Wilhelm Rullmann an Hugo Schuchardt (27-09841)
von Wilhelm Rullmann
an Hugo Schuchardt
16. 12. 1913
Deutsch
Zitiervorschlag: Wilhelm Rullmann an Hugo Schuchardt (27-09841). Schlüchtern bei Fulda, 16. 12. 1913. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8220, abgerufen am 16. 09. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8220.
Schl. 16/12.[1913]1
Lieber, alter und getreuer Freund!
Besten Dank, lieber Schuchardt, dass du meiner an dem Tage gedacht hast, an dem ich mich an das Licht dieser Welt gedrängt habe.2 72 Jahre sind seitdem dahingegangen! Meine Mutter hat mir oft erzählt – ich selbst erinnere mich der Vorgänge nicht so genau (mein Gott, im Alter wird das Gedaechtnis so schwach wie die Beine) – was ich sagen wollte – ja, ich habe von meiner Mutter gehoert,, dass ich damals, als ich das Licht der Welt erblickte – so sagt man ja, obwol die Augen da noch fest geschlossen waren, gewaltig geschrieen und mit den Fuessen gestrampelt habe, als hätte ich eine Ahnung des Unheils, das die Welt mir bringen werde. Und in der Tat, das bischen Liebe und Tarok, das das Leben noch erträglich macht, wie schnell geht es vorueber. Ach, lieber Freund, das Alter, das Alter! – Hier heisst es: „Ende schlecht, Alles schlecht!“ Wenn man Stunden lang am Fenster sitzt und in die Winternebel hinausstarrt und froh ist, wenn man die ganze Weisheit des alten Sophokles, der da meinte: das Beste ist nicht geboren zu werden,3 aber wie Wenigen wir dieses Glueck zuteil!
Leb‘ wohl, alter Freund. Hoffentlich geht’s dir besser, als deinem alten Freund.
Wilhl. Rn.
1 Wolf, Nachlaß, 335 liest fälschlich als Datum den 10.12.
2 10. Dezember.
3 Sophokles, Ödipus auf Kolonos V, 1225.
