Emil Metzger an Hugo Schuchardt (02-07123)

von Emil Metzger

an Hugo Schuchardt

Stuttgart

09. 01. 1882

language Deutsch

Schlagwörter: Idiomatiklanguage Malaiischlanguage Niederländischlanguage Spanischlanguage Portugiesischlanguage Romanische Sprachen Cust, Robert Needham Kern, Johan Hendrik Caspar Indien Timor Sumatra Cust, Robert Needham (1878)

Zitiervorschlag: Emil Metzger an Hugo Schuchardt (02-07123). Stuttgart, 09. 01. 1882. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8791, abgerufen am 03. 10. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8791.


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Stuttgart Kriegsbergstr 29.II
Januar 9er 1882

Hochgeehrter Herr!

Ich bitte zunächst um Verzeihung, daß ich Ihre freundlichen Zeilen vom 1en. d.1 heute erst beantworte.

Um gleich in medias res zu kommen, möchte ich mittheilen daß, was wir Batavisch Malayisch nennen nicht zu den eigentlichen Mischidiomen gehört.

Die Grammatik ist so einfach, daß eine ausgebildete Grammatik wie die Holländische, Spanische oder Portugiesische kaum einen Einfluß geübt haben dürfte.

Eine Liste von Worten, die ich ohne Auswahl, ein[em] Vocabularium entnommen habe geht hierbei; da ich nicht weiß ob Ihnen holländisch bekannt ist, habe ich die Herkunft angedeutet wo die Worte aus dem Holl. kommen; für Spanisch und Portugiesisch werden Sie selbst dies leicht finden.

Es scheint nl.2 mir noch gar nicht erwiesen daß die romanischen Wörter aus dem Portug. genommen sein müssen; in einem Falle (Beil 2) habe ich die feste Ueberzeugung daß das Wort aus dem Spanischen kommt.

So heißen zb. Pantoffeln ohne Absätze mal. tjenela. Kommt dies nun von chinela sp. oder chinella portugies. (oder waren die Worte im 16n. Jahrhundert identisch?)

Aus der Liste werden Sie vielleicht ersehen können, |2| welcher Art die Worte sind die man den europ. Sprachen entlehnt hat.

Meine Grammatik der (hoch) malayischen Sprache und meine Vocabularien des indo Mal. sind alle holländisch abgefaßt; wenn Sie es im Interesse Ihrer Arbeit wünschenswerth finden will ich Ihnen gerne ein Vocabularium zuschicken oder auch den kurzen Abriss der Grammatik (des laag oder niedrigen, Batavischen Malayisch) welcher die Einleitung zu denselben bildet, auszugsweise übersetzen. Was nun das malayo-holländische betrifft, so glaube ich daß es nur als mehr oder weniger schlecht gesprochenes holländisch resp als verziertes Malayisch betrachtet werden kann. Der Mischling wird gesellschaftlich nicht für „voll“ angesehen; (gesetzlich hat er alle Rechte des Vollblut Europäer) er möchte aber gerne für voll gelten und sucht dies mit Anstrengung zu erreichen, auch in der Sprache. Da aber die malayische Sprache für alle dort Geborenen (auch die Kinder der Europäer) die eigentliche Muttersprache ist (da die Diener nur mit der Herrschaft und vice versa immer malayisch sprechen) so hat dies seine eigenthümliche Schwierigkeiten, sowohl der Aussprache als der Phraseologie und der Grammatik wegen zb. sprechen Mischlinge das H meist mit starker Aspiration (ź z) und wie alle Anfänger übersetzen sie anstatt den idiomatischen Ausdruck zu gebrauchen. So ist es ein bekannter, einem Mischling in den Mund gelegter Scherz: „Ich habe heute meinen Vater gepflanzt“ (tannem = pflanzen, begraben) so wird wohl Schieß.Pulver und Medicin verwechselt da obat im mal. beide Bedeutungen hat; ebenso wird das Agglutiniren des |3| Malayischen wohl auf das Holländische übertragen zb

