Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (23-07181)

von Gustav Meyer

an Hugo Schuchardt

Graz

22. 10. 1887

language Deutsch

Schlagwörter: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung (Kuhns Zeitschrift) Grazer Tagespost Hack, Wilhelm Brugmann, Karl Friedrich Christian Gurlitt, Wilhelm Rullmann, Wilhelm Oswald, Marie Schuchardt, Hugo (1884)

Zitiervorschlag: Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (23-07181). Graz, 22. 10. 1887. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8053, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8053.


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Graz, October 22, 1887

Lieber Freund1

Die 100 Gulden habe ich umgehend abgesendet, den Brief verzögert, weil ich mit dem Anfang der Collezia2 und anderm dummem Zeug viel zu tun hatte. Vor allem, es tat mir aufrichtig u. herzlich leid, dass es dir so wenig gut geht, daß du noch nicht kommen kannst. Wie ich höre, hast du noch beim Ministerium längeren Urlaub nachgesucht: wenn dir nur die Geschichte wenigstens dauernden Nutzen brächte! Ich wollte Hack3 keineswegs bei dir discreditieren, aber ich hielt es für meine Pflicht dir Zuckerkandels4 Auffassung über ihn mitzuteilen. Es tut mir leid, wenn dieser bei Nacht in einem Coupé 1. Classe andre Ansichten hat als bei Tag an seinem Schreibtisch.

Was die Miklosich-Affaire betrifft, |2| so bitte ich dich inständigst, tue keinen übereilten Schritt und schreibe nicht etwa dem alten Herren irgend einen gereizten oder pikierten Brief. Mikl. tat es allerdings leid, daß du dich über sein Nichtdanken geärgert hattest; aber – ich kann es nicht ändern – er hatte nun einmal die Ansicht nichts ungebührliches getan zu haben, er meinte, es seien ihm z.B. Orden angekündigt worden lange vorher, und er habe sich erst dafür bedankt, als er sie wirklich erhalten hatte.5 Ich fühlte keine Veranlassung mich mit ihm in eine akademische Discussion über die Grenzen der Dankbarkeit einzulassen, zumal er von dir in der freundlichsten und wärmsten Weise sprach. Das ,trotzdem hat er dir sein letztes Opus geschickt‘ ist ein bohrender Zusatz von mir. Er selbst schien der Sache den geringen Grad von Wichtigkeit beizulegen, den sie wol in der Tat verdient. Also drucke dein Opus fertig, streiche am Schlusse |3| meinetwegen irgend ein –issimus und schicke ihm dasselbe in den slovenischen Nationalfarben, u. du wirst sehen, wie der alte Herr vergnügt ist.6

Heut habe ich riesig lachen müssen. Brugmann7 schreibt mir eine Karte, du hättest ihm gesagt, ich wollte wissen, was er über Consonantengemination geschrieben, u. schickt mir den Correcturbogen einer Abhandlung aus KZ.8 Erst wußte ich gar keinen Reim darauf zu machen; dann fiel mir ein, dass ich dir geschrieben, du solltest ihn fragen, was es mit seiner Consonantengemination, nämlich Brugmann für früher Brugman, eigentlich für eine Bewandniss habe. Ich bitte ihn herzlichst zu grüßen.

Hier ist nichts Neues, Gutes u. Schönes passiert. Ich habe Montag angefangen zu lesen, etwa 8 Hörer, und lese von 3-4 Montag bis Donnerstag. Es ist natürlich ein mäßiges Vergnügen. Gurlitt9 ist sehr fidel |4| und sucht Wohnung; Mary Labatt10 ist eine Ziehtochter der Fürstin Salm, vater- und mutterlose Waise. Du könntest ihm wol eine Gratulationskarte schicken. Stradner11 fährt alle Sonntage nach Wien zur Kolemine12; Rullmann13 ist bis zum Wahnsinn verliebt in Teresina.14 Olga Blume habe ich im Burgtheater getroffen und am nächsten Tag pikfein bei ihr diniert; sie wohnt ganz pompös und ist ein sehr liebes Mädchen. Sie will diesen Winter in Linz Komödie spielen.15

Also schau, daß du bald herkommen kannst, Marie jammert um dich u. hat alle Tage Hallucinationen von einem Telegramm.

Mit herzlichem Gruss dein
GM


1 Letzter erhaltener Brief der Korrespondenz Meyer-Schuchardt.

2 Nicht geklärt.

3 Wilhelm Hack (1851-1887), Mediziner in Freiburg.

4 Emil Zuckerkandl (1849-1910), österr.-ungar. Anatom, von 1882-88 Professor in Graz.

5 Es kann sich eigentlich nur um Schuchardt, Dem Herrn Franz von Miklosich zum 20. November 1883. Slawo-deutsches und Slawo-italienisches, Graz: Leuschner & Lubensky, 1885 handeln, wenngleich die Widmung dieses Bandes bereits drei Jahre zurückliegt.

6 Möglicherweise eine geplante Dedikation zu Miklosichs 75. Geburtstag am 20. November 1885?

7 Karl Friedrich Christian Brugmann (1849-1919), deutscher Indogermanist und Sprachwissenschaftler; vgl. HSA 01411-01418.

8 (Kuhns) Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung.

9 Wilhem Gurlitt (1844-1905), Archäologe in Graz.

10 Mary Labatt (1857-1940) war das zweite Kind des Engländers James Labatt (1830-1862), Wechsel-Maklers in Wien, und der Josephine von Gaupp-Berghausen (1837-1864). Nach dem Tod der Eltern kam sie zunächst in die Familie des Germanistikprofessors Karl-Julius Schröer in Wien, um 1871/72 zog sie ins Stadtpalais der Familie des Altgrafen Hugo von Salm-Reifferscheidt-Raiz und seiner Gemahlin Elisabeth Prinzessin Liechtenstein. 1884 verlobte sie sich mit Wilhelm Gurlitt, 1885 heiratete das Paar, 1885, 89 und 94 kamen drei Töchter zur Welt.

11 Vgl. HSA 07179.

12 Alexandrine von Kolemine (1854-1941) [eigentlich Alexandrine Gräfin von Hutten-Czapska], die u.a. wegen ihrer morganatischen Ehe (1894) mit Großherzog Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein bekannt wurde.

13 Wilhelm Rullmann (1841-1918), Schriftsteller und Publizist, ab 1879 Redakteur der liberalen Grazer Tagespost.

14 Teresina Gessner (*1865), Schauspielerin.

15 Blume war von 1880 bis 1884 in Graz engagiert, woher Meyer sie vermutlich kannte.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07181)