Jakob Jud an Hugo Schuchardt (22-05170)

von Jakob Jud

an Hugo Schuchardt

Unbekannt

31. 12. 1914

language Deutsch

Zitiervorschlag: Jakob Jud an Hugo Schuchardt (22-05170). Unbekannt, 31. 12. 1914. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8502, abgerufen am 21. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8502.


|1|

31.XII.14.

Verehrter Meister!

In wenigen Stunden läutet das alte Jahr aus, ein Jahr der schmerzlichsten Erlebnisse und auch einiger schöner Erinnerungen. Brauche ich Ihnen zu sagen, dass unter die letzteren die Frühlingsreise nach Graz gehört?1 Für all die frohen Stunden, die wie ein ferner Traum weit hinter uns liegen, auch heute meinen wärmsten Dank!

Unter die schmerzlichsten Erlebnisse dieses Jahres sind sicher die der letzten Monate zu rechnen. Nicht als ob ich je an den goldenen |2| Friedensfrühling geglaubt hätte, aber an einen solchen starken Rückschlag mit all den schweren Begleiterscheinungen hätte ich nie geglaubt. Dabei befindet sich der Kriegsführende in einer glücklicheren Lage als der sogenannte „Neutrale“: jener schwingt mit seinen Volksgenossen mit, dieser wird von den verschiedensten Einflüssen bearbeitet; es ringen in seiner Seele Stammesinstinkte, alte innige Beziehungen und Erinnerungen, die uns mit den verschiedenen kriegsführenden Ländern verbinden, nationale Pflichten ganz eigener Art in einem Lande, das, wie das unsrige, Romanen und Deutschschweizer in einem Staatsverbande vereinigt; all dies macht aus dem sogenannten „Neutralen“ |3| einen tief gequälten Menschen, der sich von seinen kriegsführenden Nachbarn gerade darin unterscheidet, dass er ein stetig „Wahrheit suchender“ ist, dem der Glaube, die Wahrheit zu besitzen, völlig fehlt. Mit wahrer Leidenschaftlichkeit habe ich alle Dokumente geprüft und ich erwarte mit wachsender Ungeduld das „rote Buch“ Oesterreich-Ungarns, um mir ein festes Urteil zu bilden, um dann doch wieder neuen Zweifeln Raum zu geben.2

Inmitten dieses inneren Sturmes, der mir schwer zusetzt, habe ich doch reichlich innere Erfahrungen durchgemacht: ich habe manchen meiner Mitmenschen wachsen sehen, andere kleiner werden; Krisen derartigen Umfangs und solcher Tiefe fördern oft manches zu Tage, was sich in ruhigen |4| Zeiten sorgfältig versteckt, und es hat mich besonders gefreut, dass die starke Vaterlandsliebe in allen unsern Nachbarn so tiefe Wurzlen geschlagen und sie zu den schwersten Opfern bereit gefunden hat. Glauben Sie, verehrter Meister, dass, wenn die Gefahr an unseren Schweizertoren sich einstellt, ich der erste bin, mein Gewehr herunterzuholen und in ein Wehrkleid zu schlüpfen und so denken heute Intellektuelle der romanischen und der deutschen Schweiz in gleicher Weise. Wir werden sehen, ob unser Opfer noch nötig sein wird.

Diese Wochen habe ich fast gar nichts positives geleistet: ich betäube meinen Geist mit Ausziehen von Materialien. Ich möchte nämlich, |5| so etwas wie eine Centrale des sämtlichen lexicologischen Materials der Romania hier schaffen und habe zu diesem Behufe seit langem mit systematischem spoglio begonnen.3 Ein Traum? Gewiss einer, aber er hilft mir, hie und da die traurige Wirklichkeit zu verlassen. Leider stellen sich mir eine Anzahl von Schwierigkeiten entgegen, so u.a. die Unauffindbarkeit gewisser älterer Wörterbücher. Ich muss einmal versuchen, einen Weg zu finden, diesem Übelstand abzuhelfen. Im ganzen dürften etwas gegen 400000 fiches bereits vorhanden sein und die nächsten 10 Jahre hoffe ich, sie etwa verfünffachen zu können, indem ich Hülfskräfte heranziehe. Ob aber die Bemeisterung des ganzen Materials noch gelingen wird?

|6| Und nun noch herzlichen Dank für Ihre neueste Publikation,4 in die ich heute als staunender Schüler eingetreten bin mit der gleichen Andacht, wie ich etwa zum ersten Mal in eine Moschee eintreten würde. Aber nach Ihren Fahrten nach den kreolischen Gebieten dürfen wir doch noch einige Kreuz- und Querfahrten im romanischen Gestrüpp erwarten? Oder sicher die versprochene Zusammenfassung des romanischen Einflusses im Baskischen und in den nordafrikanischen Sprachen?

Ihnen wünsche ich also nochmals alles Gute im kommenden Jahr, Ihrem Vaterlande bald Ruhe nach dem schweren Ringen!
Ihr stets dankbarer

J Jud Heinimann, 1992, Nr. 6, 8-9.


1 Vgl. HSA 05166 und 05167.

2 Österreich-Ungarisches Rotbuch. Diplomatische Aktenstücke zur Vorgeschichte des Krieges 1914 , Berlin: Vorwärts, 1914.

3 Vgl. was in Brief 05185 von dem geplanten Romanischen etymologischen Wörterbuch gesagt wird; ferner Heinimanns Einleitung zu den Briefen Juds an Jaberg, VRom 49-50, 1990/9, 73-99.

4 Schuchardt, Die Sprache der Saramakkaneger, Amsterdam: Müller, 1914 (Verhandelingen der Koninklijke Akademie van Wetenschappen te Amsterdam, Afdeeling Letterkunde: Nieuwe reeks 14,6).

5 Heinimann, 1992, Nr. 6, 8-9.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 05170)