Friedrich Ratzel an Hugo Schuchardt (10-09156)

von Friedrich Ratzel

an Hugo Schuchardt

Leipzig

04. 01. 1902

language Deutsch

Zitiervorschlag: Friedrich Ratzel an Hugo Schuchardt (10-09156). Leipzig, 04. 01. 1902. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8480, abgerufen am 14. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8480.


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PROFESSOR FRIEDRICH RATZEL LEIPZIG 4.I.02
Grassistr.10,

Verehrter Herr Kollege!

Mit Freude habe ich Ihre Anfrage als ein Lebens- u. Geisteszeichen nach langer Zeit des Schweigens begrüßt.1 Sie berühren da ein hochinteressantes Thema. Hoffentlich kann ich Ihnen einige Aufschlüsse und Wegzeige geben. Im hiesigen Museum, dessen |2| 2. Direktor Professor Dr. Karl Weule2 ein Schüler von mir u. zu jeder Dienstleistung in Ihrer Sache bereit ist, gibt es hauptsächlich schöne altamerikanische Spindeln, aber auch afrikanische und nordasiatische. Auch prähistorische sind da. Als um Weihnachten mein Freund u. Schüler Heinrich Schurtz3 Vorstand des Bremer Museums4 hier war, sprachen wir auch von Spindeln, |3| die in seinem Museum nicht fehlen. Er ist bereit, wenn Sie ihm genau präzisieren, worauf es ankommt, Ihnen mit Einzelheiten und Photographien zu dienen; er meinte, daß besonders westafrikanische von Interesse sein müßten.

Leider kann ich hier nur als Mittelsmann dienen, da ich mich mit dem Gegenstand nie beschäftigt habe. Von Grothe5 sagt mir mein Kollege Bücher,6 er habe |1| seine Angabe aus einer englischen Monographie über Spinn- u. Webkunst gewonnen, die sehr selten geworden sei, wahrscheinlich in den 40er Jahren erschienen, aber in der Wiener Bibliothek wohl aufzutreiben sein möchte.7 Des Vf. entsann er sich nicht. Wenig! werden Sie sagen; vielleicht genug, um meinen guten Willen zu zeigen, Ihnen zu dienen.

Mit herzlichen Wünschen für 1902 und besten Grüßen
Ihr F. Ratzel


1 Der letzte Brief stammt vom August 1885 (HSA 09155).

2 Johann Conrad Karl Weule (1864-1926), deutscher Geograph und Ethnologe, seit 1899 Dozent und zweiter Direktor des Grassimuseums in Leipzig. - Keine Korrespondenz im HSA.

3 Heinrich Schurtz (1863-1903), deutscher Ethnologe und Historiker, Ratzels Habilitand, seit 1893 ethnographischer Assistent am Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde in Bremen.

4 Das heutige Übersee-Museum Bremen weist keine Spindeln nach.

5 Hermann Grothe, Spinnerei, Weberei, Appretur auf den Ausstellungen seit 1867 unter besonderer Berücksichtigung der Ausstellung Paris 1878 sowie der Ausstellungen Philadelphia 1876, Wien 1873, Moskau 1872, Kopenhagen 1872, Neapel 1872, London 1871 u. 1872, Amsterdam 1869 u. s. w. Mit vielen Illustrationen auf 15 Tafeln und in Holzschnitten, Berlin: Burmeister & Stempell, 1879.

6 Karl Wilhelm Bücher (1847-1930), ab 1892 o. Prof. der Nationalökonomie in Leipzig.

7 Vermutlich Clinton G. Gilroy, The history of silk, cotton, linen, wool, and other fibrous substances including observations on spinning, dyeing, and weaving, New York: Harper & Brothers, 1845.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 09156)