Ernst Julius Beyer an Hugo Schuchardt (01-01003)

von Ernst Julius Beyer

an Hugo Schuchardt

Eisleben

23. 01. 1877

language Deutsch

Schlagwörter: England Italien Halle

Zitiervorschlag: Ernst Julius Beyer an Hugo Schuchardt (01-01003). Eisleben, 23. 01. 1877. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2022). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8772, abgerufen am 31. 01. 2023.


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Eisleben, den 23. Januar 1877

Sehr geehrter Herr Professor!

Wie ich schon einmal in ähnlicher Angelegenheit Ihre Güte in Anspruch genommen habe, wage ich es, durch eigentümliche Verhältnisse veranlaßt, wiederum, Sie mit einer Bitte zu behelligen. Ich habe nach Ablegung meines Staatsexamens und Ableistung des Probejahres an der Klosterschule in Roßleben, die Ihnen vielleicht bekannt ist, das Mißgeschick gehabt, für diesen Winter auf eine Anstellung verzichten zu müssen, nachdem gerade in der letzten Woche meines Probejahres mehrere Blutstürze auf einen wahrscheinlich schon vernachlässigten Katarrh in meiner Lunge aufmerksam gemacht hatten, der sorgfältige Ruhe und Pflege erforderte. Mein ursprünglicher Plan, im Winter nach England zu gehen, wurde dadurch undurchführbar, ich mußte mich statt dessen |2| mit einem Aufenthalt in der Heilanstalt zu Falkenstein im Taunus begnügen, wo Lungenkrankheiten in der Art wie in Görbersdorf1 behandelt werden. Nach siebenwöchentlichem Aufenthalte daselbst kehrte ich hierher zurück, um im Elternhause die im Ganzen erfolgreiche Kur zu vollenden. Ich bin jetzt wieder so weit hergestellt, daß ich Ostern wieder eine Stelle annehmen könnte. Indessen veranlaßt mich sowohl der Wunsch, durch einen längeren Aufenthalt im Süden mich für das ganze Leben vor Rückfällen zu schützen, als auch der, in’s Ausland zu kommen, bevor ich mich durch eine definitive Anstellung binde, zu dem Entschlusse, wo möglich auf mehrere Jahre nach Italien zu gehen. Da aber die Ausführung desselben mir nur möglich ist, wenn ich eine Hauslehrerstelle oder etwas Aehnliches annehmen kann, so darf ich mir Ihnen gegenüber wohl die Bitte erlauben, daß Sie sich meiner erinnern, falls eine Anfrage nach einem Hauslehrer oder Erzieher, der nach Italien zu gehen bereit ist, an Sie gerichtet werden sollte. Abschriften meiner Zeugnisse vom Staatsexamen und Probejahr könnte ich sofort zur Verfügung stellen. |3| Verzeihen Sie, darum bitte ich noch, Herr Professor, daß ich gerade Ihre Zeit durch mein Gesuch in Anspruch nehme. Ich glaube aber, daß für mich gerade dieser der beste Weg ist, mein Ziel zu erreichen, und hoffe, dabei auf die Güte und Nachsicht rechnen zu dürfen, mit der Sie in Halle sich mehrfach meiner angenommen haben.

In dieser Hoffnung empfehle ich mich Ihnen
als
Ihr dankbar ergebener
Schüler

Dr. Beyer


1 Bekanntes Lungensanatorium im damaligen Schlesien (heute Sokołowsko).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 01003)