Jakob Jud an Hugo Schuchardt (41-05184)

von Jakob Jud

an Hugo Schuchardt

Unbekannt

14. 06. 1917

language Deutsch

Zitiervorschlag: Jakob Jud an Hugo Schuchardt (41-05184). Unbekannt, 14. 06. 1917. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8521, abgerufen am 21. 09. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8521.


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14.VI.17

Verehrter Meister;

Empfangen Sie wärmsten Dank für die seelisch so fesselnden Auskünfte über Ihre Jugendzeit sowie über die Epoche der Anfänge Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit. In mehr als einem Punkte – namentlich das frühe Hervortreten ganz bestimmter Neigungen – erinnern Sie mich an die Erinnerungen von Winteler, der, wie Sie wohl in Wissen und Leben gelesen haben, bereits in früher Jugend den Problemen der Lautartikulation sein Interesse zugewandt hatte.1 Als ich letzthin mit Prof. Jaberg in Bern über Wintelers Aufzeichnungen mich unterhielt, da kam uns beiden der Wunsch, Sie möchten ebenfalls sich darüber einmal eingehend äussern, wie stark die Anlage (und nicht nur etwa der Lehrer) für die Richtung und die Begeisterung für das Studium entscheidend ist. Glauben Sie, dass irgendwie die sprachlichen Neigungen von Bridel nachgewirkt haben?2 Sind Sie überhaupt mit der Familie Bridel in Contakt geblieben?3 War Ihre verehrte Mama doppelsprachig? Wie lange sind Sie in Rätien (Bünden) gewesen? Aus Ihrem Briefe darf ich wohl schliessen, dass Sie in Italien Ascoli persönlich aufgesucht haben, oder haben Sie ihn auch einmal als akademischen Lehrer gehört? Sind die Vorarbeiten zu der Herausgabe von Cola Rienzi’s Leben nicht weit gediehen?4

Die Studentenschaar, die über Ihre Forschungen informiert sein will, ist stets treu dem Munde, der von Ihren Arbeiten zu sprechen sich freut. Bis heute habe ich Ihre Habilitationsvorlesung und „Über die Lautgesetze“ besprochen: die letztere Arbeit betrachte |2| ich stets als eine Ihre weittragendsten Arbeiten und es reizte mich, den Studenten so schlagend zu zeigen, wie die moderne Forschung ganz in den von Ihnen vorgezeichneten Bahnen wandelt und Ihre Anschauungen in weitgehendem Masse bestätigt. Ich habe dabei vor den Studenten auch mich darüber geäussert, dass es so eigentümlich wirke, wenn Sie bei vielen Romanisten und Indogermanisten immer als der Verfasser des „Vokalismus des Vulgärlateins“ gelten, als ob die kaum 40 Seiten starke Schrift „Über die Lautgesetze“ in ihrer Bedeutung nicht beträchtlich über Ihr Jugendwerk hinausreiche. Seite 39 verlangten Sie von den Sprachforschern, sie sollten Gesetze höherer Ordnung – gewissermassen das Leitmotiv der vielen kleinen Lautgesetzchen – zu entdecken versuchen: es ist nun recht sonderbar zu sehen, dass weder Gröber in seinem Artikel: Eine Tendenz der französischen Sprache5 noch Meyer-Lübke in seiner Charakterisierung des Rumänischen-Dalmatischen-Albanesischen in den Mitteilungen des Rumänischen Instituts6 an Ihre Anregung explicite angeknüpft haben: sind sich beide des „Anregers“ nicht mehr bewusst gewesen? Nächstes Mal bespreche ich kurz Ihren Vokalismus, wobei ich mir erst recht klar geworden bin, wie schwer die Beurteilung eines Werkes ist, wenn wir es nach seiner Bedeutung innerhalb der zeitgenössischen Forschung einschätzen sollen: das Neue sehe ich vor allem darin, dass Sie dem Latinisten hinsichtlich der „Vitalität“ einer vulgärlat. Form durch die Angabe der fortlebenden romanischen Form ein sicheres Kriterium an die Hand gaben. Ich bin leider zu wenig mit dem stand der vulgärlateinischen Forschung Mitte der 60er Jahre vertraut, um |3| hier die wirklich neuen Gesichtspunkte richtig zu bewerten: existiert über Ihr Werk eine Besprechung, die das prinzipiell Neue richtig hervorhob?7 In seiner Geschichte der Forschungs des Vulgärlateins ist v Ettmayer8 diesem Wunsch nach scharfer Charakterisierung des Neuen in den einzelnen Beiträgen zur Aufhellung des vulgärlateinischen Problems m. E. nicht gerecht geworden. Gerade er hätte uns mit seiner historischen Dokumentation hervorheben sollen, welches die neuen Perspektiven waren, die sich mit Ihrem Vokalismus der Forschung eröffneten. Mir scheint, dass Sie als ein Vorgänger Wölfflins9 – noch viel stärker als er – den Compass der vulgärlat. Forschung nach dem Romanischen umrichten wollten, dabei aber weder von den Latinisten richtig verstanden noch von den Romanisten genügend unterstützt wurden. – Dann werde ich Ihre Mischsprachenarbeiten zusammenfassend behandeln, hierauf die Bedeutung Ihrer baskischen Arbeiten zu erfassen versuchen und endlich Sachen und Wörter zu „Wörter und Sachen“ zum Schluss vornehmen.

