Wilhelm Rullmann an Hugo Schuchardt (17-09830)

von Wilhelm Rullmann

an Hugo Schuchardt

Schlüchtern bei Fulda

05. 01. 1909

language Deutsch

Schlagwörter: Kreuschner, Kurt Rosegger, Peter Gutmann, Leon Meringer, Rudolf Wolf, Michaela (1993)

Zitiervorschlag: Wilhelm Rullmann an Hugo Schuchardt (17-09830). Schlüchtern bei Fulda, 05. 01. 1909. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8209, abgerufen am 14. 09. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8209.


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Schlüchtern b/ Fulda, 5. Januar1 09

Lieber alter Freund!

Als wir an einem Apriltag des vorigen Jahres in der Humboldtstraße uns voneinander verabschiedet hatten, drehte ich mich noch einmal um und sah dir lange nach: und Gedanken gingen mir durch den Kopf, wie etwa die: mit diesem Manne dort bist du ein gut Stück deines Lebensweges zusammengegangen, und es waren gewiß nicht die leersten und langweiligsten Stunden deines Lebens, die du mit ihm verlebt hast. Ob du ihn einmal wieder sehen wirst?

Schwerlich – kann ich heute wol sagen. Damals dachte ich noch daran, den Winter in Graz und von Ende Januar an in Meran zuzubringen; jetzt sitze ich hier in der Einsamkeit, denn ich bin nicht |2| reisefähig! Damals war ich ein Nervenleidender mit vasomotorischen Störungen, Schlaflosigkeit, Angstvorstellungen, u. s. w. wie es Hunderttausende gibt; heutzutage bin ich ein Auserwählter, der mit ganz anderen Qualen heimgesucht wird. Ja, mein damaliger Zustand erscheint mir jetzt als ein Ideal körperlichen Wohlbehagens; damals konnte man doch manchmal ein ¼ Wein trinken oder ein Glas Bier und eine Cigarre dazu rauchen, jetzt habe ich schon seit Mitte November keine Cigarre mehr angerührt! Vor ein Paar Wochen konnte ich Vorm. 1 Stunde u. Nachm. 1 Stunde spazieren, jetzt, nachdem ich vor 14 Tagen einmal |3| in einem Ohnmachtsanfall auf der Straße zusammengebrochen, schleiche ich im Garten um mein Haus herum, ¼ Stunde lang, dann kommt der Schwindel … Und was hab ich sonst alles durchgemacht. Eine ganze Nacht, in der ich im Delirium lag, in der 500 000 Teufel und Fratzen in einer Minute an mir vorbeiströmten, ganz wie der selige Couppeau im Assommoir es durchzumachen hatte.2 Und dann wieder eine Stunde in der Morgenfrühe, in der ich erwachend nicht wußte, wer ich war u. wo ich war und ganz ohne Bewußtsein, wie ein Geisteskranker! Und ein solcher bin ich ja auch. Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust, die eines |4| Irrsinnigen, bei dem oft Stundenlang ein tolles Gemengsel von Worten ohne Zusammenhang, Lauten, Figuren, Fratzen u.s.w. die Vorstellungen gefangen nimmt, und ein ganz vernünftiger Mensch, der seinen Zustand klar erkennt, sobald er die Augen öffnet. Sobald ich die Augen dann wieder schließe, befinde ich mich wieder im Zustand eines Fieberkranken bei ganz normalem Pulse! Dabei geht es mir doch etwas besser und ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, meinen Zustand zu einem erträglichen zu machen; mehr verlange ich nicht. Ein Arzt, zu dem ich Vertrauen haben könnte, steht mir hier nicht zur Ver- |5| fügung; Kreuschner3 hat mir Ferratin angeraten, das ich seit 3 Wochen gebrauche. Dabei nähre ich mich reichlich und meine Verdauung ist so gut, wie sie seit 20 Jahren nicht gewesen ist! Ich fühle recht gut, daß es Nervenkrämpfe des Gehirns sind, was mich so schwer heimsucht, denn wie wäre es zu erklären, daß mitten zwischen zwei guten Nächten eine scheußliche Nacht wie die vorgestrige fällt! Es gibt da einen Zusammenhang zwischen den vasomotorischen Störungen, die ich seit dem Jahre 1889 habe, mit den Anwandlungen dieser Krämpfe, die ich schon seit 1902 in meinem Tagebuch verzeichnet habe und die mich |6| meinem Malheur mit der Electrischen vor einem Jahre schon stärker hervortraten. Aber alles das war nichts im Vergleich mit dem was ich jetzt durchgemacht und noch durchmache, wenn sich auch seit einigen Tagen eine leichte Besserung bemerkbar macht. Ich glaube zu fühlen, daß sich, seit ich täglich 3mal eine halbe Stunde auf meiner Veranda und im Garten spaziere u. sitze (trotz der Kälte!) der Einfluß der frischen Luft sich wohltätig bemerkbar macht.

So! nun habe ich dir sehr ausführlich mein Herz ausgeschüttet. Aber ich weiß ja, daß du dich speziell für Leiden nervöser Art und daß du dich vor allem als |7| guter Mensch für die Leiden deiner Freunde interessirst. Ich weiß nicht, wie viele du von dieser Art hast; ich habe merkwürdiger Weise vorgestern an einem Tage Briefe von allen meinen Freunden erhalten: Rosegger, Kreuschner, Gutmann u. von dem Eremit in der Fuchsgasse [sic].4

Jedenfalls darfst du den Herrn Prof. Meringer5 von jetzt an nicht mehr zu diesen Freunden rechnen. Das ist ein dummer Kerl, der keinen Spaß versteht. Im Übrigen denk an das wahre Wort: Mensch, ärger dich nicht! Und du hast dich doch wohl etwas über den dummen Kerl geärgert.

Ich weiß recht gut, daß meine Schwestern nicht gern |8| von Graz fort sind, aber gerade meinen Schwestern hab ich das Opfer meiner Übersiedlung gebracht. Frauen verstehn nicht sich einzuschränken und man kann nicht mit 4000 K Pension an einem Orte weiter leben, an dem man bisher ein Einkommen von 9000 K gehabt hat. Indem ich Graz verließ, habe ich gleichsam mit dem Leben abgeschlossen und mich in der Einsamkeit vergraben. Ich bin hierher gekommen, um hier zu sterben und bei meiner alten Mutter begraben zu werden. Aber es eilt mir nicht damit und die Teufel, die mich jetzt zwicken, können mich schon noch ein Paar Jahre in Ruhe lassen.

Herzl. Gruß dein
Wilh Rullmann


1 Wolf, Nachlaß, 335 liest fälschlich „Februar“.

2 Émile Zola, L’Assommoir, 1877 (Teil des 20bändigen Zyklus der Rougon-Macquart). Der Zinkarbeiter Coupeau (sic) ist der Ehemann von Gervaise und der Vater von Nana und erleidet einen Arbeitsunfall

3 Nicht identifiziert.

4 Peter Rosegger, Kurt Kreuschner, Leon Gutmann und Hugo Schuchardt.

5 Rudolf Meringer (1859-1931), Grazer Indogermanist u. Sprachwissenschaftler.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 09830)