Ich gewesen in er sein Haus –

Der Unterschied vom richtigen Holländisch hängt nun ab von der Bildungsstufe die der Einzelne erreicht hat; bei Manchem verräth sich die Eigenthümlichkeit nur durch eine leichte Färbung des Accents, die Wahl eines falschen Synonym’s, den Gebrauch eines Wortes des höheren Styls wo es nicht hingehört; dann in höherem Grade durch Solöcismen, endlich wird die ganze Sprache zu wörtlich, schlecht übersetztem Malayisch, mischt sich mit malayischen Worten und wird schließlich dem Holländer ganz unverständlich, so daß er schlißelich den Betreffenden ersuchen muß malayisch zu sprechen (was allerdings eine ultima ratio ist da es sehr übel genommen wird). Eine allgemeine Form hat aber eine solche Sprache nicht angenommen; wiewohl habituelle Fehler sich natürlich sehr bemerkbar machen – sie hängen aber wie gesagt von der Bildung und Anlage des Individuums ab.

Auch Eingeborene, namentlich Frauen, welche mit Europäern leben oder mit ihnen verheiratet sind, eingeborene Christen kurz alle die Personen welche meinen etwas Besseres als ihre Mitmenschen desselben Stammes zu sein, haben die Gewohnheit einzelne holländ Worte unter das übrigens richtig gesprochene malayische zu mengen, namentlich in der Anrede

Die gewöhnliche malayische Anrede ist Herr (oder Frau usw) mit der 3n Pers. etwa Ella, Usted.

Also heißt zb haben Sie mich verstanden?

Apa toewan soeda menjerti sama saya [oe = u zu sprechen] = hůff Au (??)

Fragewort Herr [Part. der Vergangenheit] verstehen mit ich auch was

Anstatt „ toewan“ wird nun Jemand der der ebenerwähn- |4| ten Klasse angehört leicht Mijnheer3 sagen und die Phrase würde lauten Apa Mijnheer soeda mengerti sama saija? Oder sie mengen das holl. persönl. Pron / U spr ü = Sie / in die Anrede / im gebildeten Malayisch wird nie das mal. Pron pers der 2n Pers gebraucht / haben dann aber wohl das Unglück es mit dem Pron. posses. zu verwechseln (Uw, uwe Ihre) auch einzelne holländische Worte werden eingeführt – von solchen Fehlern nun könnte ich Ihnen viele Proben zugehen lassen, da beinahe in jeder Novelle die in Indien spielt Mischlinge redend eingeführt werden.

Aehnliches findet sich auch in anderer Richtung; aecht malayische und javanische Worte haben kein F die gewöhnlichen Eingeborenen sagen immer P auch in Namen usw wo F stehen sollte. Die aber, die einmal F mit Mühe und Noth sagen gelernt haben bringen das F nun überall vor auch wo P sein sollte, wie sie glauben zur Verschönerung – Uebrigens können die Araber kein Psprechen; sie nennen das ebenerwähnte apa : affa und es macht einen tollen Eindruck die F’s und P’s in europ. Namen zb durch Malayen und Araber um die Wette nach verschiedener Richtung mißhandeln zu hören.

Uebrigens meine ich in meiner Jugend etwas Aehnliches als Scherz in Deutschland gehört zu haben: die Magd trägt die Supfe die Trepfe hinauf.

Was nun den Einfluß des Malayischen auf das Holländische angeht, so glaube ich, daß auch dieser, nach Ihrem Kriterium nur oberflächlicher Natur ist

Zunächst mag es wohl mehr eine Folge des Klima’s sein, daß eine gewisse Ruhe oder erlauben Sie mir das Wort – Mund- |5| faulheit eintritt, Vermeidung jedes überflüssigen Wortes, Sprechen per Infinitiv-Gebrauch kurzer, malayischer Ausdrücke für Gegenstände und Tha[e]tigkeiten für die das holländ. nur Umschreibungen hat während das kurze holländ. Wort die Sache nicht deutlich genug bezeichnet. zb für „tragen“ fallen mir etwa 10 malayische Worte ein, welche bedeuten

die Last an den beiden Enden eines Stockes – der auf der Schulter balancirt – tragen; tragen auf dem Rücken (Huckepack?)

