Hugo Schuchardt an Jakob Jud (31-HSJJ02)

von Hugo Schuchardt

an Jakob Jud

Graz

25. 09. 1916

language Deutsch

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Jakob Jud (31-HSJJ02). Graz, 25. 09. 1916. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8511, abgerufen am 26. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8511.


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Gr. 25.9. ‘16

Lieber Freund,

Der Hoffnungsstrahl (der wohl von Schroefl1 ausgegangen ist) dürfte ein trügerischer sein. Ich habe aus gewissen Ursachen, Vater Nedwed noch nicht aufgesucht; ihm aber eben brieflich meinen Besuch angekündigt. Dann werde ich über alles unterrichtet werden.

Alle Nummern die Sie mir ausgegeben haben,2 stehen so weit ich überflüssige zur Verfügung habe, Ihnen zudiensten. Von sehr vielen besitze ich aber nur ein Exemplar (das Lit.-Ztrbl. z. B. gibt, oder gab, keine Sonderdabdrücke ab). Doch nun die Hauptsache: ich kann ja während des Krieges keine Drucksachen nach neutralen3|2| Staaten absenden. Das habe ich Ihnen schon mehrmals geschrieben, daher habe ich Ihnen auch nichts von meinen letzten Drucksachen zustellen lassen können. Auf dem Buchhändlerweg geht es auch nicht; also warten?

Ihre Anregung bezüglich Saussure ist auf fruchtbaren Boden gefallen, da ich jetzt ein ganz klein wenig mehr Stimmung und Kraft als in dem mich stets erschlaffenden Sommer besitze. Kurz, die Sache liegt mir. Darin liegt nun aber auch das Bedenkliche. Sie liegt mir so sehr, daß ich, der ich so lange Zeit mit den allgemein sprachwissenschaftlichen Problemen gerungen habe, Gefahr laufen würde von Saussures Gedankengängen auf die meinen wohl vielen recht ketzerisch erscheinenden überzugleiten oder überzuspringen und |3| in unzulässiger Weise darauf zu beharren. Und weiter: es soll doch die Beziehung auf das Romanische durchgängig hervortreten. Das verstehe ich im Allgemeinen – nicht ganz Ihre besonderen Andeutungen; und dem könnte ich ja auch Rechnung tragen, obwohl ich jetzt mehr vom Romanischen ins Allgemeine (was ich zentripetal nenne) strebe als vom Allgemeinen ins Romanische (was Sie so nennen würden). Alles das ließe sich aber wohl einrichten, schwerlich die Hauptsache. Wenn mir – um es noch einmal zu sagen – die Sache liegt, so hauptsächlich deshalb weil mir daran liegt. Wenn ich dazu käme, zu Saussure etwas zu schreiben, so würde das jetzt sein, Ihr Unternehmen aber wird wohl nicht so bald verwirklicht werden; |4| und dann würde von meinem Aufsatz mit Recht das gelten, was man so oft mit Bezug auf Alltägliches hört: das ist schon so lange her daß es nicht mehr wahr ist. Und es würde sich vielleicht sogar, eine unliebsame Kreuzung mit Etwas das ich als selbständiges Schriftchen plane, ergeben. Genug davon.4

Was das spanisch-mundartliche Wtb. angeht, so dürfte Ihre Lokalisierung nicht ganz zutreffend sein. In den oberen Fächern steht bei mir eines das Ihnen unbekannt sein dürfte: F. Baráibar y Zumárraga, De palabras usadas en Álava 1903 (325 S.)5. Oder ist es: Emiliano de Arriaga, Lexicon bilbaino 1896 (317 S.)6? Denn Br. Vigon, Vocabulario dialectológico del Concejo de Colunga 18967 kennen Sie doch?

Mit herzl. Gruß
Ihr

HSchuchardt

Bedenken Sie bei allem mein Alter; eben erhalte ich die Nachricht vom Tode Leskiens8 meinem Tischgenossen von 1870 (auch ein Schweizer, von der Mühll (Physiker)9, war dabei, wohl auch todt?)


1 Othmar Schroefl, Romanist; vgl. HSA 10263-10268. Schroefl hatte 1915 in Zürich über das Thema Die Ausdrücke für den Mohn im Galloromanischen. Eine onomasiologische Studie promoviert.

2 Vgl. HSA 05177.

3 Am Ende der Seite: „Gibt wohl Bally: Saussure … Leçon d’ouverture du Cours du ling. gén. 23 oct. 1913 weitere Aufklärung über S. 3“.

4 Vgl. Peter Wunderli, „ Hugo Schuchardt inspirateur et critique de Ferdinand de Saussure“, in: Alberto Várvaro (ed.), XIV Congresso internazionale di linguistica e filologia romanza. Napoli, 15-20 Aprile 1974. Atti. Napoli, Amsterdam: Macchiaroli, Benjamins, 707-719.

5 Federico Baráibar y Zumárraga, Vocabulario de palabras usadas en Álava. Y no incluídas en el diccionario de la Real Academia española (13. Edición) ó que lo están en otras acepciones ó como anticuadas, Madrid 1903.

6 Emiliano de Arriaga, Lexicón etimológico, naturalista y popular del bilbaíno neto, 1896 (kein Bibliotheksnachweis, nur die 2. Aufl. Madrid: Ed. Minotauro, 1960.

7 Braulio Vigón, Vocabulario dialectológico del concejo de Colunga , Villaviciosa: Imprenta de La Opinión, 1896.

8 August Leskien (1840-1916); der Leipziger Indogermanist und Slavist verstarb am 20. September.

9 Karl von der Mühll (1841-1912) war, bevor er 1889 nach Basel berufen wurde, Extraordinarius in Leipzig. Er war am 9. Mai 1912 verstorben.

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Jaberg-Archiv, Universität Bern (Institute für Romanische Sprachen und Literaturen und Jaberg-Bibliothek). (Sig. HSJJ02)