Hugo Schuchardt an Jakob Jud (93-HSJJ29)

von Hugo Schuchardt

an Jakob Jud

Graz

21. 03. 1921

language Deutsch

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Jakob Jud (93-HSJJ29). Graz, 21. 03. 1921. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8573, abgerufen am 09. 02. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8573.


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Graz, 21.3. ‘21

Teuere Wohltäter,

Ich danke Ihnen für die lieben Briefe und besonders der Frau Gemahlin, die ja schon vor der Ehe Romanistin gewesen zu sein scheint.1

Ich antworte sofort, da mich zwei Dinge dazu drängen.

Erstens Politisches. Aber hegen Sie keine Besorgnis – ich bin in allem Wesentlichen mit Ihnen einverstanden; Sie rennen also offene Türen ein. Nun hat aber Spitzer um genauere, oder vielmehr um bestimmtere Formulierung meiner Ansichten gebeten: „ … Ihre Auffassung der Kriegsprobleme ist schließ- |2| lich mit Ihrem ganzen Menschen verknüpft“.2 Recht hat er und es liegt gar nicht in meinem Charakter, über etwas was ich getan oder geschrieben habe, ein Mäntelchen zu hängen. Etwas zurückzunehmen, ja das geht an, wenn man getäuscht worden ist; aber sich von seinen Ansichten bekehren, wenn man sie von jeher und nach reiflicher Prüfung gehegt hat, nein! Und ich glaube daß meine Ansichten über Sprache und Nationalität gesund und richtig sind vor Allem weil sie nicht nach den Ländern wechseln. Als einzige Kriegsziele hatten mir vorgeschwebt die Erhaltung des Deutschen überall da wo es ist, Schutz gegen seine Aufsaugung. Von Annexionen – wie allerdings manche meiner Landsleute habe ich nicht geträumt. Über die Kriegführung denke ich wie Sie; und die |3| grauenhafte Verwüstung Nordfrankreichs bedaure ich auch für die Deutschen. Wenn Sie übrigens von dem mangelnden Wollen zur Hülfe sprechen, so erinnere ich Sie daran daß Frankreich das Anerbieten durch deutsche Arbeiten den Aufbau besorgen zu lassen, zurückgewiesen hat. Nachdem was ich auch von Sachverständigen privatim erfahren habe, übersteigen die Forderungen der Entente die Leistungsfähigkeit der Deutschen beiweitem. Und böswillig darf man die Deutschen doch deshalb nicht nennen weil sie sich gegen eine wenngleich „gerechte“ Versklavung auf Generationen hinaus sträuben: Nur in einem Punkte – den Sie aber diesmal nicht berühren – gehen wir auseinander; in dem der Kriegsschuld; die Deutschen tragen sie nicht allein* [* am untern Rand hinzugefügt: Llyod George soll, The Nation (von 1914) zufolge, in einer um Weihnachten gehaltenen Rede gesagt haben, 1914 sei keine der Großmächte mit vollbewußter Absicht in den Krieg getreten] – auch der Pazifist Spitzer kann sich hierin der französischen Forderung nicht anbequemen. |4| Am wenigsten einer, der Napoleon III erlebt hat. Ganz klar ist die Kriegsschuld bei den Italienern, und die Ungerechtigkeit des Friedens ebenso. Meine beiden letzten Briefe hat d’Ovidio nicht beantwortet; er konnte nämlich nicht leugnen daß seine Hoffnung auf einen Frieden der ogni giustizia genugtun würde, sich nicht verwirklicht hat und daß die annektierten alcuni tedeschi in Wirklichkeit eine Viertelmillion ausmachen. Piatti chiari, amici cari erscheint mir ein immer nützlicherer

