Anton Schönbach an Hugo Schuchardt (19-10164)

von Anton Schönbach

an Hugo Schuchardt

Graz

08. 05. 1899

language Deutsch

Zitiervorschlag: Anton Schönbach an Hugo Schuchardt (19-10164). Graz, 08. 05. 1899. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8305, abgerufen am 26. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8305.


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[Graz, 8.5.1899]

Lieber freund,

ich höre von Skraup,1 daß Du die mitteilung von Deiner absicht, in pension zu gehen, dem dekan gemacht hast. mit diesem selbst habe ich noch nicht gesprochen, ich weiß also nicht, welche schritte er unternehmen wird. jedesfalls aber, und abgesehen von unseren persönlichen beziehungen, halte ich es als Dein nächster fachgenosse unserer universität für meine pflicht, der betrübniß ausdruck zu verleihen, die Dein entschluß allerorts hervorruft, und die hoffnung auszusprechen, daß Du im laufe der nächsten zeit der sache doch noch vielleicht eine andere seite abgewinnen und bleiben wirst.

ich mache Dir keine komplimente und Du hast

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sie auch nicht nötig: daß Du und Hann2 die internationalen zierden unserer universität seid ist eine offenliegende tatsache. viele kreise wissenschaftlicher arbeit über die welt hin wissen von der existenz der universität Graz überhaupt nur, weil Du an ihr wirkst. je schlimmer und bedrückter die lage der Deutschen in Österreich wird, desto wichtiger muß es sein, daß wenigstens ihre hochschulen die unbedingt führende stellung im modernen wissenschaftlichen leben nicht einbüßen. unter den vielen gesichtspunkten, von denen aus die angelegenheit erörtert werden könnte, scheint mir dieser einer der bedeutendsten, und zugleich einer,

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dessen erwägung vielleicht am meisten aussicht hat, zu Deinem herzen zu sprechen. ferner: Du hast selbst einmal in einem kreise von freunden und fakultätsgenossen geäußert, daß Du ursache hättest, mit unserem verhalten gegen Dich zufrieden zu sein und daß Du Deine stellung hier behaglich fändest. denk auch jetzt daran: Du bist in voller schaffenskraft – wenngleich Du gewiß manche leistung Deinen körperlichen zuständen abtrotzest – willst Du durch das aufgeben Deines amtes doch auf ein teil der wirksamkeit verzichten, die Deinen großen, ja einzigen gaben zusteht? Überdenke doch alles noch einmal – vielleicht schiebst Du eine endgültige Lösung doch um eine anzahl von jahren hinaus. –

verzeih die formlosigkeit dieser zeilen, aber

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ich bin im augenblick wenig geneigt, überlegsam zu stilisieren. verzeih auch, daß ich überhaupt schreibe, statt zu Dir zu kommen; aber ich weiß ja nicht, ob eine mündliche erörterung der sache Dir paßt.

jedesfalls aber nimm diesen brief als den ausdruck des herzlichsten und aufrichtigsten persönlichen und sachlichen anteils hin, den die üble nachricht mir abfordert.

mit herzlichem gruß

Dein

treulich ergebener

Schönbach

Graz, 8.5.99.


1 Zdenko Hans Skraup (1850-1910, österr. Chemiker, von 1887-1906 Prof. in Graz; vgl. HSA 10705-10707.

2 Julius von Hann (1839-1921), 1897 bis 1900 Professor für Meteorologie in Graz; vgl. HSA 04361.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10164)