Jakob Jud an Hugo Schuchardt (25-05173)

von Jakob Jud

an Hugo Schuchardt

Unbekannt

04. 03. 1915

language Deutsch

Schlagwörter: Nobelpreis

Zitiervorschlag: Jakob Jud an Hugo Schuchardt (25-05173). Unbekannt, 04. 03. 1915. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8505, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8505.


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4.III.15.

Verehrter Meister!

Eine günstige Gelegenheit bietet sich, Ihnen diesen Brief auf indirektem Weg zu übermitteln und ich ergreife gerne die Gelegenheit, um mich hier über einige Probleme, die Sie in Ihrem letzten Briefe berührt haben, zu äussern.

Zuerst der Fall Spitteler. Gewiss haben Sie Recht, über den Vortrag Ihr Urteil zu fällen, das – es ist vorauszusehen – nicht günstig lautet. Aber wir müssen doch auch den Moment der Ansprache nicht unberücksichtigt lassen: er hat hier nicht den Schweizerischen Standpunkt nach aussen, sondern nach innen markieren wollen: unser Land ist auf das schärfste von allen Mächten um seine Sympathien umworben worden: die grösste Gefahr für uns Deutschschweizer lag in der Ver- |2| suchung,ob des konstanten Appels an unsere Stammesverwandtschaft das eine zu vergessen, dass, wenn die Schweiz wirklich Existenzberechtigung hat, sie dieses Ideal sich nie und nimmer sich als das eigene vorsetzen darf: denn gerade im Willen des Zusammenleben von drei Splittern verschiedenen Volkstums kann der Kitt für unser Land liegen. Wer nun es erlebt hat, wie in den August- und Septembertagen unser deutschsprachiger Teil des Lands von deutscher Seite bearbeitet wurde und wer mitangesehen hat wie dasselbe in französ Schweiz von Westen her geschah, der musste es als eine wahre Erlösung empfinden, dass ein Deutschschweizer1 aufstand und unseren Landsleuten die Tatsache ins Gedächtnis zurückrief, dass „Schweizer |3| sein“ einem jeden ein erkleckliches Mass von Pflichten bringe, unter denen die vornehmste sei, auch den Feinden Deutschlands gerecht zu werden. Nur aus dem allgemeinen „désarroi“ des Geistes lassen sich gewisse scharfe Hiebe Spittelers erklären, der, ich wiederhole es, für Deutschschweizer gesprochen und der für die Nichtanwesenden seine Gedanken nachher veröffentlicht hat. Ich bewundere ganz offen seinen Bürgermut, denn er war sich völlig klar bewusst, welche Verketzerung seiner harrte. Dass jeder unter unseren Intellektuellen auch Reserven machte, brauche ich nicht hervorzuheben.

Und nun das Problem Serbien-Oesterreich. Sie erinnern sich, verehrter Meister, der markantesten Episode unserer Geschichte: sie ist eigentlich ein immerwährender Kampf gegen das Haus Habsburg. Wir können daher schon ein wenig den Kampf |4| Serbiens gegen die Habsburgerdynastie nachfühlen. Aber der wesentlichste Gesichtspunkt ist doch m. E. folgender: das 19. Jahrhundert ist mehr als eines der früheren das Zeitalter der Bildung von Nationalstaaten: Italien, Bulgarien, Griechenland, Serbien, Rumänien und last not least Deutschland. Welch innere Genugtuung empfinden wir doch ob der Tatsache, dass anno 1870 der grosse Traum eines deutschen Nationalstaates endlich erfüllt wird! Das Prinzip, dass Völker das Recht haben, über ihre Zukunft selbst zu bestimmen, das hat Deutschland anno 1870 gegenüber Frankreich mit gewaltiger Faust sich erstritten! Warum aber denn nicht dasselbe Recht andern Völkern ebenfalls gewähren? Wenn die Serben der Donaumonarchie nicht im Staatsverband sein wollen, wenn sie sich |5| ihres Volkstums immer mehr bewusst nach Zusammengehörigkeit mit ihresgleichen in steigendem Masse sehnen; wenn Rumänen oder Trentiner bei freier Meinungsäusserung dem bisherigen Staatsverband Valet sagen wollen, weshalb sie absolut im Rahmen zu behalten sei es auch mit Zwang? Liegt hier nicht gerade ein innerer Widerspruch mit der eigenen Geschichte Deutschlands vor, das über die Wiedergewinnung des deutschen Elsass jubelte, obwohl doch gerade die Elsässer ob dieser Annexion wenig erbaut waren? Ich weiss wohl die Einwände: Sie werden das Herrscherhaus als das einigende Band der Völker Oesterreich-Ungarns betrachten (und dazu die katholische Kirche). Aber ist es im 20 & 21. Jahrh noch möglich, einen Staat um ein Herrscherhaus zu gruppieren?