22. März

Leitspruch. – Ich mußte gestern abbrechen … Meine Frühjahrs- und Sommersschwäche, Kopfdruck, Abspannung u.s.w. melden sich schon. Ich will aber doch den einmal begonnenen Brief fortsetzen, mag er ausfallen wie er wolle. Ich hoffe daß mein Hinweis auf die mittlere Linie, der ich folge, auch die Mitglieder der Liga nicht vor den Kopf stoßen wird. |5| Ich grüße alle herzlichst – in Gedanken, denn ich muß doch Ihr Inkognito schonen. Die mir zugedachte Ehrung ist mir, wie ich schon Spitzer schrieb, aus dem Herzen genommen, sie ist überhaupt die schönste die sich denken läßt, die einzige, die wahrhaft dem vorschwebenden Ziele entspricht. Auch die Medaillen tun das nicht. Als 1918 Schweinfurth3 zum 80. Geburtstag die dritte Auflage seines Großen Buches: Im Herzen von Afrika – ich war nur mit einem Scherflein beteiligt – als Festgabe erhielt,4 sagte ich mir: so etwas muß es sein Bitte zweitens, den Zettel mit tosso an Hilka zu schicken wie er ist, falls Sie nicht etwas über das Schweizer Wort hinzuzufügen haben.5|6| Ich wollte es ja mir vom Halse schaffen, nicht etwa „darüber schreiben“. Ich denke mich in meinen alten, nein ältesten Tagen auf Beschäftigung mit allgemeinen Problemen zu beschränken, nicht meine Kräfte in etymologischen Unternehmungen zu verzetteln, die ja immer sehr zeitraubend sind und die aufgewandte Mühe nicht voll belohnen. Nun sprießen aber bei meinen wissenschaftlichen Betrachtungen, beständig – ja mehr denn je – etymologische Blümlein zu meinen Füßen auf; ich pflücke sie und gebe sie weiter, damit andere sie nach ihren Staubfäden untersuchen, und scheue sogar die Gefahr nicht, etwas Dummes oder längst Erledigtes zu sagen. Also ich verfahre ganz oben hin oder oder um mit Fischart zu reden „wie man einen Grindigen laust“.6 In diesem Lichte müssen Sie auch mein hamulacius (vgl. bei DC. ein hamulus, so statt hamulu zu (vgl. c ultellarius) |7| lesen, spätmittelalt. „Buchspange“) sehen; ich bin mir ja bewußt was Alles entgegensteht. Aber auch Ihr ambi-lattium erregt mir einige Bedenken; man sollte als seine Bedeutung nicht „Umrute“ erwarten, sondern „um eine Rute liegendes“ (jenes wäre mit ambi-latta bezeichnet worden).7 Kurz, je länger ich mich mit Etymologien beschäftige, desto mehr wächst mir der Gedanke an mehrfache Möglichkeiten. Man kann nicht wie bei der Liebe sagen:

Und klar auf einmal fühlt‘ ichs in mir werden,
Die ist es oder keine sonst auf Erden.8

Gerade bei den scharfsinnigsten, methodisch wertvollsten nicht. Die Evidenz ist immer einfach.

Bei Kopfdruck bin ich immer auch im allgemeinen bedrückt, und so jetzt (von Vermögensabgabe, unablässiger Preis- |8| steigerung u. dgl. abgesehen) in wissenschaftlicher Hinsicht. Ich hoffte endlich nachdem ich seit über dreißig Jahren an meiner Abhandlung: „Zur Kenntnis des Baskischen von Sara (Labourd)“ herum bastle, ein halbes Dutzend mal die Einleitung frisch geschrieben habe usw., sie endlich, da die Berliner Akademie wieder angefangen hat zu drucken, für diese druckfertig machen zu können. Gestern erfahre ich daß die Sitzungsberichte den Mitgliedern nur zwei Bogen (den Nichtm. nur 8 Seiten) zur Verfügung stellen. Und in diesem engen Raum kann ich sie bei allen Streichungen – in den letzten Jahren übe ich mich darin – nicht hineinpressen; zudem hatte ich an die Abhandlungen (= Denkschriften) gedacht und von denen ist gar nicht die Rede. Die Amsterdamer Akademie, deren Mitglied ich bin hat schon einmal eine größere Arbeit von mir veröffentlicht, aber die bezog sich auf eine niederländische Kolonie; wegen der in Frage Stehenden aber wage ich mich nicht an sie zu wenden, sie würde vielleicht sich mir willfährig |9| erweisen, und doch widerwillig d. h. nur mit Rücksicht auf mein hohes Alter, ich genieße ja schon mancherlei Gnadenbrot. Darauf daß die Baskologie durch zwei Holländer wie van Eys und Uhlenbeck glänzend vertreten ist,9 würde ich mich nicht berufen. Die baskische Akademie in San Sebastián, die bereit ist meine Arbeit sofort zu drucken, aber mit Übersetzung, würde ich auch sonst nicht behelligen wollen, da ich doch die nichtbaskischen Leser hauptsächlich berücksichtige. So habe ich mich denn mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß meine letzte größere Arbeit nachgelassen sein wird, eine die dann vielleicht von H. Urtel in Korrektur gelesen werden könnte (nur ohne seine Orthographie einzuführen)

