Leo Reinisch an Hugo Schuchardt (93-09282)
von Leo Reinisch
an Hugo Schuchardt
20. 01. 1913
Deutsch
Schlagwörter: Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften (Berlin)
Nubische Sprachen Schäfer, Heinrich Junker, Heinrich Müller, David Heinrich von Rhodokanakis, Nikolaus Wien Kairo
Zitiervorschlag: Leo Reinisch an Hugo Schuchardt (93-09282). Wien, 20. 01. 1913. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8910, abgerufen am 19. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8910.
Wien, 20.1.1913
Lieber Freund,
Die acht Seiten nubischer Texte von Junker-Schäfer1 sind ein Probeabdruck; der eigentliche Satz wird erst später vorgenommen werden, nachdemn sich J.-Sch. geäußert haben. Ob der Satz vor einem halben Jahre in Angriff genommen werden kann, weiß ich noch nicht, vorläufig kommt in der Sprachenkommission das Tigray-Wörterbuch der Herren Coulbeaux Schreiber in Satz, das an 60 Bogen geben dürfte.2 Diese nubischen Texte von J.-Sch. stammen aus der nubischen Expedition, welche unsere Akademie im vergangenen Jahre veranlaßt hat, daher wurden auch die Ergebnisse der Expedition in den Schriften unserer Sprachenkommission veröffentlicht.3 Vor zwei Jahren hat die Berliner Akademie eine nubische Expedition (unter Führung von Prof. Schäfer,4 der sich Junker’s Beihilfe von unserer Akademie erbeten hatte) entsandt, um die ägyptischen Inschriften Nubiens aufzunemen u. so vor der Vernichtung wegen des Staudammes zu retten. Diese Expedition hat sich nebenbei auch die Aufgabe gestellt, Kenzitexte zu sammeln; diese werden dann in den Schriften der Berliner Akademie publiziert werden.
Was nun das Nubische aus Kordofan betrifft, so liegt noch viel zu wenig vor, um gedruckt werden zu können. Junker hat in Kairo ganz wenig erfragen können. Es existiert in Kairo kein |2| Kordofan-Nubier, seit der Besiegung der Mahdisten5 sind alle Nubier in ihre Berge zurückgekehrt. Ich bin derzeit daran, von der Akademie eine Summe zu erlangen, um dann Prof. Junker für die Monate September-Dezember nach den Nubabergen entsenden zu können.
Fadiḱa-Fiad. Erstere Form ist die gewönlichere, weil kürzere; grammatisch richtiger ist Fiard.; zu dem a s. sprachliche Stellung der Nuba6 S. 5 unten u. §. 32 (S. 25). Die Ermittelung des kenzischen -cn = ז“- ist mir einleuchtend, also eine grammatische Form ins Nuba eingeführt!
Das Suffix -irgi, -rigi deckt sich mal mit -laton, -ilton, -irton, -roton, vgl. die sprachl. Stellung &c. S. 67, 9.100 e; das gi (gin) beziehe ich auf κωn, wie ton auf tωn. Das -ka in ar-ka &c. ist vielleicht mit dem Objektzeichen ka, ki identisch: beim nemen, kommen &c.
Es wird schon willkommen sein, wenn Sie in den Schriften der Sprachenkommission einen Beitrag liefern; erwünscht ein Band nicht unter 10 Druckbogen.
Ueber die Wiederbesetzung des Lehrstuhls von DHMüller7 höre ich manches, aber vom Ministerium ist bis dato noch kein Auftrag wegen Erstattung von Vorschlägen gekommen. Eigentlich sollte die Fakultät darauf gar nicht warten, allein die Herren sind nicht einig, daher auch noch keine Kommission einberufen ist. Rhodokanakis wäre nicht zu umgehen, aber er äußerte sich schon zu mereren, daß er nicht nach Wien gehen möge; trotzdem wird er in den Vorschlag doch aufgenommen werden müssen. Sie möchte ich speziell bitten, daß Sie für die Akademiewahl im Mai einen Vorschlag einbringen für die Wahl von Rhod. zum korresp. Mitglied; ich u. andere werden dann mitunterzeichnen.
Herzlich grüßend
Ihr
L Reinisch
1 Hermann Junker-Heinrich Schäfer, Nubische Texte 1: Kinderspiele und Reime, Sonderabdruck aus den Schriften der Sprachenkommission der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften, 1913, 46 S.
2 Dictionnaire de la langue Tigraï par P. S. Coulbeaux et J. Schreiber, Wien: Hölder, 1915 (Akademie der Wissenschaften Wien / Kommission zur Erforschung von Illiteraten Sprachen Aussereuropäischer Völker: Schriften, 6).
3 Im offenbar nicht korrigierten Brieftext folgt ein erneutes „wurden“.
4 Heinrich Schäfer (1868-1957), deutscher Ägyptologe; vgl. HSA 09995-09997.
5 Anhänger des sudanesischen Derwischs Muhammad Ahmad, der sich 1881 zum Mahdi erklärte und den zur Beseitigung der britisch-ägyptischen Fremdherrschaft führenden „Mahdiaufstand“ anführte ( google).
6 Reinisch, Die sprachliche Stellung des Nuba, Wien 1911 (Akademie der Wissenschaften Wien / Kommission zur Erforschung von Illiteraten Sprachen Aussereuropäischer Völker: Schriften der Sprachenkommission; 3).
7 David Heinrich Müller (1846-1912), österr. Semitist; vgl. HSA 07560-07566.
