Jakob Jud an Hugo Schuchardt (28-05176)

von Jakob Jud

an Hugo Schuchardt

Zugerberg

27. 07. 1916

language Deutsch

Zitiervorschlag: Jakob Jud an Hugo Schuchardt (28-05176). Zugerberg, 27. 07. 1916. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8508, abgerufen am 29. 01. 2023.


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27 VIII 16.1

Verehrter Meister,

Also auch Nedwed2 nun im fernen Osten! Der arme Junge, der nun von seinem milieu so weit losgelöst ist. Darf ich Sie freundl. bitten, mir seine Adresse mitteilen zu wollen: ich will versuchen, ihm durch eine unserer Vereinigungen für Versorgung von Lesestoff für Studenten in Gefangenenlagern Bücher zukommen zu lassen, doch bedarf ich natürlich genauerer Angaben betreff seines Wohnsitzes. – Ihre optimistische Note betreffend der internationalen Neuverständigung kann ich vorläufig noch nicht teilen: der „Missverständnisse (bewusster und unbewusster)“ sind noch zu viele: da muss noch eine „tüchtige Kopfreinigung“ einsetzen, die in ihren wohltätigen Folgen sich hoffentlich rascher spürbar macht als ich selbst zu hoffen wage. Wir Schweizer sind heute in wenig beneidenswerter Stellung, wir sehen zu viel relatives und vermögen uns in solch absoluten Werturteilen – wie sie unseren Nachbarn eigen sind – nicht zurechtzufinden. Salvioni hat beide Söhne an der Front verloren.3 Bédiers Sohn hat die erstklassige Militärmedaille erhalten,4 Roques5 ist Chef einer |2| der Munitionsfabriken. – Betreffend Herzogs Arbeit ist ja gewiss das Hauptgewicht im Schweizerromanischen;6 er hat das ihm unsichere aus lauter Zaghaftigkeit oft ausgeschaltet. Doch ist wohl die merenda Sippe in Oberitalien in der Bedeutung „scǐoto“7 eher zu verenda zu ziehen? – Haben Sie Saussure[s] nachgelassenen Cours de linguistique générale bereits gelesen: ich hätte ihn Ihnen zuschicken lassen, wenn ich sicher gewesen wäre, dass Sie ihn nicht schon besässen!8

Beste Wünsche in Erwartung einiger Zeilen Ihr

Jud


1 Das Datum des Poststempels ist jedoch maßgeblich!

2 Walter Nedwed († 1916), Romanist; vgl. Brief 2.

3 Carlo Salvioni (1858-1920), Schweizer Romanist u. Dialektologe; vgl. HSA 09912-0990. Seine Söhne Ferruccio und Enrico kämpften als Freiwillige im italienischen Heer und fielen an der Front.

4 Entweder Louis (1894-1984) oder Jean (1898-1992) Bédier.

5 Mario Roques (1875-1961).

6 Paul Herzog, Die Bezeichnungen der täglichen Mahlzeiten in den romanischen Sprachen und Dialekten; eine onomasiologische Untersuchung, Zürich: Leemann, 1916. (Die Arbeit ist „Meinen Lehrern E. Bovet, L. Gauchat, J. Jud in Dankbarkeit gewidmet“).

7 Bedeutung unklar; fehlt im Wörterverzeichnis bei Herzog, Die Bezeichung.

8 Vgl. Brief 1 (28.8.1916).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05176)