Jakob Jud an Hugo Schuchardt (71-05199)
von Jakob Jud
an Hugo Schuchardt
Unbekannt
12. 12. 1919
Deutsch
Schlagwörter: Universität Frankfurt Wartburg, Walther von (1922)
Zitiervorschlag: Jakob Jud an Hugo Schuchardt (71-05199). Unbekannt, 12. 12. 1919. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8551, abgerufen am 11. 09. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8551.
12.XII.19.
Verehrter Meister!
In dem Ihnen vor wenigen Tagen zugesandten Brief habe ich im letzten Augenblick einiges anzumerken vergessen, was Sie mir gütigst entschuldigen mögen.
1) Das Rätische Idioticon wünscht, dass ich Sie anfrage, ob Sie die Freundlichkeit hätten, Ihre in Ihrem Besitz liegenden rätischen Briefe ihm für das Idioticon zu überlassen. Ferner hat man im Schosse der Commission den Wunsch geäussert, es möchte bei Herrn Prof. Gartner das Gesuch eingereicht werden, es möchte |2| seine hdschr. Aufzeichnungen der Bündner Mundarten – wenn er es nicht für unbescheiden findet, der genannten rätischen Dialekte vom Gotthardpass hinach Triest – dem Bündnerromanischen Idioticon überlassen. Da ich die gegenwärtige Adresse von H. Prof. G. nicht kenne, hätten Sie die grosse Freundlichkeit, als Paten für den Bittsteller bald möglichst bei Ihrem Freunde einzustehen?
2) Am ersten Dez. ist Prof Guarnerio1 in Mailand gestorben: ich habe mit ihm auch während des Krieges durchaus freundschaftliche Beziehungen unterhalten, wenn wir auch in mehr als einem Punkte auseinandergingen.
|3| 3) Was H. Prof v Wartburgs Plan anbetrifft,2 so fiel es mir nie ein, ihm irgendwie meine Ideen aufzuzwingen. Der Gedanke eines gemeinsamen romanisch. Etymolog. Wtbuches geht in die Jahre 1911-12 zurück: aber meine Anschauungen haben sich stark gewandelt und ich hätte es vorgezogen, wenn wir beide unser Material zu einem grossen synonymischen Wörterbuch verschmolzen hätten, das der Forschung in ungeahnter Weise den Zugang zum Material erleichtert und die Forschung nicht präjudiziert hätte. H. Wtbrg. hat auf seinen alten Plan nicht verzichten wollen und so führt er ihn mit Beschränkung auf das Französ. Sprachgebiet allein durch. Mir liegt also jeder Vorstoss gegen seine Freiheit fern: es würde |4| mich interessieren zu wissen, ob es in dem an Sie gerichteten Brief3 einem Misverständnis Ausdruck gegeben hat, das ich schleunigst zerstreuen möchte.
4) Fällt Cornus Bibliothek der Universität Graz zu? Wenn allenfalls sie einfach verkauft würde, dann wäre ich Ihnen für freundl. Mitteilung dankbar: ich möchte sie dann lieber für die schweiz. Bibliotheken retten als dass sie irgend einem Schacherer in die Hände fiele.4
Warmen Gruss & herzliches Gedenken
Jud
1 Pier Enea Guarnerio (1854-1919), ital. Philologe; vgl. HSA 04181-04193.
2 Walther von Wartburg (1880-1971), Schweizer Romanist, zu dieser Zeit noch in Lausanne, Initiator und Herausgeber des mehrbändigen FEW, das ab 1922 erschien.
3 Es dürfte sich um den Brief vom 18.10.1919 handeln (HSA 04-12627), der wie folgt beginnt: „Gestatten Sie, das ich Ihnen eine probe einer arbeit vorlege, für die ich nun seit 10 jahren material sammle und an deren redaktion ich mich jetzt machen möchte. Es handelt sich um eine möglichst vollständige darlegung des schriftsprachlichen und mundartlichen wortschatzes Frankreichs. Die anordnung soll eine etymologische sein, wobei ich mir aber ganz klar bin, dass ich nicht daran denken kann, alle probleme wirklich durchzuarbeiten; vielfach werde ich mich halt mit einer zusammenstellung des materials begnügen müssen. – In verbindung damit möchte ich auch eine synonymik der mda. geben, die nicht nur die etymologisch bekannten, sondern auch die unbekannten wörter umfassen soll. Daraus soll man dann zum ersten mal sehen, wieviel eigentlich noch unerforscht ist“.
4 Die Bibliothek Cornus ging durch Vermittelung von Matthias Friedwagner an das Romanische Seminar der Universität Frankfurt a. M.
