschäftsgängen. Almkvist hat über sechs Monate gesammelt.12Lepsius hat an meinem Buch alles auszustellen,13 ich weiß schon weshalb u. habe mich nie darüber gegrämt. Ich hatte keinen Leisten vorhanden, nach welchem ich meinen Stiefel zuschneiden konnte u. kein Mensch hat noch mehr geleistet, als er im Stande war.
Ich habe vor ein Paar Tagen Holzhausen14 gesprochen: an Ihrem Artikel, der gegen 20 SS. im Druck geben wird, wird fleißig gesetzt.15
Über den Nachfolger von DH Müller hat die Fakultät noch keine Vorschläge erstattet, die Kommission noch keine Sitzung abgehalten. Man denkt an keine Berufung, sondern Prof. extraord.Geier16 soll Ordinarius werden u. Hrozny17 a. o. Prof, für Assyr. u. Babylonisch werden. Ob Rhodok. u. Haffner |2| in Innsbruck18 mit Geier19 in die Terna20 kommen, darüber noch keine Einigung, jedenfalls kommen sie ins Referat. So viel was ich vernommen.
Mehr weiß ich heute nicht mitzuteilen. Nun wünsche ich Ihnen volle Gesundung u. eine gedeihliche Entwicklung des Kropfes.21
Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr L Reinisch
1 Eigentlich: Si vales bene est, ego quidem valeo.
2 Vermutlich ist gem. Reinisch, Texte der Bilin-Sprache, Leipzig: Griebeng, 1883 .
3 Brione ist ein Dorf im Tessin; vermutlich gem. ist die Inselgruppe in der kroatischen Adria, ital. Brioni, kroat. Brijuni.
4 Lussinpiccolo / Mali Lošinj, Stadt auf der kroatischen Insel Lošinj in der nördlichen Adria.
5 „So Gott will!“
6 Reinisch, Die sprachliche Stellung des Nuba, Wien: Hölder, 1911.
7 Heinrich Brugsch, gen. Brugsch-Pascha (1827-1894), deutscher Ägyptologe.
8 Karl Richard Lepsius (1810-1884), deutscher Ägyptologe; vgl. HSA 06410-06415.
9 Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 26, 1912, Dieser Band ist Reinisch zu seinem 80. Geburtstag am 26.10.1912 gewidmet.
10 Leopold von Schroeder (1831-1920), deutsch-baltischer Orientalist (bes. Indologie), seit 1899 Ordinarius in Wien; er war von 1899 bis 1917/18 Hrsg. der WZKM.
11 Reinisch, Die sprachliche Stellung des Nuba, Wien 1911 (Akademie der Wissenschaften Wien / Kommission zur Erforschung von Illiteraten Sprachen Aussereuropäischer Völker: Schriften der Sprachenkommission; 3).
12 Herman Almkvist, Nubische Studien im Sudān, aus dem Nachlass Herman Almkvists hrsg. von K. V. Zetterstéen, Uppsala [u.a.], 1911 (Vilhelm Ekmans Fond: Arbeiten; 10).
13 Vgl. Helmut Satzinger, Internationales Leo Reinisch-Symposium. Wien, 22. Bis 25. Oktober 1982.REINISCH‘ WERK ALS ÄGYPTOLOGE: https://homepage.univie.ac.at/helmut.satzinger/Texte/ReinAegyptol.PDF
14 Adolf Holzhausen (1868-1931), österr. Verleger und Buchhändler.
15 Schuchardt, „Das Meroitische“, Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 27, 193, 163-183.
16 Gem. ist Rudolf Geyer (1861-1929), österr. Orientalist u. Bibliothekar; ab 1915 Müllers Nachfolger.
17 Friedrich (Bedřich) Hrozný (1879-1952), tschech.-österr. Altorientalist.
18 August Haffner (1869-1941), Orientalist (Semitist), ab 1917 Prof. in Innsbruck.
19 Rudolf Geyer (1861-1929), österr. Orientalist; er wurde Müllers Nachfolger.
20 Dreierliste bei anstehenden Berufungen.
21 Vgl. HSA 09285. Ob es sich um einen Scherz oder eine wirkliche Erkrankung der Schilddrüse handelt ist nicht bekannt.
