Anton Schönbach an Hugo Schuchardt (15-10160)

von Anton Schönbach

an Hugo Schuchardt

Graz

20. 03. 1897

language Deutsch

Zitiervorschlag: Anton Schönbach an Hugo Schuchardt (15-10160). Graz, 20. 03. 1897. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8301, abgerufen am 26. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8301.


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[Graz, 20-3-1897]

Lieber freund,

ein beispiel für die unmittelbare entwicklung von „schlecht“ aus „unglücklich“ wüßte ich nicht zu nennen. ähnlich scheint mir nur, wenn aus ahd. bösi , mhd. boese schon im 14. jh. die nhd. bedeutung = übel entsteht. denn dieses wort heißt in ältester zeit nur „niedrig, gemein“, ja geradezu „arm“, und ist zusehends durch den kirchlichen g ebrauch abgebogen worden. (Kluge ist darüber nicht gut unterrichtet.) 1 Wahrscheinlich, aber nicht gewiß, ist nhd. schlecht auf diese art aus nhd. sleht geworden. vielleicht paßt Dir die entwicklung des engl. ill besser. aus dem nordischen wäre möglicherweise die merkwürdige verwendung von misgera = peccare, statt des zu erwartenden synfgask (Kahle, Die altnord. sprache im dienste des christentums 1890 s. 398 des abdruckes aus Acta Germanica 1,4).2

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wir haben leider keine arbeit, die in den pfaden des alten v. Raumer3 fortgeschritten wäre.

ganz zu Deiner ansicht paßt, wie ich eben mit vergnügen sehe, altsächs. unspôd Kf. 4 das ahd. unspuot = unglück entspricht, spuot ist prosperitas (nhd. sputen), während es im Heliand 3455 farlâtit is lusta, ni maq ina is lîchamo an unspôd farspanan notwendig malitia, pravitas heißt, was die der dichtung nahestehenden quellenstellen (die kommentatoren des gleichnisses von den arbeitern im weinberge – nach meinen ungedruckten sammlungen) geradezu verlangen.

nimm mit diesem körnchen vorlieb, mehr weiß ich jetzt nicht. ein nennenswerter einfluß der prädestinationslehre auf die entwicklung deutscher worte ist mir ganz unwahrscheinlich.

Karl Werner5 ist tot und so kann ich unter katholischen theologen Dir niemand nennen, der sich für solche dinge interessierte. vielleicht weiß der protestantische kirchenhistoriker C. W. J. Sell6 in Bonn, wenn er nicht selbst auskunft gibt, jemanden namhaft zu machen, der es könnte.

mit herzlichem gruß

Dein

ganz ergebener
Schönbach

Graz, 20.3.97.


1 Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Straßburg: Trübner, 1894.

2 Bernhard Kahle, Die altnordische Sprache im Dienste des Christentums. Teil 1: Die Prosa, Berlin: Mayer & Müller, 1890.

3 Friedrich von Raumer, Über die geschichtliche Entwickelung der Begriffe von Recht, Staat und Politik, Leipzig: Brockhaus, 1826 u. ö.

4 Unklar, was gemeint ist. („Kurzform“ ?).

5 Karl / Carl Werner (1821-1888), österr. katholischer Philosophie- und Kirchenhistoriker, zuletzt in Wien, mit Schwerpunkt Theologiegeschichte.

6 Carl / Karl Wilhelm Johannes Sell (1845-1915), prot. Theologe und Kirchenhistoriker, seit 1891 Bonner Ordinarius.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10160)