Hugo Schuchardt an Jakob Jud (73-HSJJ21)

von Hugo Schuchardt

an Jakob Jud

Graz

19. 12. 1919

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Frankfurt Schuchardt, Hugo (1870) Schuchardt, Hugo (1906) Schuchardt, Hugo (1918) Cornu, Julius (1888) Schuchardt, Hugo (1919)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Jakob Jud (73-HSJJ21). Graz, 19. 12. 1919. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8553, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.8553.


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G., 19.12.’19.

Lieber Freund!

Antworten auf 8.XII und 12.XII:

1. agur. Einfach: augurium Beobachtung des Vogelfluges ~ mhd. wâr Beobachtung; so sagen die Wtbb. Deutsch zunächst wahr nehmen einer Sache dann eine Sache wahrnehmen: = catar d’agur, catar ad aig eine Beobachtung nehmen. Diesen Parallelismus empfand ich als einen so naheliegenden daß ich ihn nicht einmal erwähnte.

2. Schlitten. Bed. Lautw. Im Churw. 1870 S. 42 sage ich nur: „Für deutsches o erscheint eu usw. in schleusa … Schlitten … …“1 Wenn ich an ein bestimmtes deutsches Wort dachte, so habe ich es in dem verflossenen Halbjahrhundert vergessen. Beih. 3 zu W. u. S. finde ich augenblicklich nicht; in den Nebenräumen ist es auch kalt. Über das oder die baskischen Wörter für Schlitten habe ich mich irgendwo (Ztschr.?) geäussert.2

3. ambosta. Die Rev. de fil. esp. bekomme ich nie zu Gesicht (abgesehen von einem oder zwei Artikeln die mir Menéndez Pidal geschickt hat. |2| Wegen des r habe ich Sie früher einmal auf bask. bortz, borz neben bost fünf (eig. *Hand) verwiesen. Das ff von boffa scheint mir sehr auf die Einwirkung des Schallwortes buff- zurückzugehen (vgl. franz. bouffir usw.).

4. barga usw. – Darüber kann ich nicht urteilen, ich müßte zu mühselige Nachforschungen anstellen. Die Annahme einer Metathese ist mir an sich nicht wahrscheinlich und ich wüßte sie nicht mit den von mir R. L. im Berb. 52 angeführten Formen zu vereinen.3

5. laurex: Sehr glücklicher Gedanke! Man müßte nur die Naht feststellen welche zwischen den Fortsetzern des iberischen und des lat. Wortes besteht: laiteron, lacheron, larchon, larjon erklären sich auch ohne die andern. In einer deutschen, aber von Frankreich weit entfernten Md. heißt die Pflanze Leberdistel, wohl de lièvre.

6. Die Adresse von Hofrat Th. Gartner ist Bozen.4 Ich würde warten bis in bezug auf Deutsch Südtirol das letzte Wort gesprochen ist. Wie ich ihn kenne, nehme ich an daß er sehr gedrückter Stimmung ist, und |3| vorderhand nicht geneigt sein würde auf ein Ansinnen einzugehen, das in einem gewissen Zusammenhang mit der Ursache dieser Stimmung steht. Außerdem würde er über das auf altem österreichischen Boden Gesammelte wohl nicht ohne weiteres verfügen können; es waren vom alten Kultusministerium bedeutende Summen verausgabt und eingestellt worden um eine große Volksliedersammlung der verschiedenen Nationalitäten zu veranstalten.5 Ich selbst würde gern. mit G. mich ausführlich über Dinge unterhalten, die mich sehr interessieren. Wenn es nämlich im wissenschaftlichen Interesse ist zu erforschen, wie Sprachverschiebungen und Sprachdurchdringungen in früheren Jahrhunderten vor sich gegangen sind, so muß uns doch ebenso und noch mehr daran liegen, das Entstehen solcher Erscheinungen zu beobachten, also sich die Frage vorzulegen, welche Mittel die Italiener besitzen und welche sie tatsächlich anwenden, um Deutschsüdtirol zu italianisieren. Doch der Briefwechsel G.s wird gewiß überwacht.

