Jakob Jud an Hugo Schuchardt (95-05214)

von Jakob Jud

an Hugo Schuchardt

Bern

04. 08. 1921

language Deutsch

Schlagwörter: language Sardisch Spitzer, Leo (1922) Heinimann, Siegfried (Hrsg.) (1992)

Zitiervorschlag: Jakob Jud an Hugo Schuchardt (95-05214). Bern, 04. 08. 1921. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8575, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.8575.


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Guggisberg, 4.VIII.21

Verehrter Meister!

Unsere Correspondenz hat einen monatelangen Unterbruch erfahren: ich wusste, dass Sie in einem intensiven Briefaustausch (im diplomatischen Jargon würde man sagen: Depeschenwechsel) mit Spitzer sich befanden und meine Nachrichten die Aktualität jener anderen hatten. War es da nicht das Beste für mich, in die Ecke zu stehen, bis das Werk abgeschlossen war, das Ihre Aufmerksamkeit voll und ganz verdiente?1|2| Das letzte Vierteljahr war ein wissenschaftlich wenig ergiebiger Zeitraum für mich: die zwölf Wochen Universität und Schule bei der immer drückenderen Hitze liess[en] jede Initiative erlahmen. Ich frage mich ja überhaupt mehr als einmal im Jahre, ob es sich überhaupt verantworten lässt, wissenschaftliche Forschung fortzuführen, wenn solche Last auf einen drückt: dabei ist ja gar nicht vorauszusehen, dass dieser Raubbau an Geist und Kraft einmal in nächster Zeit ein Ende nehme. Wenn die jetzigen Inhaber der romanischen Lehrstühle in der deutschen Schweiz das normale |3| Alter von 70 Jahren erreichen (was im Interesse der ihnen anvertrauten Unternehmungen mehr denn je zu wünschen ist), so muss ich beim ältesten noch 16 Jahre warten, wäre also dann bereits 56 Jahre alt, bis ich überhaupt eine Professur übernehmen könnte, also fast das Alter, in dem Sie, verehrter Meister, bereits den Rückzug in das otium antraten.2 Dazu tritt ja dann noch die immer tiefere Erkenntnis von der Stückarbeit all unseres Schaffens: ich bewege mich langsam in der Linie der immer grösser werdenden Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung und dem |4| Fortschreiten der romanischen Linguistik überhaupt. Welch bittere Perspektiven aber erst für deutsche Forscher auf dem Gebiete der Linguistik! Ein solch trefflicher Forscher wie Wagner3 muss sich abraggern [sic], weil der jetzige Ordinarius von Berlin romanische Linguistik als nicht mehr „universitätsfähig“ betrachtet.4 Heute ist in Deutschland: „neuere französ. Litteratur“ und „spanische Litteratur“ im Markkurs hoch: gleich strömen alle jungen Forscher in das Gebiet, das die grössten Chancen bietet, selbst wenn ihre Anlage ganz anderswo liegt. Früher musste jeder einen altfranzösischen Text herausgeben, jetzt muss er ein Colleg über die französ. Litt. |5| von 1900 – 1920 zu lesen bereit sein. Wo steht ein Forscher auf, der erklären würde: ich bin Literarhistoriker und kein Linguist! Überhaupt waltet ein Unglückstern über der romanischen Linguistik: Diez durfte in seiner Universitätstätigkeit sich kaum je zum Verfassen der Romanischen Grammatik bekennen, Meyer-Lübke muss neufranz. Littgesch. neben der roman. Linguistik dozieren und jeder Textherausgeber wähnt Linguist zu sein und reitet sie mit der Buchstabenanbetung zu Tode. Mit Spitzer führte ich letzthin eine Diskussion über die Aner- |6| kennung, die Ihnen, verehrter Meister, unter den Romanisten Deutschlands zu Teil geworden sei, auch wäre es fesselnd, nachzuprüfen, mit welchen deutschen Forschern Sie überhaupt in methodologische Diskussionen (auf dem roman. Gebiet) sich hätten einlassen müssen. Man hat sich des Namens Schuchardts gerne im Auslande gerühmt, aber wirklich verstanden wurden Sie kaum bei Ihren deutschen Romanisten; Ihre Anschauungen wurden in den Hörsälen der deutschen Univ. kaum je verkündet oder gar diskutiert. |7| Hat Ihre Schrift Über die Lautgesetze überhaupt eine Diskussion von Seiten deutscher Romanisten erfahren?

Aber ich weiss, dass ich hier an einen Punkt rühre, der Ihnen weh tun könnte und Sie könnten sich ja darauf berufen, dass Ihre Forschungen auch in französ. oder ital. Universität. selten je besprochen worden wären (was allerdings für Paris 1905 nicht stimmen würde).

Frau Cornu5 war diesen Frühling in der Schweiz und versprach, bei mir vorbeizukommen anlässlich ihrer Rückkehr nach Oesterreich: hat sie einmal bei Ihnen vorgesprochen? |8| Mir ist das ganze Verhältnis von Cornu zu seiner Frau immer rätselhafter geworden; wenn ich richtig sehe, hat Cornu doch unter seinem Aufenthalt in Oesterreich mit seinen ganz anderen sozialen und menschlichen Anschauungen schwerer gelitten als er es nach Aussen zu erkennen gab!

Aber nun Schluss mit diesem „nichtwissenschaftlichen“ Brief! ich möchte Ihnen ein gutes Sommerende und einen guten Herbst wünschen und Sie freundlich bitten, des zürcherischen Boten sich etwa zu erinnern.

Mit warmem Gruss
Ihr

Jud.6


1 Hugo Schuchardt-Brevier; ein Vademekum der allgemeinen Sprachwissenschaft; als Festgabe zum 80. Geburtstag des Meisters, zusammengestellt und eingeleitet von Leo Spitzer, Halle (Saale): Verlag Max Niemeyer, 1922.

2 Jud ist zu pessimistisch; im Jahr 1922 wurde er zum Zürcher Extraordinarius ernannt (ab WS 1923/24 vollamtlich).

3 Max Leopold Wagner (1880-1962), deutscher Romanist, einer der wenigen Spezialisten für Sardisch; er wurde zwar 1922 Berliner Ordinarius, aber bereits zwei Jahre später wegen „Sittlichkeitsvergehen“ (Homosexualität) emeritiert, lebte eine Zeitlang in Italien und Portugal und siedelte 1951 in die USA ( Washington D.C.) über; vgl. HSA 12578-12588.

4 Eduard Wechssler (1869-1949), seit 1920 Berliner Romanistikordinarius; vgl. HSA 12696.

5 Marie-Thérèse Cornu-Kluckauf (1853-?), vgl. HSA 01844-01955.

6 Heinimann, 1992, Nr. 23, 34-35 (stark gekürzt).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05214)