Adolf Bauer an Hugo Schuchardt (25-00636)

von Adolf Bauer

an Hugo Schuchardt

Wien

31. 12. 1917

language Deutsch

Zitiervorschlag: Adolf Bauer an Hugo Schuchardt (25-00636). Wien, 31. 12. 1917. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8188, abgerufen am 22. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8188.


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Wien 31. Dez. 1917.

Lieber Freund!

Robi, der in den letzten Tagen von der unteren Piave in ausgiebigen Kreuz- und Quermärschen mit öfterer Quartierveränderung in Belluno eintraf und dort die Weihnachtstage zubrachte, wie er heute schrieb, kam als Weihnachtsgast für uns überhaupt heuer nicht in Betracht, dagegen hat Willi eine Woche bei uns zugebracht und vorgestern früh wieder verlassen. Er hatte kurz vor dem 24. amtlich in Belgrad und nach diesem Tag hier auf dem Kriegsministerium und in Baden beim Oberkommando zu tun. Diese amtlichen Betätigungen waren so geschickt um die Weihnachtsfeiertage angeordnet, daß ein 8tägiger Urlaub heraus kam, ohne daß dadurch der jährlich zugemessene Urlaubsanspruch geschmälert worden wäre.

Mit den Kinderkrankheiten bin ich wohl definitiv fertig: schon die Erkrankung an Typhus, als ich zu Ende des vorigen Jahrhunderts aus Griechenland

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zurück kam, war kaum solche mehr und die jetzige vollends gehört zu den typischen Leiden des Greisenalters, von denen ich bisher nichts gespürt hatte. Ich bleibe dabei, daß die Atta[c]ke vom 2. Dez. 17 in meinem Dasein eine Cäsur bedeutet, wie ich dem Arzt sagte, der mich glauben machen wollte, daß ich in ein paar Wochen genau wieder so hergestellt sein würde wie vorher. Seine Verbote: Tabak, Alkohol, Thee und Kaffe[e] und sein Gebot reichlicher Milchnahrung nach Beendigung des Krieges sprechen auch für meine Auffassung.

Die Rekonvaleszenz macht langsam Fortschritte und ist durch verschiedene Folgeerscheinungen des in den ersten Wochen reichlich verabreichten Sajodins verzögert worden.1

Die Dezembersitzung in der Fakultät, in der der Vorschlag für die romanistische Lehrkanzel Beckers erstattet wurde, habe ich versäumt und weiß nur vom Hörensagen, daß nach Verlesung des Kommissionsgutachtens der Germanist Jellinek eine

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große Rede gegen den an erster Stelle vorgeschlagenen Münchener2 hielt, und sich verwahrte, daß jemand als Romanist berufen werde, der sich über Philologie so abfällig geäußert habe. Er fand wenig Beifall, einige Naturhistoriker erklärten, daß diese Ansichten sie für diesen Kandidaten ganz besonders einnehmen und so wurde der Kommissionsvorschlag sonst einstimmig angenommen. Ettm. dessen Entgleisung bei der Verfechtung des Kommissionsvorschlages viele befürchtet hatten, soll sich ganz gut gehalten und maßvoll benommen haben.

Nimm nun schließlich unabhängig vom Kalender, Kirchenjahr und Naturjahr meinen herzlichsten Dank für Deine freundlichen Zeilen und sei bestens gegrüßt von

Deinem

Adolf Bauer


1 Medikament auf Jod-Basis, das insbesondere bei Tuberkulose und Schilddrüsenleiden verordnet wird.

2 Vermutlich Karl Vossler (1872-1949), deutscher Romanist; vgl. HSA 12528-12551.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 00636)