7. Was Cornus Bibliothek angeht, so werde ich Ihnen, sobald ich etwas über deren Bestimmung erfahre, das berichten. Jetzt hat die Witwe noch nicht einmal auf die Beileidstelegramme von Pogatscher und mir geantwortet.6

|4| Und nun zu Cornu selbst. Ich hatte gehofft, Gauchat würde mir seinen Nachruf in der N. Zürcher Z. schicken;7 vielleicht hätte ich dann für Sie irgendwelche Ergänzungen oder Berichtigungen liefern können. Nun teile ich Ihnen ohne diesen Anlaß folgendes mit,8 das sich besonders an Ihre Kennzeichnung C.s als ruhigen Waadtländer anschließt. Ich bemerke vorher das[s] Cornu mir stets ein lieber Freund gewesen ist, und ich ihm; wir haben uns nie, sei es auch nur vorübergehend zerkriegt. Da ich seine Empfindlichkeit kannte und auch meinen eigenen Mangel an Behutsamkeit. So äußerte ich einmal seiner Frau gegenüber eine darauf bezügliche Befürchtung; sie erwiderte mir: Ihnen nimmt er |5| nichts übel. Pogatscher war mit ihm schon in Prag innig befreundet; ich habe mit ihm früher und jetzt wieder viel über C. gesprochen und unsere Urteile gingen in keinem wesentlichen Punkte auseinander. Pogatscher ist ein sehr ruhig denkender, besonnener Mensch und doch keineswegs ein Phlegmatiker. Cornu aber war kein ruhiger Waadtländer. Allerdings sprach er ruhig, ja breit, behaglich, geradezu buchmäßig (wahrscheinlich auch auf französische; doch kann ich mich nicht erinnern ihn in seiner Muttersprache reden gehört zu haben). Er hatte gewisse Lieblingswörter, wie dürfen er baute längere Sätze, wo wir uns eines kurzen Ausdrucks bedienen z. B. etwa: „wenn wir diesen Hügel überstiegen haben werden, dürften wir auf ein Wirtshaus stoßen“. Ich nannte ihn das Plusquamfuturum, und Meringer sagte mir einmal: „auch vor Cornu sind tausend Jahre wie ein Tag“. |6| Zu seinem Sprechen und seinem Schreiben (er hatte ja eine sehr schöne Hand) paßte nämlich auch seine Sorgfalt und Bedächtigkeit sein ganzes Tun; er war ein großer Cunctator. Dabei aber war er – was Sie überraschen wird – sehr erregbar. Ich habe das in genügenden Fällen beobachtet, nicht etwa gegen mich, sondern gegen abwesende Personen. Seine Rede wurde nicht rascher, aber stärker akzentuiert: er nickte dann in sehr energischer Weise mit dem Kopf, das Blut schoß ihm ins Gesicht, sodaß ich dachte, es würde ihn einmal der Schlag rühren. Die Erregtheit war nun nicht immer begründet. Allerdings wenn Sie sich auf die Leichenpredigt bezog die ein etwas unduldsamer Geistlicher seinem Sohne Felix hielt der sich ja selbst getödtet hatte.9 Aber nicht, wenn er z. B. auf Gröber schlecht zu sprechen war, der ihn, dem Verleger und den Mitarbeitern des Grundrisses gegenüber gebunden – es handelte |7| sich um die zweite Auflage – ihn zur Ablieferung seines Beitrages drängte.10 Drängen betrachtete er überhaupt fast als Beleidigung. Ich war aufs Höchste überrascht als er auf einem Spaziergang im Stadtpark – ich entsinne mich noch der Stelle – mir sagte: „ich bin wie ein Hund; hat man den irgendwo schlecht behandelt, so kommt er nicht wieder dahin“ (gibt es irgend ein Sprichwort: chien battu … ?) und ich das auf Gröber bezogen sah, der gewiß etwas nörglerisch und sekkant sein mochte, aber gewiß nur im allgemeinen Interesse. Ebenso war er über Crusius aufgebracht, der einen Artikel über lat. Metrik in seine Zeitschrift nicht aufnehmen wollte.11 Doch da war es Frau Cornu12 die mich besuchte und mir das Leid klagte. Nur dunkel entsinne ich mich daß er einst der Bibliotheksverwaltung d. h. wohl dem Vorstand grollte weil ein von ihm gewünschtes Buch nicht angeschafft wurde oder weil er zum Zurückgeben entliehener Bücher |8| gedrängt wurde. Er rief aus: Nun bekommt die Bibliothek keine Bücher von mir. Der hervorstechende Fall war der mit Ettmayer. Sie kennen ihn ja im allgemeinen. Cornu wandte sich von ihm schroff ab, als er ein höchst schlampert geschriebenes Heft von ihm in die Hände bekommen hatte.13 Ich hatte es in die Ecke geworfen und versuchte es zu vergessen. Als ich C. darauf verwies daß Ettmayer doch auch gute Sachen gemacht hätte, antwortete er mir: wer so etwas schreibt / veröffentlicht, hat sich für immer selbst gerichtet. Über den Ausgang der Szene in der „Tiroler Weinstube“ sind wir, P.14 und ich, allerdings von C. unterrichtet worden, in Ausdrücken tiefster Entrüstung, über den Anlaß aber nicht, sondern nur von der andern Seite. Es handelte sich, wenn ich nicht irre, um die Fragen der Kriegsrüstungen. Ich denke wenn C. ein aufrechter war, so waren auch die andern aufrecht, das heißt: der gute Glaube war auf beiden Seiten. P. und ich haben zu Beginn des Krieges über den Krieg nur wenig Worte mit C. gewechselt, und ohne uns |9| zu entzweien. – Ich breche hier das Kapitel Cornu ab; der Brief wird mir zu lang. Ich habe noch etwas über seine metrischen Studien zu sagen. Ebenso über Einiges was Sie berührt haben.

