Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (19-07177)

von Gustav Meyer

an Hugo Schuchardt

Athen

17. 03. 1884

language Deutsch

Schlagwörter: Lambros, Spyridon Gurlitt, Wilhelm Reinhold, Karl Heinrich Theodor (1855) Schuchardt, Hugo (1884) Meyer, Gustav (1884)

Zitiervorschlag: Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (19-07177). Athen, 17. 03. 1884. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8049, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8049.


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Athen 17/29 März 84

Lieber Schuchardt,

Obwol ich nicht weiß, ob du noch in Graz bist oder die Reise nach Deutschland angetreten hast, schreibe ich dir nach Graz, hauptsächlich um dich zu bitten die Marie abzuhalten etwa eine längere Ferienexpedition anzutreten, da es sehr möglich ist, daß ich noch im Laufe des April nach Graz zurück kehre. Der gottverfluchte T–1 hat sich, wahrscheinlich weil ich in den letzten Tagen hier zu viel herum gelaufen bin, so gesteigert, daß ich seit gestern zu Hause liegen muß, es ist alles geschwollen und tut scheußlich weh. Ich habe mich |2| einem hiesigen jungen Arzte, den ich in Parnassos neulich kennen lernte, dem Bruder des Philologen Lambros,2 anvertrauen müssen, der mir für mehrere Tage absolute Ruhe vorschrieb. Glücklicher Weise hat mir Politis3 drei Albanesen besorgt, die zu mir kommen und die ich ausfrage. Ich bekomme auch Texte, und so hoffe ich, daß dieser Aufenthalt in Athen nicht ganz nutzlos sein wird. Die Griechen ehren mich sehr, alle Zeitungen brachten Bulletins über meine Ankunft, und besonders Politis ist von rührender Aufopferung. Um so mehr tut es mir leid, dass ich durch meinen körperlichen Zustand so sehr in meiner Bewegung gehindert |3| bin. Gestern war der Shakespeare-Übersetzer Bikélas4 bei mir und lud mich ein ihn auf einem Ausfluge nach Tirynth-Mykena5 zu begleiten; ich werde das wol schwerlich tun können. Auch mein Magen ist in einem hundsjämmerlichen Zustande – kurz, es ist eine Reise unter möglichst verkehrten Auspicien. Es ist ein Wunder, daß ich meinen Humor noch nicht vollständig verloren habe. Von einer Reise nach Südalbanien ist, auch abgesehen von meiner Krankheit, keine Rede; meine persönliche Sicherheit wäre gefährdet, das wird mir auch hier bestätigt. Ich denke also im Herbst, wenn ich bis dahin gesund bin, was Asklepios wol fügen wird, nach Scutari6 auf 4 Wochen zu gehen; jetzt kann ich mich auf irgend |4| beschwerlichere Reisen nicht einlassen. Ich hätte noch 2 bis 3 Wochen in Corfù bleiben und dann zurück kehren sollen, das wäre für meinen Gesundheitszustand das beste gewesen. Ich sage dir, dieser Tr– ist eine gottverfluchte Einrichtung und ein greuliches und unverdientes Pech.

Doch genug dieses Jammers [=Jammerns?]. Der erste Eindruck von athenischer Stadt und Landschaft war für mich ein mäßiger, obwol ich in ziemlich guter Laune hier ankam. Die Stadt ist allenthalben unfertig, die Formen der Landschaft etwas herb und streng. Erst auf der Akropolis ist mir allerdings das Herz aufgegangen; das ist ein mächtiger, unvergeßlicher Eindruck, wie ich ihn nur zweimal |5| in meinem Leben hatte, als ich zuerst das Meer sah und im Invalidendom am Grabe des ersten Napoleon stand. Selbst der Eindruck Roms war auf mich kein so überwältigender.

Ich habe soeben deinen Brief erhalten. Zur Beruhigung will ich dir mitteilen, daß die Fahrt von Corfù nach Athen vom schönsten Scirokkosturm der Welt begünstigt war und dazu mir ein ähnliches Herumwerfen des Dampfschiffes noch gar nicht vorgekommen ist. Ich habe trotzdem von Seekrankheit so gut wie gar nicht gelitten, nur an dem ersten Morgen gleich nach dem Café den Inhalt meines jämmerlichen Magens wieder von mir gegeben.