Noch eines, zu Obigem. Sie mögen ganz recht haben: „Wenn in Deutschland auch nur ein großer Menschheitsgedanke während des Krieges auferstanden wäre!“ Denselben Wunsch hege ich auch für jetzt. Aber welcher große Menschheitsgedanke ist denn in Frankreich auferstanden und zwar – da es doch leichter war – während des Friedens? Ist es nicht Blasphemie wenn Briand von der Hochsinnigkeit der Sieger spricht die die Deutschen unfähig sein zu begreifen. Ich bin sehr müde.

Herzlichst,
Ihr getreuer

HSchuchardt

Die Post wird Ihnen den Ersatz des Weggegessenen: 12 Franken und einige Centimes zukommen lassen.


1 Sie war Romanistin und erste Lehrerin (Italienisch) am Lehrerseminar Küsnacht bei Zürich (Lehrerausbildung der Grundstufe (Primarlehrer). Nach der Heirat kümmerte sie sich allerdings in erster Linie um die Familie.

2 Der Satz findet sich nicht in den erhaltenen Spitzer-Briefen.

3 Georg Schweinfurth (1836-1925), deutschbaltischer Afrikanist; vgl. HSA 10440-10451.

4 Schweinfurth, Im Herzen von Afrika. Reisen und Entdeckungen im zentralen Äquatorial-Afrika während der Jahre 1868-1871; ein Beitrag zur Entdeckungsgeschichte von Afrika , 3., vom Verf. verb. Aufl. veranstaltet zu Ehren der Vollendung des 80. Lebensjahres des Verf. am 29. Dezember 1916 von seinen Freunden, Leipzig: Brockhaus, 1918.

5 Schuchardt, „ Bearn. tos, tosse (Dem. tosset) Trog, Kübel“, ZrP 41, 1921, 701-702. Dort findet sich ein Hinweis auf Frehner, vgl. hier Brief 05212.

6 Johann Fischardt, Geschichtklitterung (Gargantua deutsch), 1575/90, Titel (gegen Ende).

7 Kontext nicht geklärt; vgl. Spitzer ( 23.4.1921) an Schuchardt: „Ihr * amulaceus hat vor Jud * ambilattium voraus daß es an Näheres und Bekannteres verknüpft u. daß, wie M-L mir mitteilt, -ium nicht so im Gallischen verwendet wird“ (HSA 288-11048). Vgl. aber auch Jud, „ Rätoromanisch umblaz, Bündnerdeutsch amblaz, " Bündner Monatsblatt 1921, 37-51.

8 Friedrich Schiller, „Nicht ihres Lächelns“ [letzte Zeile] (Die Braut von Messina).

9 Willem Jan van Eys (1825-1914), niederl. Baskologe; vgl. HSA 02845-02868; Christian Cornelius Uhlenbeck (1867-1951), niederl. Sprachwiss. u. Baskologe; vgl. HSA 11908-11987.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Jaberg-Archiv, Universität Bern (Institute für Romanische Sprachen und Literaturen und Jaberg-Bibliothek). (Sig. HSJJ29)