Ich schließe mit meinem gewöhnlichen Klagelied. Manchmal befürchte ich trübsinnig zu werden; was man liest, ist Unglück und Verbrechen, Einbrüche, Raubmorde, Gaunerstücke, Selbstmorde. Heute früh fand man im Stadtpark, nahe dem Hamerlingdenkmal15 ein erhängtes Ehepaar, die Eltern von sechs unversorgten Kindern. Von früh bis spät hört man nur Zahlen; und das ist ganz überflüssig, unser Papier ist so gut wie wertlos [* Neulich brachte ein Bäuerlein Noten auf eine Bank zum Aufheben. „Wieviel ist es denn?“ – „3 Kilo“.] und kann nur in großer Masse verwendet werden. Ich als Pensionist erhalte keine Erhöhung und so geht es denn mit mir finanziell rasch abwärts. Ansprache habe ich wenig; drei, vier Leute besuchen mich in längeren Zwischen[räumen ?]. |10| Mit der wissenschaftlichen Arbeit hapert es gründlich: Körperschwäche, schlechtes Geschau, kalte Hände. Die Phonetik muß ich ganz aufgeben (nur die „Onomatopoesis“ ein wenig kultivieren). Vor Kurzem erhielt ich von Laoust16 ein großes Buch: Mots et choses berbères 1920 (530 Seiten) aber zum großen Teil in so feinem Druck daß ich die Lupe zuhilfe nehmen muß. Der Storch vom Fuchs zur Mahlzeit eingeladen!17 Wochenlang haben wir einen trostlos trüben Himmel über uns. Nun kommen Schwalben aus Italien: Cartoline mit „la vita scientifica della famiglia universale dei lavoratori del pensiero!“ (dio mio!). Ich habe mir schon die Formel zurechtgelegt, in der ich alle diese Postkarten mit ihren gekritzelten etymologischen Fragen beantworten werde: Begeisterter Dank für die italienische Wohltätigkeit, Ausdruck tiefen Schmerzes über den Raub Südtirols. – Wenn Bovet meine Sachen zum Abdruck bringen, ich sage nicht wollte sondern könnte, so würde mir ein viel größerer Dienst erwiesen, als er vermeint; das Gericht, sei es in einer oder zwei Portionen, immer ungenießbarer (der erste Entwurf ist schon ein Jahr alt; und nun um Neujahr herum, drängt sich immer neues heran.18

