Jakob Jud an Hugo Schuchardt (70-05198)

von Jakob Jud

an Hugo Schuchardt

Unbekannt

08. 12. 1919

language Deutsch

Zitiervorschlag: Jakob Jud an Hugo Schuchardt (70-05198). Unbekannt, 08. 12. 1919. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8550, abgerufen am 29. 01. 2023.


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8.XII.19.

Verehrter Meister!

Die Kunde von dem Hinschied von Prof. Cornu1 hat mir sehr weh getan: ich hatte den aufrechten Mann gern wie einen lieben väterlichen Freund, der mir besonders während des Krieges sehr nahe gekommen war. Das letzte mal sah ich ihn im Herbst 1917: er kam von Feldkirch herüber, völlig seelisch und psychisch aufgerieben ob all des Unglücks und des Elends, das er hatte mitansehen müssen. Gegen die schmähliche Behandlung, die ihm zu teil geworden war, hatte er etwas lauter protestiert als ihm als Professor erlaubt war: da scheint man in kuilloniert zu haben, worüber er – der ruhige Waadtländer – sich schwer beklagte.2 Wir blieben damals |2| etwa zwei undeinhalb Stunden von 10 Uhr bis über die Mitternacht hinaus zusammen: ich war erschrocken ob seiner schmalen fast durchsichtigen Hände und seinen weissen Haaren: er schien mir seit 1914 um mehr als ein Jahrzehnt gealtert zu sein. Bei einer Flasche Yvaner3 lebte aber der liebe Mensch wieder ganz auf: der gutmütige ruhige Altschweizer wurde rege und er begann mit einer Freude alle die schweren Erlebnisse nun von sich zu schütteln, dass er bei meinem Abschied ganz neugeboren zu sein schien. Dann folgte aber langes Schweigen, das nur hie & da unterbrochen worden war durch eine Karte, in der er ganz abgebrochen von seinem Befinden mir erzählte: ich erkannte, dass er doch wohl schwerer mitgenommen sei als ich geahnt hatte. Gilliéron wartete |3| diesen Sommer auf seinen Besuch, ich ebenfalls, bis eines Tages plötzlich Ihr Bericht eintraf, Prof Cornu weile wieder in Leoben. Ich hatte mir vorgestellt, dass er nicht mehr von seinem Heimatboden sich trennen könnte, der ihn gewissermassen fast völlig in seinen Bann gezogen hatte: nun ist er doch in ihm fremder Erde zur Ruhe bestattet worden. Ich habe ihm vor den Studenten meine Vorlesung: Neuerscheinungen einen warmen Nachruf gewidmet: vielleicht bringe ich es dazu, ihn in Wissen & Leben abzudrucken.4 Prof Gauchat publiziert morgen in der NZZ eine kurze Würdigung seiner Verdienste.5

Herzlichen Dank schulde ich Ihnen ferner für die hochinteressante und fesselnde Darstellung von Ihrem Verhältnis zu Tobler: Ihr Einstehen für den intereuropäischen Charakter der Diezstiftung und Diezehrung fügt |4| sich prächtig zum Bilde, das sich Aussenstehende stets von Ihnen entwarfen: Deutscher, aber zugleich Weltbürger! Diese Stellung über nationalem Hader, die Sie so oft und warm gegen Andersdenkende vertreten und verfochten haben, sicherte Ihnen unsere warme Sympathie und zog Ihnen die dauernde Verehrung der Schweizer zu. Wenn Sie so stark unter dem Unglück Deutschlands leiden, weil Sie ein gesundes Europa ohne ein gesundes Deutschland sich unmöglich vorstellen können, so begreifen wir dies vollauf; Sie haben ein Recht darauf, inmitten nationaler Leidenschaft auf Ihr Deutschtum als Weltbürgertum sich zu berufen, weil Sie beide in sich vereinigten. Dass Sie – vielleicht heute zu einseitig – die deutsche Schuld nur als einen Teil der europäischen Gesamtschuld anerkennen wollen |5| verstehe ich sehr gut: in dem Augenblicke, da Millionen Menschen leiden, ist die Aufrollung der Schuldfrage unendlich kleinlich und lindert des Nächsten Not in keiner Weise. Nur Verzeihen und Vertrauen hilft uns hinweg: aber ach die Menschen sind grausam und unerbittlich, man wäre oft geneigt, sich schaudernd von ihnen abzuwenden.