|6| Ich weiss, dass die Schweiz ja nach dem Nationalitätsprinzip auch auseinanderfallen müsste: aber hier liegt doch der bewusste feste Wille da, Schweizer zu sein: ist er in Oesterreich vorhanden? Glaubt wirklich jemand, dass die Rumänen, Ungarn, die Trentiner Tiroler, die Serben Ungarn sein wollen? Wir alle in der Schweiz empfinden heute für Oesterreich-Ungarn eine starke Sympathie, aber wir fürchten alle, dass der ganz gleiche Völkerzwist nach dem Kriege wieder beginnt und an Intensität zunehmen muss in dem Grade, da die einzelnen Nationalitäten sich ihrer Stammesangehörigkeit mit den Nachbarstaaten bewusst werden.

Den Hass gegen England können wir verstehen, nachfühlen, aber ich kann |7| ihn nicht in vollem Masse teilen, denn die englische innere Geschichte des Landes hat mir stets Bewunderung abgenötigt. Und ist nicht dasselbe England vor genau 100 Jahren dank seines hartnäckigen Widerstandes gegen Napoleon in Spanien, in Aegypten, durch die Continentalsperre die Retterin Europas vor dem Joch Napoleons I gewesen? Es ist eine eigentümliche Verkennung englischer Politik, das Eingreifen in europäische Händel ihnen vorzuwerfen. England hat dies stets getan, falls eine Kontinentalmacht zu mächtig zu werden schien. Man kann diese Maxime als egoistisch, als heuchlerisch bezeichnen, aber wer ist nicht in politicis Egoist bis auf den Knochen? Dass eigentlich das Schwergewicht im Duell England-Deutschland liegt, ist bei uns weitverbreitete Meinung: |8| aber ob die Hegemonie Englands oder Deutschlands leichter zu tragen ist, darüber sind bei uns die Meinungen sehr geteilt, weil wir hier mit unbekannten Werten arbeiten.

Den schwersten Schaden hat Deutschland sich bei uns durch die Besitzergreifung Belgiens zugefügt: ich muss gestehen, dass bei genauer Prüfung aller Dokumente – die heute in dem Buche von Waxweiler: Hat Belgien sein Schicksal verschuldet?2 vereinigt sind – die Schuld absolut für uns Schweizer unerwiesen bleibt. Darüber herrscht bei uns unter den geistigen Führern nur eine Stimme: wir erwarten immer noch mit grösster Spannung jenes Geheimdossier, von dem uns die deutschen Zeitungen in den Augusttagen gesprochen haben!

Aber nun genügt es: wir würden wohl eine Nacht lang diskutieren über all die Fragen, die wir angeschnitten haben, aber dessen müde werden, alle Gründe und Gegengründe gewissenhaft abzuwägen.

Mögen Sie versichert sein, dass wir stets versuchen gewissenhaft abzuwägen. Und nun einen warmen Gruss nach Graz von Ihrem ergeb.

Jud


1 Der Dichter, Schriftsteller, Kritiker und Essayist Carl Spitteler, der 1919 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

2 Emil Waxweiler, Der europäische Krieg. Hat Belgien sein Schicksal verschuldet? , Zürich: Füssli. 1915.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05173)