Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (20-07178)

von Gustav Meyer

an Hugo Schuchardt

Athen

10. 04. 1884

language Deutsch

Zitiervorschlag: Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (20-07178). Athen, 10. 04. 1884. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8050, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8050.


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Athen, 10. April 84.

Lieber Freund

Gestern habe ich deinen Brief vom 4. erhalten. Ich danke dir vor allem für die freundliche Besorgung der Correctur von Jarník1 und hoffe, daß die Anzeige der Menschheit in wesentlich geläuterter Gestalt vor die Augen treten wird. Sonst scheint unter den Einläufen für mich nichts merkwürdiges zu sein.

Mit meinem Gesundheitszustande geht es etwas besser als zur Zeit meines letzten Briefes, wenigstens hat die Heftigkeit jener localen Erscheinungen nachgelassen. Natürlich muss ich mich der grössten Vorsicht befleißigen, und habe eine Abweichung von dieser Norm wieder vor einigen Tagen mit einem Rückfall büßen müssen. Du machst dir merkwürdige Illusionen über die Umgebung von Athen, wenn du von einem „idyllischen und comfortablen“ Wohnsitz hier in der |2| Nähe träumst. Hier ist außerhalb der Stadt alles primitivster Urzustand. In meinem Hotel hier habe ich relative Behaglichkeit, die ich freilich teuer genug bezahlen muß; anderswo kann man auch für Geld nichts haben. Ich lasse eben Erkundigungen einziehen, ob ich auf einer der Inseln (Hydra, Poros, Spetsia), die von Albanesen bewohnt sind, eine einigermassen menschliche Unterkunft für kurze Zeit finden könnte, denn Hotels gibt es dort natürlich nicht. Ich würde mich dann eventuell dort noch niederlassen, denn Athen ist zwar recht angenehm, und ich habe hier Albanesen genug, aber ich werde hier zuviel von gesellschaftlichen Beziehungen in Anspruch genommen, denen ich nicht ausweichen kann. Ich kann dir über die Zeit meiner Rückkehr nichts bestimmtes schreiben. Sie hängt |3| ganz von meinem Gesundheitszustand und meiner Laune ab. Ich habe keinen Urlaub für Mai genommen; sollte ich beim Beginn der Vorlesungen, den ich nicht kenne, noch nicht da sein, so bist du vielleicht so freundlich beim Decan den 14tägigen Urlaub, den er ja, glaub ich, bewilligen kann, für mich zu erwirken. Indessen nicht übereilt – in Oestreich ist es am besten, wenn man von solchen Sachen nicht zu viel spricht, sondern sie einfach tut.

Es lag mir fern dir einen Vorwurf darüber zu machen, daß du mir zum Antritt der Reise geraten hast. Hätte ich nicht den Glauben gehabt, dass der Térm2 sich in der milden Form halten würde, in der er anfieng, um vielleicht nach einigen Tagen ganz zu verschwinden, so wäre es mir ja nicht im Träume |4| eingefallen, abzureisen. Deine Äusserung, daß die Reise aus anderen Gründen angetreten werden musste, ist mir vollkommen dunkel und ich kann diese „andern Gründe“ nicht entfernt enträtseln. Ich hätte im Herbste dieselben Zwecke erreichen können; wie sich jetzt herausstellt, sogar besser. Ich hätte auf meine Subvention verzichten und gar nicht reisen können – ich sehe nirgends ein „muß“. Wenn du damit die Anschauungen meiner Herren Collegen meinst, so weißt du, daß mir diese zu allen Zeiten weniger als gleichgiltig gewesen sind.

Ob Weltlinger3 ein gemeiner Saujude ist, will ich nicht discutieren. Für mich steht nur fest, daß Frl. Rosen in weiblicher Beziehung auf keiner andern Stufe steht, höchstens ist sie noch verschärft durch eine phänomenale Dummheit, die Weltlinger glücklicher Weise nicht eigen ist.

Treu zugeeignet
GM.


1 Gustav Meyer, Rez. von „Prispevky ku poznani nareci albanskych. Uverejnuje Jan Urban Jarnik“, Archivio per lo studio delle tradizioni popolari 3, 184, 146-148.

2 Unklar, was der Ausdruck bedeutet; gem. ist jedenfalls die zuvor benannte Geschlechtskrankheit.

3 Siegmund Weltlinger (1854-1942), Sänger, 1881-84 in Graz. Zusammenhang unklar.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07178)