Die erste Stunde des Neuerscheinungskollegs habe ich Ihnen gewidmet: ich besprach mit den Studenten die Berberischen Lehnwörter (die Rezension ist indessen in der Romania erschienen).6 Ich habe ferner einen Rätoromanen (Oberländer) als Studenten der später als Mitarbeiter am rätischen Idioticon in Aussicht genommen ist.7 Ich gebe ihm jede Woche eine Extrastunde: alle 14 Tage besprechen |6| wir ein Wort der Annotazioni soprasilvane (Arch glott VII),8 je die 2. 4. 6. … Stunde aber muss er mir einen Ihrer Artikel resümieren: ich sagte ihm, an Ihren Arbeiten müsse er seinen geistigen Horizont ausweiten. So sind denn jeweils diese Stunden warme Huldigungen, die wir Ihnen darbringen. Sie sehen, Sie sind nicht vergessen, auch nicht verschollen, sondern lebendig und werden es für die Jungen bleiben. Meinen und Prof Gauchats Studenten ist der Name Schuchardt ein Symbol: darf Sie das nicht auch ein bischen freuen?

Und nun noch einige Fragen. Sie sprechen, Z. f. rom. Phil. 28, 44 von catar d’agu als einer Übersetzung von wahrnehmen? Aber welche Grund- |7| bedeutung für agu schwebt Ihnen vor? Schon die Lateiner sagten. captare auguria: ist es möglich, catar adaig (achtgeben) in ihrer Bildung zu kennen? Meiner Meinung ist catar adagiu sekundär für catar agur; agur = a(u)gúriu + aúgure > ugáre (cf. custos –orem, vultur –órem). Captare +augórem hätte geheissen: das Vorzeichen erfassen wollen, „sehen“ wollen. Ich bin gespannt, was Sie dazu sagen und wie Sie Ihre Begründung für Ihre Auffassung geben.9

2) Huber in seiner Schlittenarbeit, Beiheft von Wörter und Sachen 3, p. 55 spricht von einer deutschen Etymologie für luge, die Sie 1870 vorschlugen: welches war dieses deutsche Wort? Wie verhält es sich ferner mit den baskischen Namen des Schlittens, p. 58; sind sie richtig interpretiert?

|8| 3) Sie haben wohl den Artikel von span ambuezaambosta gelesen (Rev de filol españ 1918). Der Verf. jenes Artikels schlägt allerdings andere Wege ein, die aber m. E. nicht haltbar sind. Die span. –z– Formen sind interessant wegen der Wiedergabe von gall. –st– durch –Ж (cf. Pedersen, Kelt Gramm p. 79.).10 Interessant, dass die roman. Formen verschiedene (chronologische oder dialektale?) gall. Formen wiederspiegeln: piem. ambosta mit –st–, amboza mit –ts–. Wie sind aber Formen wie amborza, ambolza zu deuten? Steckt darin eine weitere gallische Lautentwicklung? Die Form mit –ls–, –rs– erinnert an Nemours: Nemanns Z f rom Phil 38, 7.11 Zu ambosta darf man nun wohl auch bündn. boffa stellen, das gewiss auf ein älteres (am)boða zurückgeht.

|9| 4) Wie beurteilen Sie folgende Vermutung? Die ostfranzös. barge nordit-rät. barga, barch gehören zu dem auf der Tabula Velleiana bezeugten ON [=Ortsnamen] Barga, das heute noch in Barghe lebt. Dieses barga steht m. E. für +braga, dieses aber gehört zu einem gall. +vragi, das sich im mittelir. fraig „Wand“, gäl. fraigh „Wand aus Flechtwerk, Dach, Hürde“ weiter erhalten hat: es liegt also wohl dasselbe Verhältnis vor wie bei brucu: froich vor: frz. bruyère. Heuschober und Heugaden gehen ja konstant ineinander über: das die geflochtene Wand hier eine Rolle spielt, zeigt regg. Bergagna, und Tessin braghej, barghej, combargaTragkorb“.