״ ״ ״ in einem Tuch (Mütter die Kinder)

tragen in einem Tuch rittlings auf der Hüfte ( ״ ״ ״ )

״ ״ an der Brust (um sie zu säugen)

zu zwei oder mehr eine an einer Stange aufgehängte Last tragen; jeder Träger bildet einen Unterstützungspunkt ohne daß die Last auf seiner Schulter balanciert.

zu zweien eine Person tragen, welche auf den verschlungenen Händen der Träger sitzt, in der Hand tragen, auf dem Kopfe tragen usw. –

Ein weiteres Beispiel: Für Reis gibt es wohl ein Dutzend verschiedener Wörter jenachdem Grade des Wachsthums – für den Reis auf dem Halm dem rohen Reis, dem gekochten Reis letzterer hat auch verschiedene Namen nach der Art der Zubereitung – kurz die Sprache ist an Ausdru[e]cken des täglichen Lebens sehr reich.

Solche Ausdru[e]cke macht man sich, soweit man dieselben nöthig hat, bald eigen und wendet dieselben auch im holländischen an wenn man mit Bekannten über solche Sachen spricht – Ebenso bekommen im Malayischen (und anderen Sprachen des mal. Archipels) viele Worte nach der eigenthümlichen Be- |6| tonung eine ganz abweichende, specifische Bedeutung.

zb die schon erwähnte Partikel der Vergangenheit soeda wird gespr = sŭ-dă heißt dann also etwa „es ist geschehen“. Betont man aber die erste als „ungeheuer lang gezogene Länge“ die zweite ganz kurz also etwa: su-u-h-dă so heißt es: laß mich in Ruhe, als Zeichen der Ungeduld, des Aergers (Übrigens im Russ пошелъ Form der Vergangenheit für Packe dich!) So gibt es namentlich viele Monosyllaben die alle mögliche Sachen bedeuten jenachdem sie – namentlich gedehnt – ausgesprochen werden.

Nun, solche Sachen hat wohl jede Sprache, aber sie haben im gegebenen Falle auch den Weg in unser Holländisch gefunden (natürlich nur in vertraulichem Verkehr).

Ich hoffe Sie werden aus dem Vorhergehenden wenigstens meinen guten Willen erkennen, den ich bitte – wenn Sie ein Körnlein das Sie gebrauchen können finden – auch ferner auf die Probe stellen zu wollen.

Wegen der „Portugiesischen Christen“ habe ich sowohl meine Bibliothek als meine Notizen nachgesehen ohne etwas Besonderes zu finden. Ihre Zahl kann nur sehr klein sein die Zahl aller Europäer zu B[atavia] (worunter auch die Mischlinge) beträgt noch nicht 5000; im Verkehr gebrauchen sie jedenfalls malayisch vielleicht hat sich unter ihnen ein Restchen Portugiesisch erhalten.

Ich schreibe im Lauf der nächsten Tage nach Batavia und werde suchen etwas darüber zu erfahren; dies wird wie ich fürchte schwierig sein da die Leute ihre Eigenthümlichkeiten wenn sie noch bestehen sollten nicht leicht Frem- |7| den zeigen werden. Aus diesem und noch einem anderen Grunde würde ich Ihnen anrathen zu schreiben an:

- Herrn Mr (Meester = Dr juris) H. D Levijsohn Normann4

Mitglied des Rathes von Niederl Indien Batavia

Dieser Herr ist der Mäcen Batavias und als Mitglied des Kolonialen Rathes hat er die Macht in Händen und wird sich freuen Ihnen behülflich zu sein. Doch besteht hierfür noch ein zweiter Grund: die Insel Timor ist zur Hälfte in portugiesischem Besitz und da könnte schon etwas für Sie Interessantes auch in unsern Besitzungen zu finden sein (obwohl ich bei Cust, The languages of the Mal Archip.5 gar keine Andeutung in dieser Richtung finde. [am oberen Rand: Sie können meinen Namen gebrauchen, wenn Sie es wünschenswerth urtheilen will ich ihm auch noch direct schreiben. - ]

Ferner werde ich an einen meiner Freunde schreiben der Malakka genau kennt und vielleicht im Stande wäre Ihnen Mittheilungen zu machen; er befindet sich in Deli ( Sumatra) –

