Wilhelm Rullmann an Hugo Schuchardt (22-09835)

von Wilhelm Rullmann

an Hugo Schuchardt

Schlüchtern bei Fulda

11. 12. 1911

language Deutsch

Schlagwörter: 70. Geburtstag Stradner, Josef Daniek von Danhof, Franz

Zitiervorschlag: Wilhelm Rullmann an Hugo Schuchardt (22-09835). Schlüchtern bei Fulda, 11. 12. 1911. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8214, abgerufen am 14. 08. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8214.


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Schluechtern bei Fulda, 11.12.11

Lieber und treu verehrter Freund, -

Zu meinem gestrigen 70 Geburtstage1 habe ich nur ein einziges Lebenszeichen aus Graz erhalten, aber es kam von dir! Und nun gar in Versen.

Und indem ich diese Verse las, stand der Augenblick wieder vor meiner Seele, in dem ich im Fruehjahr 1908 von dir Abschied nahm.

Es war am Ende der Humboldtstrasse, wo du deine Hand zum letzten Drucke in die meine legtest. Dann trennten wir uns, und waehrend du langsam der Wickenburggasse zuschrittest, schaute ich mich noch einmal nach dir um und sah dir nach, bis du hinter der Strassenecke verschwandest. Und dabei sagte ich mir: mit diesem Menschen hast du so manche frohe Stunde verlebt; ob du ihn einmal wiedersehen wirst?

Nun, wir haben uns wiedergesehn, aber es war nicht mehr dasselbe. Wir waren beide aelter geworden und schon waehrend meiner chefredactionellen Taetigkeit hatten wir uns selten gesehn. Aber damals – ja damals --- „Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka?“2

Ja, ich denke daran: an die erdbeerbowlendurchduftenden Tarokpartien auf dem Balkon meines kleinen Landhaeuschens auf dem Ruckerlberg, an die Abende auf der Franzosenhoehe, die oft zu Naechten wurden, an Stradner3 und seine ungarische Verkoerperung des ewig Weiblichen, an die Flucht des seligen Komocar vor dem tollen Metzger von Waltendorf, an Daniek Vater und Sohn4 u. so vieles andere.

Ich habe ja so viel Zeit daran zu denken! Wenn, wie in der letzten Nacht, der Wind um mein einsames Haeuschen heult, wenn ich im Nebenzimmer das Stoehnen meiner todkranken Schwester hoere, dann versenke ich mich in schlaflosen Stunden so gerne in eine schoenere Vergangenheit. Als ich im vorigen Jahre einmal ganz allein auf den Ruckerlberg ging, kamen mir die Traenen in die Augen.

In derartigen Stunden nagt einem auch der Wurm der Reue am Herzen. Das ist das Traurige am Alter, dass es nicht bloss Podagra und alle moeglichen Beschwerden bringt, dass es auch die Zeit der Reue ist. Ich habe ja keine Schlechtigkeiten, aber so entsetzlich viele Dummheiten zu bereuen! Dummheiten, oft aus gutem Herzen begangen. Vielleicht die groesste darunter war die, dass ich meine Schwestern zu mir genommen. Von da an habe ich nur Unruhe und Sorgen gehabt. Zuerst die fortwaehrenden Erkrankungen und Leiden meiner aelteren und nur [=nun ??] ein unheilbares Leiden der juengeren Schwester. (Die juengste, die hier als Witwe lebte, ist im vorigen Fruehjahr gestorben.). Nur Kranke um sich zu sehn, wenn man selbst alt und leidend ist, tagtaeglich das Jammern und Klagen zu hoeren – es ist hart und schwer zu ertragen.

Sonst koennte ich es ja sehr gut hier haben; im Sommer wenigstens. In jedem Sommer sage ich mir: was fuer ein gescheidter Kerl warst du doch, als du dich fuer deine alten Tage hier in der schoenen hessischen Heimat angesiedelt hast. Und in jedem Winter sage ich mir: was fuer ein Esel warst du doch, dass du dich in diesem langweiligen schmutzigen Neste fuer den Rest deines Lebens lebendig eingesargt hast! Gegenwaertig befinde ich [mich] wieder in dem Eselsstadium, in dem ich fuer’s naechste verbleibe

dein alter treuer Freund
Wilh. Rullmann


1 10. Dezember 1911.

2 Melodie aus dem letzten Viertel des 19. Jhdts., die damals sehr populär war und deutsch oder polnisch gesungen wurde („Pamietasz o tym dzielny moj Lagienko…“).

3 Josef Stradner (1845-1921), Publizist u. Schriftsteller.

4 Franz Daniek (1863-1942), Sohn von k.u.k. Oberleutnant Franz Daniek Edler von Danhof.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 09835)