Carlos von Koseritz an Hugo Schuchardt (01-05757)

von Carlos von Koseritz

an Hugo Schuchardt

Porto Alegre

06. 02. 1886

language Deutsch

Schlagwörter: language Deutschlanguage Portugiesischlanguage Germanische Sprachenlanguage Romanische Sprachenlanguage Englisch Schuchardt, Hugo (1883)

Zitiervorschlag: Carlos von Koseritz an Hugo Schuchardt (01-05757). Porto Alegre, 06. 02. 1886. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8784, abgerufen am 29. 01. 2023.


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Po. Alegre 6.er Febr. 1886

Geehrter Herr Professor!

Vielfache Beschäftigungen erlauben mir erst heute auf Ihr Schreiben vom 23.ten Sept. zu antworten. Über den von Ihnen behandelten Gegenstand gibt es nur diese eine kleine Arbeit, die ich Ihnen einlege1 und die wohl s. Z. Sellin2 zur Grundlage gedient hat.

Über deutsche, ins Portugiesische übergegangene Worte und Wendungen gibt es absolut nichts und auch sehr wenig Stoff dazu, da die Brasilianer kein Deutsch lernen und mithin auch keine deutschen Worte in ihre Sprache übersetzen können. Ich habe lange gesucht |2| und nur zwei Wörter gefunden die heute im hiesigen Portugiesisch eingebürgert sind und zwar kommen beide aus der Küche: Kuchen – cuca und Pfannkuchen – pannicuca –. Hier hat sich eine Corruption des deutschen Namens eingebürgert, weil die Speise dem hiesigen Kochbuche fremd war. In der Umgebung der Colonien radebrecht hier und da wol ein Brasilianern verständliches Deutsch, vermischt auch sein Portugiesisch mit deutschen korrumpirten Brocken, aber nur in der Unterhaltung mit Deutschen, eingebürgert hat sich sonst kein deutsches Wort im Portugiesischen. Eine oder die andere Redewendung hat Bekanntschaft erlangt, dadurch daß |3| ich und andere sie in der Presse verwendet haben, doch sind es nicht viele, da das Portugiesische selbst außerordentlich reich an Metaphern ist. Zu diesen Wendungen gehören: Hir em cima da colha, auf den Leim gehen; não caio n’esta, ich falle nicht darauf hinein, doch auch das ist nicht charakteristisch und ich glaube wirklich daß Sie nach dieser Richtung hin nichts erreichen werden. Zwischen germanischen und romanischen Sprachen ist ja die Vermischung weit schwieriger als zwischen zwei verschiedenen Sprachen germanischen Stammes, wie Deutsch und Englisch.

Es thut mir leid, geehrter Herr Professor, Ihnen nicht mehr bieten zu können.

Es grüßt
mit Hochachtung ergebenst

C. v. Koseritz


1 Nicht beigefügt. - Vgl. im Kontext Schuchardt,“'[Rez. von:] Coelho, F. Adolpho, Os dialectos romanicos ou neo-latinos na Africa, Asia e America. Notas complementares“, Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 4, 1883, 279-282 [zu Beginn äußert sich Schuchardt über die Schwierigkeiten der Materialbeschaffung].

2 Albrecht Wilhelm Sellin (1841-1933), aus Ludwigslust stammender Kolonialdirektor, von 1859-65 Landwirt in Deutschland, 1866 nach Brasilien ausgewandert, bis 69 Lehrer, 69-78 Direktor der Kolonie Nova Petropolis, 1879-87 freier Schriftsteller in Leipzig, 1892-97 Redakteur der freimaurerischen Zeitschr. Bundesblatt , 1897-1900 Gründer der Kolonie Hansa in Brasilien, 1900-08 Direktor der Hansischen Kol.-Gesellschaft in Hamburg. (Keine Korrespondenz mit Schuchardt).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05757)