Sie dürfen glauben, dass es uns alle herzlich freuen würde, wenn Sie Ihre Anschauungen noch einmal zusammenfassen würden. Was nun Ihre spezielle Frage betreffend Mundartabgrenzung betrifft, so vertreten Sie S. 8 Ihrer Habilitationsschrift die Anschauung der Unmöglichkeit des Grenzpfahls zwischen Piemontes. und Provenzalisch, ebenso p. 28 die Gebiete …, und es scheint mir da mit Prof. Gauchat, dass wir a priori feste Mundartengrenzen zu verwefen kein Recht haben, sondern zunächst die Forschung auf dem Terrain abwarten müssen. Eine Mundartgrenze wie sie etwa zwischen Sopraporta und Sottoporta im Bergell existiert, zeigt eine Mundartgrenzlinie wie sie schärfer gar nicht gedacht werden kann. Ob die |4| Grenzlinie zwischen Piemontesisch und Provenzalisch scharf ist, bejaht mir Jaberg, der an Ort und Stelle die Mundarten aufgenommen hat. Geht die räumliche Entfernung parallel mit der sprachlichen Differenzierung? Die Frage ist nicht so leicht zu bejahen noch zu verneinen. Fassen wir die romanischen Mundarten von Chur bis nach Brindisi als Einheit auf, so ist z.B. die Diphtongierung von offenem & geschlossenen e, o unter Einfluss von –u & i in den rät. (z. T. alpinlombardischen) Mundarten wie in den südital Mundarten nachzuweisen, nicht aber etwa im Emilianischen oder Venezianischen. Die Diphtongierung von ẹ > ei, oi erscheint in Rätien und in den Abruzzen und südlich von Neapel; die Bewahrung von plfl im Borminischen, auf einem kleinen Mittelstreifen der Marche. Wir müssen uns also zunächst klar werden über die Wahl der lautlichen morphologischen Züge, die wir für den Grad der Differenzierung unter den Mundarten von Norden nach Süden entscheidend ins Feld führen wollen. Stehd das ostwallonische fies mit Erhaltung des s dem südfranzösischen festo näher als fête? Das pikardische k vor a dem südfrz. k? Vielleicht geben Sie mir noch einige Angaben darüber, welchen Wertmasstab Sie in der Wahl der sprachlichen Züge beobachtet haben wollen.

In den nächsten Tagen sende ich Ihnen eine kleine Schrift über das Rätische zu, das für weitere Kreise im Bündnerland bestimmt war.10

Hoffentlich ist die arge Hitzwelle in Graz vorbei und damit Ihre Ermattung, die uns alle sehr nahe berührte. Nochmals herzlichen Dank für alles Liebe, das Sie mir stets mit Ihrem Vertrauen beweisen.

Warme Wünsche begleiten Sie von Ihrem stets lernbegierigen

J. Jud.11


1 Der Glarner Jost Winteler (1846-1929), Verf. einer grundlegenden Darstellung der Kerenzer Mundart ( Die Kerenzer Mundart des Kantons Glarus , Leipzig: Winter, 1876), spricht in seinen „ Erinnerungen aus meinem Leben “ (Wissen und Leben 17, 1916/17, 617-647) von seinem frühen Interesse an der Sprache (Heinimann). Vgl. auch Aarauer Heimatblätter 37, 1963, 45-73.

2 Gem. ist Schuchardts Onkel Philippe Sirice Bridel (1757-1845), gen. Le Doyen Bridel, Verf. eines Glossaire du patois de la Suisse romande, 1866 postum ed. von Louis Favrat.

3 Es gibt einzelne Briefe an die Vettern August, Charles, Georges Antoine, Louis und Philippe, vgl. HSA 01350-01373.

4 Vgl. die Angaben in Brief 12 (22.9.1918): „An eine Neuausgabe der Vita di Cola di Rienzo in römischer Mundart habe ich 1867/68 ernstlich gedacht“. In Der Individualismus in der Sprachforschung, Wien-Leipzig: Hölder-Pichler-Tempsky, 1925: „In Rom las ich BELLIS romaneske Sonette, schrieb romaneske Wörterbücher ab oder stellte sie zusammen, plante eine Neuausgabe vom altromanesken Leben Cola di Rienzi’s, wozu ich ein Dutzend Handschriften verglich und spielte Passatella mit den Transteverinern“ (13).

5 Gustav Gröber, „Eine Tendenz der französischen Sprache“, in: Miscellanea linguistica in onore di Graziadio Ascoli, Torino: Loescher, 1901, 263-273.

6 Wilhelm Meyer-Lübke, „ Rumänisch, Romanisch, Albanesisch “, in: Mitteilungen des Rumänischen Instituts an der Universität Wien, Heidelberg: Winter, 1914, I, 1-42.

7 Vgl. die Besprechungen von Christian Baehr in Heidelberger Jahrbücher der Literatur unter Mitwirkung der vier Facultäten 1866, 874-878; 1867, 479-480 und 1868, 634-638. Die letzte endet wie folgt: „Nur deutscher Fleiss und deutsche Ausdauer hat ein Werk der Art zu Stande zu bringen vermocht, das in seiner Fülle von einzelnen, aller Orten her beigebrachten Belegen zu allen Lautveränderungen, wie sie auf diesem Gebiete vorkommen, zugleich eine Grundlage für weitergehende Untersuchungen bildet, und für die Lexicographie, wie selbst für die Grammatik eine reiche Ausbeute gewährt“.

8 Karl von Ettmayer, „ Vulgärlatein “, in: Wilhelm Streitberg (Hrsg.), Geschichte der indogermanischen Sprachwissenschaft seit ihrer Erforschung durch Franz Bopp. II,1: Die Erforschung der indogermanischen Sprachen , Straßburg: Trübner, 1916, 231-280; zu Schuchardt 237f.

9 Eduard Wölfflin, „ Bemerkungen über das Vulgärlatein “, Philologus 34, 1876, 137-165.

10 Jud, „ Ist das Bündnerromanische eine italienische Mundart? “, Bündner Monatsblatt 1917, 129-143.

11 Heinimann, 1992, Nr. 11, 14-17.

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