Wilhelm Rullmann an Hugo Schuchardt (23-09836)
von Wilhelm Rullmann
an Hugo Schuchardt
19. 02. 1912
Deutsch
Zitiervorschlag: Wilhelm Rullmann an Hugo Schuchardt (23-09836). Bonn, 19. 02. 1912. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8215, abgerufen am 21. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8215.
Bonn, den 19. Februar 1912.
Mein lieber und hochverehrter Vetter Wilhelm,
Eine große Freude hast Du mir damit gemacht, daß Du mir die Tagespost mit Deinem köstlichen Geburtstagsbrief an Schuchardt gesandt hast.1 Das muß wirklich eine ganz singulare Persönlichkeit sein! Wie ich aus den Kösener Corpslisten2 erfahre, war er erst Jenenser Thüringer und dann Bonner Hanseate, hier zugleich mit Philipp Bechtel* (*der dann mir mir zusammen 1863 in Marburg bei den [Burschenschaftsemblem] war), dem Hanseaten κατ‘ ἔξοχὴν und späteren Rauolzhausener Pfarrherrn, aktiv. Wie viele der damaligen Corpsburschen ist Schuchardt |2| dann ein ganz hervorragender Mann geworden. Möchten doch auch die jetzigen sich nach solchen Vorbildern richten!
Was mich aber am meisten an Deinem Geburtstagsbrief gefreut hat, ist, daß in ihm trotz der durch das Thema eigentlich vorgeschriebenen Grundstimmung überall die humoristischen Lichter aufblitzen. Ja, mein Lieber, Guter, so lange man noch so schreibt, ist man trotz der 70 kein grämlicher Greis (vgl. übrigens auch Cicero, de senectute).
Nun wird es bald Frühling. Draußen tobt hier bereits der echt rheinische Karneval, „es zwitschern schon die |3| Spatzen und in Horas3 trinkt man Doppelbier“. Dann muß sich bald alles, alles wenden!4
Mit Deinen beiden lieblichen Neffen Wilhelm und Adolf habe ich heute in kräftigem Doppelspatenbräu Dein Wohl getrunken. Und zu Hause haben sich Deine Ida, die zu unserer großen Freude einige Vorfrühlingswochen mit uns verlebt, und meine Hedwig uns angeschlossen.
Mit den herzlichsten Grüßen und Wünschen von Haus zu Haus
stets in alter Verehrung und Liebe
Dein treuer Vetter
Vital Pult.
Ich ergreife gerne die Gelegenheit, Dir, l. Wilh. u. Deinen Schwestern die herzl. Grüße zu senden.
Deine C.5 Ida.
Am oberen Rand von S. 1 (von der Hand Rullmanns):
Lb. a. Frd.! Besten Dank für Deine freundl. Zeilen. Schreibe Dir, sobald es mir besser geht. Rullmann
Lb. Frd.! Anbei ein Brief des I. Staatsanwaltes Pult in Bonn!
1 Vgl. HSA: „ Feuilleton (Grazer Montagszeitung). An Hugo Schuchardt. Ein Gratulationsbrief zum 70. Geburtstag.“
2 Diese sind inzwischen digitalisiert: http://www.corpsarchive.de/images/digiarchiv/KCL1910.pdf Wir finden Schuchardt auf S. 67 u. 568; Bechtel auf S. 67. Auch Vital Pult wird mehrfach genannt.
3 Horas, Stadtbezirk der osthessischen Stadt Fulda.
4 Ludwig Uhland, „Die Linden Lüfte sind erwacht“ (Ende Str. 1 u. 2).
5 Cousine?
