Friedrich Ratzel an Hugo Schuchardt (06-09152)

von Friedrich Ratzel

an Hugo Schuchardt

München

09. 02. 1883

language Deutsch

Schlagwörter: Das Ausland Jornal das Colónias k.k. geographische Gesellschaft (Wien) Universität Graz Kreolsprachenlanguage Portugiesisch Buchner, Max Brasilien Schuchardt, Hugo (1882)

Zitiervorschlag: Friedrich Ratzel an Hugo Schuchardt (06-09152). München, 09. 02. 1883. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8476, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8476.


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Redaction des „Ausland
MÜNCHEN, den 9.2.
1883.

Verehrter Herr Kollege!

Ich beeile mich, was ich kann, um Ihnen hier einige Nummern von „Ausland I“ für „Jornal das Colónias“ zu senden, und bitte dringend um Entschuldigung des Vergessens, welches mich sie nicht früher senden ließ.

|2| Was Ihre Frage in betreff der Ehrenmitgliedschaft oder Korrespondentenwürde unserer Geographischen Gesellschaft betrifft, so will ich einfach und offen antworten: Früher wurde damit sehr leicht verfahren, jetzt ist man überall, so weit m. Wissen geht, zurückhaltend geworden. Hier in München habe z. B. selbst ich, sonst gerade kein |3| Demokrat oder Prinzipienreiter, dem Vorschlage des Kaisers von Brasilien1 mich widersetzt. Er hatte nichts für unsere Gesellschaft gethan, war nicht einmal persönlich irgend einem von uns bekannt. Um in einer geographischen Gesellschaft zu dieser Würde vorgeschlagen zu werden, muß man entweder derselben wesentliche Dienste geleistet haben, oder |4| einem einflußreichen Mitglied sehr genau bekannt sein, das dann gleichsam als Bürge und Pate auftritt. Aber selbst im letzten Fall muß man den übrigen oft sehr ochsenköpfigen Mitgliedern klar zu machen wissen, mit was für einem Verdienst sie es da zu thun haben.

Mit herzlichem Gruße

Ihr aufrichtig ergebener F. Ratzel

Ihre liebenswürdigen Mitteilungen über m. Anthropo-Geographie werde ich baldigst beantworten, danke einstweilen herzlich für dieselben. Max Buchners erste Leistung nach der Faschingsnarrheit, in der er fast ertrunken wäre, war eine Notiz über Ihr erstes Kreolenheft.2 Herzlich Ergeben D.


1 Dom Pedro II. (1825-1891), von 1831 bis 1899 Kaiser von Brasilien. Der Kaiser war mehrsprachig und außerordentlich belesen, dazu ein Mäzen von Künstlern und Wissenschaftlern.

2 Vgl. 56, 1883, 220: „Professor Hugo Schuchardt, der verdienstvolle Romanist der Universität Graz, eröffnet eine Reihe von Abhandlungen, betitelt ,Kreolische Studien‘ mit Nummer 1 ,Ueber das Negerportugie- [Spaltenwechsel] sische von S. Thomé (Westafrika)‘. Der vergleichenden Arbeit über alle kreolischen Mundarten soll eine Reihe von Einzeldarstellungen solcher vorangehen, die bis jetzt gänzlich unbekannt geblieben sind. Die gegenwärtige Nummer I erläutert in kritischer Weise an mehreren Texten von Liedern und Sprichwörtern aus S. Thomé die eigentliche Umbildung, welcher dort das Portugiesische von Seiten eingeborner oder eingeführter fremder Elemente unterworfen gewesen ist und bringt hierfür Analogien aus anderen Gebieten. Unter den kreolischen Dialekten kommt gerade den portugiesischen eine besondere Bedeutung insofern zu, als sie am frühesten entstanden sind“. [Diese Anzeige ist nicht namentlich gezeichnet, kann aber nach dem vorliegenden Brief Ratzels Max Buchner zugewiesen werden. – Ein Hinweis auf diese Notiz fehlt in HSA!].

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 09152)