Leo Reinisch an Hugo Schuchardt (43-09233)

von Leo Reinisch

an Hugo Schuchardt

Sankt Stefan ob Stainz

10. 09. 1910

language Deutsch

Schlagwörter: language Schilluklanguage Deutsch

Zitiervorschlag: Leo Reinisch an Hugo Schuchardt (43-09233). Sankt Stefan ob Stainz, 10. 09. 1910. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8860, abgerufen am 26. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8860.


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Reinischhof 10.9.1910.

Lieber verehrter Freund,

Mit Freude gebe ich Ihnen das osculum pacis,1 aber furchtbar leid tut es mir, daß Sie offenbar wegen der schlechten Witterungsverhältnisse an Ihren Nerven so zu leiden haben. Mich selbst hat der fast continuierliche Regen schon melancholisch gemacht u. bin nicht in der Lage zu arbeiten u. zu schreiben. Ich habe vor mir drei Manuscripte eines deutschen Missionars bei den Schilluk, die Sprache dieses Volkes behandelnd, sie sind aber so confus u. unverdaulich, daß ich darüber alle gute Laune eingebüßt habe. Er will, daß diese Manuscripte von mir zum Druck vorbereitet werden u. ich habe auch damit begonnen. Die Sprache der Schilluk interessiert mich ja sehr u. ich habe mit aller Mühe auch so ziemlich den Bau der Sprache bestimmen können, aber in Einzelheiten einzudringen gestatten die wirren Zusammenstellungen nicht recht. So oft ich mich an die Lektüre mache, bin ich nach kurzem |2| schon mißmutig u. verstimmt. P. W. Banholzer,2 das der Autor, schreibt mir: „ich spreche das Schilluk wie das Deutsche“. Aber seine Aufschreibungen sind zum Verzweifeln unklar. Um eine grammatische Regel zu erklären, gibt er ellenlange Schilluksätze, ohne die einzelnen Wörter zu übersetzen. Meine Entzifferungsversuche scheitern hier gänzlich.

Zu dieser meiner Verzweiflung kommt nun auch das ewig schlechte Wetter. Seit Anfang August muß ich mein Wohnzimmer heizen! Gehen wir wirklich einer neuen Glacialperiode entgegen? Schade dann um Ihr schönes Haus sammt dem Rosengarten! Allein anstatt Sie dieses liebliche Heim verlassen u. sich an der meteorologischen Reichsanstalt als k. k. Laubfrosch anstellen lassen, möchte ich Ihnen vorschlagen, nach dem Albert Nyanza3 zu übersiedeln, wo die gleichmäßige Wärme Ihren Nerven woltun wird. Ich würde mich Ihnen zu dieser Auswanderung anschließen, wenn ich nicht 78 Jahre alt wäre u. es also nicht dafür steht, eine Localveränderung vorzunemen.

Mit den herzlichsten Wünschen u. Grüßen

Ihr
L Reinisch


1 „Friedenskuss“ (Anlass unklar).

2 Pater Wilhelm Banholzer (1873-1914), FSC [Fratres Scholarum Christianorum], Missionar in Schilluk, aus Rottweil stammend, aus seiner Feder stammen Come vestono e come s'adornano gli Scilluk, Nigrizia 1904 (sonst keine weiteren Publikationen nachweisbar).

3 Großes Becken des Nil.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 09233)