Daß ich nicht nach Albanien jetzt komme, bedaure ich selbst im höchsten Grade, aber ich kann bei meinem Gesundheitszustande es |6| auf keinen Fall riskieren mich in so primitive Culturzustände zu begeben, ganz abgesehen von der schon erörterten Seite der Gefährlichkeit oder Nicht-Ungefährlichkeit. Ich war übrigens tatsächlich 7 mal in Rom ohne den Papst gesehen zu haben. Meine hiesigen Albanesen sprechen bereits eine sehr heruntergekommene Sprache, es scheint, daß sie seit den dreißig Jahren, als Reinhold7 hier beobachtete, wenigstens die Hälfte vergessen haben. Der eine ist aus Athen, der andre aus Hydra. Officiell würden mir die Türken natürlich nichts zu leide tun, aber mich unofficiell schädigen und hintanhalten; einmal fürchten sie österreichische Annexionsgelüste, dann fürchten sie albanesische Propaganda. In beiden Richtungen bin ich verdächtig. |7| Ἀλλὰ τὰ μὲν πὰντα θεῶν ἐν γούνασι κεῖται.8 Den Schlüssel zum Briefkasten vermag ich dir nicht zu schicken, weil ich ihn nicht habe, er liegt in der rechten, oberen Schublade oberhalb des Schreibtisches, sie ist glaube ich nicht verschlossen. Rollands Faune ist ein Wurzelbuch,9 das ich dir indessen gönne, wenn du es um den schnöden Preis einer Recension erkaufen mußt. Zu Feuilletons bin ich gar nicht aufgelegt, und später werde ich sie den Mitmenschen wol auch ersparen. Grüße Gurlitt,10 du darfst ihm unter dem Siegel des Geheimnisses mitteilen, welche Tropfen in den Becher griechischer Lust für mich hineinfallen.

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An Calvary11 ist wol nichts nötig zu schreiben, die paar Wochen wird er sich wol gedulden können. Soeben erscheinen meine Škipetaren12. Also leb wol, und sei herzlichst gegrüßt von deinem

treu gesinnten
GMeyer


1 Abkürzung für Tripper (Gonorrhoe).

2 Spyridon (Pavlou) Lambros (1851-1919), griech. Historiker und, später, Sportfunktionär und Politiker.

3 Nikolaos Politis (1852-1921), griech. Volkskundler, der von 1876-80 in München studiert hatte.

4 Demetrios Vikelas (Δημήτριος Βικέλας,1835-1908), griech. Geschäftsmann u. Literat, erster Präsident des Internationalen Olympischen Komitees; er übersetze alle wichtigen Werke Shakespeares ins Neugriechische.

5 Heute meist Tiryns, antike Stadt auf der Peloponnes; Mykene, eine der bedeutendsten archäologischen Stätten in Griechenland, zwischen südlicher Peloponnes und dem Isthmus von Korinth.

6 Skutari (Shkodra), Stadt in Nordalbanien.

7 Karl Heinrich Theodor Reinhold, Noctes pelasgicae; vel symbolae ad cognoscendas dialectos Graeciae Pelasgicas, Athen: Garbola, 1855.

8 Ilias XX, 435 „Aber solches ruht ja im Schoß der seligen Götter“.

9 Schuchardt, „Rolland, Eugène, Faune populaire de la France (Noms vulgaires, dictons, proverbes, légendes, contes et superstitions) I-VI“, Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 5,1884, 280-284.

10 Wilhelm Gurlitt (1844-1905), Archäologe in Graz.

11 Verlag in Berlin ( Calvary & Spiro), der sich hauptsächlich auf klassische Literatur spezialisierte.

12 Meyer, „Albanesische Studien. 2. Die albanischen Zahlwörter“, Akademie der Wissenschaften Wien. Philosophisch-Historische Klasse: Sitzungsberichte, 107,5, 1884, 259-338.

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