Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (18-07176)

von Gustav Meyer

an Hugo Schuchardt

Korfu

17. 03. 1884

language Deutsch

Schlagwörter: Pitrè, Giuseppe Rolland, Eugène Deecke, Wilhelm Sayce, Archibald Henry Oxford Wolf, Michaela (1993) Landau, Marcus (1884) Meyer, Gustav (1884) Landau, Marcus (1885) Meyer, Gustav (1882) Meyer, Gustav (1885)

Zitiervorschlag: Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (18-07176). Korfu, 17. 03. 1884. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8048, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8048.


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Corfù 3/17 841

Lieber Freund

Wenn nicht auf der Spianada2 unter meinen Fenstern griechische Rekruten gedrillt würden und mein Tischnachbar bei der Table d’hôte Bukovics3 mit Tochter wäre, könnte ich so weit ganz zufrieden hier sein; denn Corfù ist in der That viel schöner als ich mir vorgestellt und mein Gesundheitszustand ist beßer als ich befürchtet. Mein Magenkatarrh hat den ausgiebigsten Anforderungen der Lloydküche entsprechen können und von Seekrankheit war nicht die Spur; der andere Katarrh hält sich auf mäßiger Höhe, und ich denke, ich werde ihn hier mit |2| Hilfe von corfiotischem und kephallenischen Wein langsam zu einem chronischen umgestalten, für dessen Schicksal der heilige Lipp4 sorgen mag. Meine Wohnung ist herrlich, Warsberg5 wird mich morgen einigen Albanern zuführen und Spaziergänge kann man die herrlichsten machen. Etwas anderes ist unangenehmer; Warsberg (der hiesige öst. Consul, ein sehr liebenswürdiger, leider brustkranker Mann) versichert mir, daß eine Reise nach dem türkischen Albanien absolut undurchführbar sei. Gebe ich meinen Reisegrund an, so werden mir von Seiten der Behörden alle möglichen Schwierigkeiten in den Weg gelegt, da man alles Albanophile u. Graecophile jetzt unterdrückt. Tue ich nichts, so werde |3| ich mit meinem österreichischen Paße als politischer Spion behandelt. Er könnte mir höchstens raten als Kaufmann zu reisen. Nun bitte ich dich! so etwas! Nun, wir werden ja sehen, was sich noch tun läßt.

An die Akademie habe ich noch immer nicht geschrieben, werde es aber noch von hier aus tun. Wenn in der Neuen Freien mein Feuilleton über das Landau’sche Buch6 erscheint7, so sei so gut auf meine Rechnung 10 Exemplare zu kaufen u. davon eins an Dr. M. Landau, Wien, Schwarzspanierstraße; eines an Dr. Pitrè, Palermo, via Villafranca;8 eins an Eugène Rolland, Paris, ?9 zu schicken und die übrigen auf meinem Schreibtisch zu deponieren. Ebenso bitte ich dich, wenn in der Münchener Allgemeinen mein |4| Aufsatz über das Etruskische kommt,10 10 Exemplare der Beilage kommen zu lassen u. eines davon in meinem Namen an Deecke nach Straßburg11 zu schicken, eines an Bugge in Christiania12, eines an Sayce nach Oxford13.

Ich werde wahrscheinlich bis Samstag hier bleiben u. dann, wenn mir nicht schlechter wird, nach Athen gehen. Schreibe mir dorthin poste restante. Grüße Marie, und sie soll, wenn du zu Ostern fortgehst, ordentlich die Wohnung zusperren. Beste Grüße an alle Bekannten, bleibe gesund,

ἀσπαζομαί σε ἐξ ὅληϛ τῆϛ καρδίας μου (?), ὅλωϛ ὁ σόι14
GMeyer


1 Wolf, Nachlaß, 272 datiert: „17.03.1884/ 05.03.1884 nach Gregor. Kal.“.

2 Dies ist der größte Platz in Griechenland überhaupt und befindet sich vor der alten Festung der Stadt Korfu.

3 Möglicherweise der Schauspieler Carl Bukovics von Kiss-Alacska (1835-1888).

4 Eduard Lipp (1831-1891), seit 1874 Direktor der neugegründeten Grazer Dermatologischen Klinik. Aus Meyers Krankenakte geht hervor, dass er an Syphilis erkrankt war und der Primäraffekt von Prof. Lipp behandelt wurde.

5 Alexander Freiherr von Warsberg (1836-1889), Reiseschriftsteller und Diplomat, seit 1868 österr. Konsul in Korfu.

6 Marcus Landau, Die Quellen des Decameron, Stuttgart: J. Scheible’s Verlagsbuchhandlung, 1884 (2. sehr vermehrte und verbesserte Auflage).

7 Neue Freie Presse (Wien), Nr. 7062, 25. April 1884; wieder abgedruckt als „Die Quellen des Decamerone“, in: Meyer, Essays und Studien zur Sprachgeschichte und Volkskunde, Berlin: Oppenheim, 1885, 208-217.

8 Giuseppe Pitrè (1841-1916), sizilian. Arzt und Folklorist; vgl. HSA 08864-08871.

9 Eugène Rolland (1846-1909), franz. Folklorist.

10 Meyer, „Die Lösung der Etruskerfrage“, Augsburger Allgemeine Zeitung 22.4.1882 (Beilage), wieder abgedruckt als „Die etruskische Sprachfrage“ in: Meyer, Essays und Studien zur Sprachgeschichte und Volkskunde, Berlin: Oppenheim, 1885, 13-48.

11 Ernst Wilhelm Deecke (1831-1897), deutscher Sprachwissenschaftler.

12 Sophus Bugge (1833-1907), norwegischer vergl. Sprachwissenschaftler in Christiania (Oslo).

13 Archibald Henry Sayce (1845-1933), brit. Assyriologe.

14 „Ich grüße dich von ganzem Herzen, ganz der deine“.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07176)