5) Endlich: das iber. laurex „Kaninchen“ lebt im ahd. lorihhin“ wieder.12 Bis heute war keine Spur davon in Frankreich zu entdecken, daher meine Vermutung: Z f rom Phil 38, 43.13 Nun aber |10| bezeichnet das Südfranzös. den pomulus lateraceus als lait(ue) de lièvre, laitue de lapin (cf. lach de lebre, esto: connilheiro u.a.): daneben auch als larjou, laurijo, aurigo, aurizo, largo, larjo. Sollte in dem Wort nicht herba laurica „Kaninchenkraut“14 stecken, da sonchus lateraceus15 als beliebtes Kaninchenfutter gilt? Die Formen larjo wären sekundäre (volksetymol.) Umbildungen eines nicht mehr verstandenen Wortes; laurica zu beurteilen wie junix fulix berbix: junica, fulica, berbica. Was meinen Sie dazu?

Ich hoffe bald die Büchersendung aus Frankreich zu erhalten, aus der einiges für Sie bestimmt ist. Sie fragen mich, verehrter Meister, ob ich einem Entgelt zugänglich wäre: in Form eines Buches aus Ihrer Bibliothek? Wenn Sie mir etwas zum Andenken hinterlassen wollen, so mögen es ein oder zwei Wtbücher sein, die mir fehlen: vielleicht teilen Sie mir das mit, das Sie mir zur Hut zu übergeben geneigt sind.

Warmen Gruss & Gedenken

Jud.16


1 Schuchardts direkter Nachfolger Jules Cornu verstarb am 27.11.1919 in Leoben; vgl. HSA 01710-01842.

2 In dem umfangreichen Briefwechsel Cornu-Schuchardt finden sich keine Spuren davon.

3 Gem. Sylvaner?

4 Jud, „ Jules Cornu “ (Nécrologie), Romania 45, 1919, 272-275.

5 Louis Gauchat, „ Feuilleton. Jules Cornu “, NZZ n° 1939 (Erstes Abendblatt), Donnerstag 11.12.1919, S. 1: „Der Widerspruch, den er während des Krieges zu seiner Umgebung empfand, trieb ihn in die Heimat, die er in seinen letzten Jahren öfters besuchte. Er klagte über den Verfall der Mundart, die er besser bewahrt hatte als seine Landsleute, und schrieb den Aufsatz Une langue qui s’en va (Bulletin du Glossaire XII). Vor einigen Monaten kehrte er nach Oesterreich zurück, zu seiner Familie, der er mit aufopfernder Liebe vorstand. Im Lande, wo er am längsten gewirkt, ist er gestorben und liegt er bestattet. Und doch hat er der Heimat sein Bestes gegeben“.

6 Jud, Rez. H. Schuchardt, „Die romanischen Lehnwörter im Berberischen“, Romania 45, 1919, 272-275.

7 Möglicherweise Reto R. Bezzola (1898-1983), der 1922 unter der Ägide Juds in Zürich promovierte; vgl. HSA 01008. Die Kurzbiographie, die Richard Trachsler von ihm verfasst hat (Ursula Bähler et Richard Trachsler, Portraits de médiévistes suisses (1850-2000), Genf: Droz, 1900, 263-279 liefert dazu jedoch keinen Hinweis. – Zum Themenkomplex allgemein Rico Franc Valär, Weder Italiener noch Deutsche! Die rätoromanische Heimatbewegung 1863-1938 , Baden: Verlag für Kultur und Geschichte, 2013 (hier + jetzt), ad Indicem (428).

8 Graziadio Ascoli, „Annotazioni soprasilvane“, Archivio glottologico VII, 1883, 494sq.; vgl. auch dessen „Saggio di morfologia e lessicologia soprasilvana“, AGI IV, 1880-83, 406-602.

9 Vgl. Brief 20 (19.12.1920).

10 Holger Pedersen, Keltische Grammatik , Göttingen: V & R, 1909-13, 2 Bde.

11 Jud, „ Probleme der altromanischen Wortgeographie“, ZrP 38, 1917, 1-98 (fehlt in seiner FS Sache und Wort!).

12 Meist „lorichin“ (cuniculus).

13 Jud widmet dem Wort 14 Zeilen!

14 Dreiblatt oder Giersch.

15 Gänse-, Milch- oder Saudistel (Familie der Korbblüter).

16 Heinimann, 1992, Nr. 18, 27-28 (stark gekürzt).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05198)