Vielleicht könnten Ihnen die Leidener Professoren P.J. Veth6 und Dr Kern7 helfen; das Anglo Chinese College ist mir unbekannt;8 übrigens glaube ich daß wenn Sie Sich etwa durch Ihre Regierung einführen lassen könnten sicher, doch wahrscheinlich auch ohne daß dies geschieht das Minister. der Kolonien Ihnen gerne behülfsam sein wird, ebenso auch des Bestuur van het Aardrykskundig Genootschap Amsterdam – wenn na[e]mlich Alle die genannten etwas wissen; der Weg der den meisten Erfolg verspricht ist Herr L. N,9 der wenn er es auch nicht selbst untersucht doch andere Sachverständige in Indien leicht zur Untersuchung bewegen kann und – Sie bekommen Material und keine „fertige“ Ansicht. |8| Nun zur Beantwortung Ihrer Frage über die Chinesen Wie ich schon mehrfach andeutete bedient man sich allgemein im Archipel des niedrig (Bataviasch) malayisch Dies lernen auch die Chinesen sowohl die eingewanderten Vollblut Chinesen Sin-Kees als die im Lande geborenen Halb usw Blut Ch (Perna Ka-an) (Aus China dürfen bekanntlich keine Frauen auswandern).

Erstere sprechen das mal. manchmal sehr unverständlich, abgesehen von der „Klangfarbe“ die abscheulich ist, können dieselben namentlich kein r aussprechen – sie sagen meist l, das e in der Endsilbe wird meist ganz offen, beinahe zum a, n lassen sie am Ende der Sylbe meist aus zb njoa für njon/ga [n und y verschmolzen] (kein Nasallaut zu spr.) auch wird leicht t für d gesetzt doch ist das zuerst genannte nämlich der Klang und die Vertauschung des l und r wohl am Störendsten.

Wenn es Sie interessirt kann ich Ihnen Sprachproben verschaffen.

Hochachtungsvoll Ihr sehr ergebener
E Metzger

Ich hoffe daß Sie die Beilage werden lesen können; ich kann sie leider nicht mehr abschreiben. Wenn nicht bitte sie mir mit den etwa kwestieusen Punkten bezeichnet zurückzuschicken da ich keine Kopie habe

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[Es schließen sich Auszüge aus zwei Publikationen an, die hier nicht wiedergegeben werden, da die Texte gedruckt vorliegen und in öffentlichen Bibliotheken Österreichs und Deutschlands einsehbar sind. Ob Schuchardt davon Gebrauch machte, wäre im einzelnen zu überprüfen!

Verzameling van eene menigte noodzakelijke zamenspraken met inlanders van allerlei klassen, in de laag maleische taal; voorafgegaan van eene beknopte spraakkunst dier taal; zoo als dat alles door den lageren maleijer wordt gesproken en verstaan, en zulks tot gemak van velen / Door Roorda van Eysinga, W. A. P., Batavia 1847

Robert Neddham Cust, A Sketch of the modern languages of the East Indies, London: Trübner, 1878.


1 „dieses (Monats)“.

2 „nämlich“.

3 Der niederl. Doppellaut ij wird im älteren Holl. meist ÿ geschrieben, was im folgenden in ij modernisiert wird.

4 Henry David Levijsohn-Norman (1836-1892), Raad van Indie (mit ihm ist keine Korrespondenz Schuchardts erhalten).

5 Robert Needham Cust (1821-1909), engl. Orientalist, Verf. zahlreicher sprachwissenschaftlicher Publikationen; der hier angegebene Titel konnte nicht identifiziert werden.

6 Pieter Johannes Veth (1814-1895), niederländischer Sprachwissenschaftler.

7 Johan Hendrik Caspar Kern (1833-1917), niederl. Sanskritist; vgl. HSA 05507-05519.

8 „Ying Wa College (also referred to as YWC, Anglo-Chinese College, Chinese: 英華書院) is a direct subsidised boys' secondary school in Kowloon, Hong Kong. It was established (as the Anglo-Chinese College) in Malacca in 1818 by the first Protestant missionary to China, Rev. Robert Morrison. In 1843, the college was moved to Hong Kong. Being the only school with over 200 years of history, it is the oldest school in Hong Kong“ ( https://en.wikipedia.org/wiki/Ying_Wa_College).

9 Henry David Levyssohn-Norman (1836-1892), Raad van Indie (keine Korrespondenz Schuchardts mit ihm ist erhalten).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07123)