Wilhelm Rullmann an Hugo Schuchardt (38-09851)

von Wilhelm Rullmann

an Hugo Schuchardt

Schlüchtern bei Fulda

14. 11. 1909

language Deutsch

Zitiervorschlag: Wilhelm Rullmann an Hugo Schuchardt (38-09851). Schlüchtern bei Fulda, 14. 11. 1909. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8230, abgerufen am 16. 05. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8230.


|1|

Schlüchtern 14/11 [1909]1

Lieber Freund!

Ja, ja, ich erinnere mich der 10 fl.-Geschichte ganz genau! Du hast sie mir am 29 Februar 18792 gegeben u. ich habe sie am 1 April 1889, als ich mich nach einigen Erfolgen im Angehen3 u. im Tarok zufällig in guten Verhältnissen befand, ihrer Bestimmung zugeführt. Wahrscheinlich ruhen sie jetzt bei den 1000 fl., die der Grazer Gemeinderat im Jahre 1899 bei dem 150j. Goethe-Jubiläum für ein Goethe-Denkmal gewidmet hat. - Übrigens |2| scheinst du durch den Bau deines Hauses u. den Umstand, daß du nicht mehr mit mir Tarok spielen kannst, finanziell sehr herabgekommen zu sein, da du solche Mittel gebrauchst, um deinen Freunden das Geld aus der Tasche zu ziehen. Mir ist es nie eingefallen, auf diese Weise wieder zu den 22 Fl. 60 Kr. zu kommen, die du mir einmal im Garten am Mariatroster Waldweg im Tarok abgenommen hast.

Ach, lieber Freund, es waren doch noch schöne Zeiten! Der Himmel war blau und die |3| Vöglein sangen im nahen Walde, mich zwickte noch nicht das Podagra am rechten Hinterfuß und was lag mir daran, wenn ich einmal einen angesagten Ultimo verlor,

Und jetzt - - Ich bin alleine auf der Flur

Und fern von mir, da rauscht die Mur

Aus ihren Wellen klingts wie Klage

Um die verlornen schönen Tage - -

Als wir noch auf dem Ruckerlberg mit dem guten Wanner auf meinem Balkon bei der Erdbeerbowle saßen, die mich 1 fl. 86-90 Kr. kostete u. mir 4-5 Gulden im Tarock einbrachte! |4| Und nun eine Frage: in der vorigen Woche habe ich mit dem Verleger meines Buches über Witz und Humor4 abgeschlossen (wird)5, das zu Ostern erscheinen wird. Mein Verleger, Herr Fleischel,6 behauptet nun, daß die Juden nicht nur Witz, sondern auch Humor besäßen u. hat mir als Beweis dafür einen Aufsatz über Zangwill7 im Mercure de France zugesandt. Hast du viel unterrichteter Mann die „children of the ghetto“8 gelesen u. kannst du mir etwas über jüdischen Humor sagen oder eine Quelle angeben? Dann sollst du auch die 10 fl. erhalten, die du mir am 29 Februar 1879 Nachmittags 41/2 Uhr für das Goethe-Denkmal übergeben.

Herzl. grüßt dein alter Freund
WRullm


1 Das Erscheinungsdatum von Rullmanns Buch im Berliner Verlag Fleischel (1910) liefert die Jahreszahl!

2 Dieses Datum gibt es nicht!

3 Kartenspiel, auch Polnische Bank, Panczok, Kratzen oder Frische Vier genannt.

4 Rullmann, Witz und Humor. Streifzüge in das Gebiet des Komischen, Berlin: Egon Fleischel & Co, 1910.

5 Wort unsinnig, der Verf. hat seinen Brief nach Abschluß nicht noch einmal durchgelesen!

6 Der Verleger Fleischel war evangelisch getaufter Jude.

7 Israel Zangwill (1864-1926) war ein britischer Schriftsteller, Essayist und Journalist jüdischer Abkunft.

8 Zangwill, Children of the ghetto. In 3 vols., London: Heinemann, 1892 u. ö. „Children of the Ghetto gave an inside look into an immigrant community that was almost as mysterious to the more established middle-class Jews of Britain as to the non-Jewish population, providing a compelling analysis of a generation caught between the ghetto and modern British life“ ( https://www.wsupress.wayne.edu/books/detail/children-ghetto).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 09851)