Alphons Leopold Mielich an Hugo Schuchardt (02-07358)

von Alphons Leopold Mielich

an Hugo Schuchardt

Dornbach bei Wien

22. 12. 1896

language Deutsch

Schlagwörter: Jagič, Vatroslav Ignaz

Zitiervorschlag: Alphons Leopold Mielich an Hugo Schuchardt (02-07358). Dornbach bei Wien, 22. 12. 1896. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8068, abgerufen am 17. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8068.


|1|

Dornbach, Promenadengasse 5,
am 22.Dez. 1896.

Hochgeehrter Herr Professor!

In umgehender Beantwortung Ihres freundl. Schreibens von gestern, erlaube ich mir folgendes zu sagen.

Wie ich schon erwähnt zu haben glaube war der patriotische Wunsch die erwähnten Handschriften in Österreich zu fixiren, das Hauptmotiv mit der Hofbibliothek diesbezüglich in Verbindung getreten zu sein –

Es wurde auch nie – von Haus‘ aus nicht an einen pecuniären Vortheil gedacht, was ich auch der Hofbibliothek auseinandersetzte und weshalb ich sie um Preisbestimmung ersuchte –

Der Preis für sämtliche 9 Hand- |2| schriften betrug cirka 1200 fl. (d. h. 100 ₤ St.)1 der Hofbibliothek deutete ich den Betrag von 1500 fl. für dieselben an – und sie schien mir vollkommen damit einverstanden. –

Nun erfahre ich, dass Hofrath Prof Jagič2 die 5 slavischen mit 5-600 fl. bewerthet – so dass für die Georgischen der Betrag von cirka 1000 fl. sich ergiebt –

Hofrat Jagič ist empört, dass die Hofbibliothek vom Erwerbe absteht und übernahm die Vermittlung zum Verkaufe der slav. Handschriften, was sich in Bälde erledigen dürfte.

Aus diesen Darlegungen werden Sie hochgeehrter Herr Professor die Sachlage vollkommen beurtheilen und ersehen können, dass es sich hierbei nicht, wie man sagt, „um ein Geschäft“ handelt.

|3|

Die Handschriften einzeln wegzugeben, fällt darum schwer, weil ja die Preisbestimmung hierfür schwer durchzuführen ist – ich ausserdem die ganze Sache erledigt wissen möchte; sie hat mir schon zu viel Ärger bereitet – und ich werde wahrscheinlich [mich] nicht mehr von patriotischen Gefühlen leiten lassen, Ähnliches zu vermitteln. – Ob ich von dem Betrage von 1000 fl. etwas nachlassen kann, weiss ich heute noch nicht – bin aber bereit Theilzahlung anzunehmen.

Mit dem Ersuchen um baldige Antwort

Hochachtungsvoll

Ihr sehr ergebener

A. L. Mielich


1 Ein gestandener österr. Professor verdiente damals um 5-6000 fl. jährlich (nach heutigem Wert ca. 20 000 €). Man kann demnach, vorsichtig einschränkend sagen, dass der Preis der angebotenen Handschriften einem knappen Viertel eines professoralen Jahresgehalts im damaligen Österreich entsprach.

2 Vgl. HSA 47-s.n. (23.12.1896), Schuchardt an Jagic: „Ich sagte ihm, er möge mir einen Preis machen, wenn derselbe annehmbar ist, so würde ich die Hdss. erwerben. Ich hätte ein grosses Opfer gebracht – denn ich habe keine anderen Einkünfte als meinen Gehalt – und die Hdss. liegen mir doch nicht ganz nahe, nicht wegen der Sprache, sondern weil ich mehr Linguist als Philologe bin, und sie in sprachlicher Hinsicht kein hervorragendes Interesse darbieten. Immerhin war mir der Gedanke fast unerträglich dass diese Hdss. nicht bei uns bleiben, dass sie auch mir vielleicht ganz aus den Augen entschwinden sollten. Denn da wir so manche Anregung und Anlass zu den orientalischen Studien haben so wird über kurz oder lang sich hierzulande noch mancher Andrer mit dem Georgischen beschäftigen. Solche Hdss. aber wie die in Frage stehenden werden sich nicht leicht wieder zu uns ,verirren‘. Ich war demnach entschlossen, einige Hunderte zu zahlen. Aber nicht so viele wie der Herr nun verlangt“. Weiterhin HSA 48-05035 (26.12.1896): Jagič regt an, die Hofbibliothek möchte auf einen Herkunftsnachweis verzichten; er würde die slavischen gerne selber kaufen; diese seien z. Zt. in seinem Institut; der Mittelsmann Mielichs habe die orientalischen Handschriften wieder mitgenommen. Dann auch HSA 50-s.n. (Schuchardt an Jagič [Brief 50-s.n.]), Graz, 5.1.1897: „Indem ich Ihnen für die gegebenen Nachrichten bestens danke, theile ich Ihnen mit dass ich mit dem pp Mielich, der sich jetzt in Leongang befindet, handelseinig geworden bin. Da mich das ein schweres Stück Geld kostet (von meinem Ersparten!), so fürchte ich dass daraus für meine sonstigen Agenden Nachtheil erwachse. Ich höre fast schon den oder jenen Kollegen sagen: Wenn der Sch. so viel auf georgische Hdss. hinauswirft, so kann er sich auch sein baskisches N. T. allein drucken. Es verhält sich aber umgekehrt; wenn ich ganz sicher gewesen wäre dass die georg. Hdss. zugänglich geblieben wären, nicht etwas in dem Palast eines amerikanischen Parvenus oder dem Schloss eines blaublütigen Engländers sich versteckt hätten, so hätte ich nicht die Hand darauf gelegt.“

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07358)