Mit herzl. Gr.
Ihr

HSch.


1 Schuchardt, Über einige Fälle bedingten Lautwandels im Churwälschen, Gotha: Perthes’ Buchdruckerei, 1870. - Recte S. 78! – Das Beispiel Nemosus : Nemours [nicht Nemanns] steht übrigens S. 7, Anm. 1.

2 Schuchardt, „Baskisch und Romanisch. Zu de Azkues Bask. Wtb. I, 6." Beiheft zur Zeitschrift für rom. Philologie 1906, 1-62, hier S. 25.

3 Schuchardt, Die romanischen Lehnwörter im Berberischen, Wien: Hölder, 1918 (SB d. Wien. Ak. 188, IV, 1-82).

4 Vgl. HSA 03348-03570.

5 Helga Dorsch, „ Die Volksliedsammlung von Theodor Gartner – Eine Dokumentation aus den Anfängen unseres Jahrhunderts. Volksmusik und Volkspoesie aus dem Gadertal “, Ladinia XXII, 1998, 261-324; Fabio Chiochetti con la collaborazione di Barbara Kostner, Il canto popolare ladino nell'inchiesta "Das Volkslied in Österreich" (1904 - 1915) , Brescia: Istitut Cultural Ladin „Majon di Fascegn“, 2008.

6 Vgl. den Briefwechsel Schuchardts mit Marie-Therese Cornu-Kluckauf, HSA 01844-01935; die Bibliothek ging, wie bemerkt, an die Universitätsbibliothek Frankfurt a. M.

7 Louis Gauchat, „ Jules Cornu “, NZZ 1939 (Erstes Abendblatt), 140. Jg., Donnerstag, 11.12.1919, S. 1.

8 Jud verfaßte ebenfalls einen Nachruf auf Cornu, für den er die hier mitgeteilten Informationen Nutzen konnte: „ Nécrologie de Jules Cornu “, Romania 46, 1920, 452-453.

9 Felix Cornu (1882-1909), österr. Mineraloge und Petrograph; er schied am 27.9.1909 in Leoben durch Freitod aus dem Leben.

10 Jules Cornu, „Die portugiesische Sprache“, Grundriss der romanischen Philologie I 2, Strassburg: Trübner, 1904-06, 916-1037.

11 Otto Crusius (1857-1918), deutscher Klass. Philologe; er gab die Zeitschrift Philologus heraus.

12 Marie-Thérèse Cornu-Kluckauf (1853-nach 1927).

13 Titel nicht mit Sicherheit zu ermitteln.

14 Alois Pogatscher (1852-1935), Anglist in Graz; im einzelnen vgl. Brief 21.

15 Denkmal für den österreichischen Dichter Robert Hamerling (1830-1889) im Grazer Stadtgarten.

16 Émile Laoust (1876-1952), franz. Afrikanist; vgl. HSA 06245-06246.

17 Berühmte Fabel, z. B. Phaedrus 1, 26 (vulpes et ciconia).

18 Zu denken ist z. B. an Schuchardt, „Bekenntnisse und Erkenntnisse“, Wissen und Leben 13), 1919, 179-198.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Jaberg-Archiv, Universität Bern (Institute für Romanische Sprachen und Literaturen und Jaberg-Bibliothek). (Sig. HSJJ21)