Anton Schönbach an Hugo Schuchardt (13-10158)

von Anton Schönbach

an Hugo Schuchardt

Graz

22. 02. 1896

language Deutsch

Zitiervorschlag: Anton Schönbach an Hugo Schuchardt (13-10158). Graz, 22. 02. 1896. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8299, abgerufen am 16. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8299.


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[Graz, 22.2.1896]

Lieber freund,

es tut mir sehr leid, daß Du Dich wider über mich aufgeregt hast. ich wäre gar nicht in die sitzung gegangen, wenn ich nicht Luicks1 halber gemußt hätte. jedenfalls wollte ich nicht sprechen: Dein auftreten war aber so – verzeih – provokant, daß ich dann leider noch geredet habe. und doch war die Sache der mühe nicht wert: 14 tage unterschied. dabei war mir in der aufregung entfallen, was wir vorher über die affäre Zingerle2 geschrieben u. gesprochen haben. ich weiß auch heute nur so viel, daß ich kein eigentliches versprechen gegeben habe, daß auch Du keines verlangt hast. war die sachlage so, daß Du

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berechtigt zu sein meintest, mein schweigen zu erwarten, dann bitte ich Dich ausdrücklich um entschuldigung. ich habe dabei keine mala fides gehabt. ich bin überhaupt nicht gegen Farinelli,3 wie Du auch gestern gesehen haben wirst. meine nachrichten stammen zu einem teile aus Innsbruck und beziehen sich darauf, daß Farinelli nie (sagt man) aus den quellen, sondern nur aus handbüchern arbeite u. daher seine citate beziehe. das ist mir von zwei seiten versichert worden, aber nicht von gegnern oder mitwerbern Farinellis. das andere habe ich gedruckt gelesen auf unserer bibliothek, ich hoffe die stelle Dir, wenn ich wieder hin komme, zeigen zu können.

nimm also zum schluss die versicherung

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entgegen, daß ich auch diesmal Dich nicht habe kränken wollen. auch ich bedarf der ruhe und wünsche sie mir sehr für meine arbeiten u. für mich selbst.

wenn Du andauernd mit den Kollegen Dich schwer sprichst – ob es nicht doch auch etwas an Dir liegt? der gestrige auftritt war meinem ermessen nach nicht notwendig, es hätte alles ganz glatt ablaufen können, und Du hättest Dir die vorhergehenden erregungen gespart. mir ist es auch nicht gleichgültig, wenn ich sehe, wie Du Deine gesundheit u. arbeitskraft schädigst.

mit herzlichem gruß

in treue
Schönbach

Graz, 22-2-96.


1 Karl Luick (1865-1935), österr. Anglist; von 1898 bis 1908 Ordinarius in Graz; vgl. HSA 06672-06709.

2 Oswald Zingerle (1855-1927), österr. Germanist, war 1881 in Graz habilitiert worden, wechselte dann in seine Heimatstadt Innsbruck und wurde 1892 nach Czernowitz berufen, wo er von 1894 bis 1918 als Ordinarius lehrte. Es könnte aber auch sein Bruder, der Romanist Wolfram Zingerle (1854-1913), gemeint sein.

3 Farinelli wurde 1896 auf Betreiben Schuchardts in Graz habilitiert und zum Privatdozenten ernannt; gegen die Habilitation erhoben sich Widersprüche von verschiedener Seite, zumal Farinelli kein Matura-Zeugnis vorweisen konnte und keine Beziehung zur Grazer Fakultät hatte. Zu Einzelheiten vgl. seinen Briefwechsel mit Schuchardt im HSA.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 10158)