Hugo Schuchardt an Pio Rajna (18-7)

von Hugo Schuchardt

an Pio Rajna

Graz

26. 09. 1903

language Deutsch

Schlagwörter: Schelle Biographisches Reisen Persönliche Treffen Reflexion über Wissenschaftskommunikation Wissenschaftliche Diskussionen und Kontroversen Zeitschrift für romanische Philologielanguage Kymrisch Rhys, John Curtius, Georg Gröber, Gustav Wales Schuchardt, Hugo (1876) Schuchardt, Hugo (1878) Schuchardt, Hugo (1886) Schuchardt, Hugo (1877) Schuchardt, Hugo (1894) Schuchardt, Hugo (1904)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Pio Rajna (18-7). Graz, 26. 09. 1903. Hrsg. von Luca Melchior (2012). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.817, abgerufen am 22. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.817.


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Graz, 26 Sept. 1903

Lieber Freund,

Ich beneide Sie darum dass Sie in diesem Sommer Ihre Wanderungen bis an die brittischen Gestade ausgedehnt haben, und ich werde dadurch veranlasst Ihnen über Brittisches zu schreiben; und ich würde das gern in brittischer Sprache tun; eithr yr ydwyf wedi anghofio yr hên iaith Gymraeg. Verzeihen Sie mir daher wenn ich Ihnen in einer andern nordischen Sprache schreibe.

Im Anfang der 70er Jahre lernte ich John Rhys in Leipzig – und zwar in einer Gesellschaft bei G. Curtius – kennen. Durch ihn wurde ich zum Studium des Kymrischen angeregt. Als ich 1876 in Wales war, brachte ich 8 Tage bei ihm und seiner Familie in Rhyl zu; die kleine Myfanwy mit der ich mich damals ergötzte, muss nunmehr etwa 30 Jahre zählen. Ich gedachte dieses meines Gastaufenthaltes auf dankbare |3| Weise in meinen “Keltischen Briefen”1. Später zeigte ich Rhys’ Lectures on Welsh Philology“2 [sic] ausführlich und rühmend an. Noch später, d.h. vor etwa einem Jahrzehnt habe ich dann allerdings gewisse Ausführungen von ihm widerlegen müssen3 – er hatte von Schottland eine allzukühne Brücke nach der Pyrenäenhalbinsel geschlagen; dabei hatte ich gesagt, es sei schade dass ein Mann der so gute und feste Bauten aufzuführen wisse, diesmal Kartenhäuser gebaut habe. Das hat mir Rhys nie vergeben und das tut mir ungemein leid. Er hat meine Briefe unbeantwortet gelassen oder unfreundschaftlich beantwortet, auch auf mein ausdrückliches Bedauern nicht reagiert (in der Sache selbst konnte ich natürlich nichts zurücknehmen).

Nun schreiben Sie mir dass Sie die Familie Rhys kennen gelernt haben. Es würde mich sehr interessieren, Näheres über deren |4| Bestand und Zustand (innern und äussern) von Ihnen zu vernehmen. Haben Sie zufälligerweise mit ihm von mir gesprochen? Ich würde ihn so gern versöhnt sehen, und zwar ohne jeden eigennützigen Gedanken. Ich beschäftige mich mit dem Keltischen längst nicht mehr und voraussichtlich kaum wieder; ich bedarf also seiner nicht.

Sie werden in diesen Tagen vermutlich Gröber und Familie gesehen haben, vielleicht noch sehen. Dann grüssen Sie ihn von mir, und entschuldigen Sie mich bei ihm dass ich letzthin ihm noch eine kleine Miscelle (Ursprung von ital. caffo)4 nach Strassburg geschickt habe, für die er in Italien nun Strafporto wird haben zahlen müssen – Mit bester Empfehlung an Ihre Frau Mutter und vielen Grüssen an die Florentiner Freunde.

herzlichst

Ihr

HSchuchardt

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1 Cf. Schuchardt (1876) Keltische Briefe I, in «Beilage zur Allgemeinen Zeitung» 13, 13. Jänner 1876, pp. 179-180; Id., Keltische Briefe II, in «Beilage zur Allgemeinen Zeitung» 18, 18. Jänner 1876, pp. 250-252; Id., Keltische Briefe III, in «Beilage zur Allgemeinen Zeitung» 157, 6. Juni 1878, pp. 2305-2306 e 158, 7. Juni 1878, pp. 2322-2324; Id., Keltische Briefe IV, in «Beilage zur Allgemeinen Zeitung» 166, 15. Juni 1878, pp. 2433-2435; Id., Keltische Briefe V, in «Beilage zur Allgemeinen Zeitung» 173, 22. Juni 1878, pp. 2537-2539; 174, 23. Juni 1876, pp. 2554-2556 e in « Allgemeinen Zeitung» 175, 24. Juni 1878, pp. 2562-2563 (neu publiziert in Schuchardt (1886: 317-426) Romanisches und Keltisches.

2 Schuchardt (1877) [Anzeige von:] J. Rhys, Lectures on Welsh philology, in «Literarisches Zentralblatt» 37, pp. 1250-1255. (Brevier/Archiv Nr. 107)

3 Cf. Schuchardt (1894), [Anzeige von:] J. Rhys, The Rhind Lectures in Archaeology. The Inscriptions and Language of the Northern Picts, in «Literaturblatt für germanische und romanische Philologie» 15, pp. 125-128. (Brevier/Archiv Nr. 283)

4 Schuchardt (1904) Ital. caffo; patta, in «Zeitschrift für romanische Philologie» 28, pp. 98-99. (Brevier/Archiv Nr. 462)

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Biblioteca Marucelliana, Firenze. (Sig. 7)