Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (16-07174)

von Gustav Meyer

an Hugo Schuchardt

Oppeln

15. 07. 1883

language Deutsch

Schlagwörter: Hofbibliothek Universität Prag Hartel, Wilhelm von Tomaschek, Wilhelm Förster, Wendelin Schenkl, Karl Benndorf, Friedrich August Otto Birk, Ernst von Schönbach, Anton Müller, Alois Bühler, Georg Schipper, Jacob Oswald, Marie Mussafia, Adolf Jagič, Vatroslav Ignaz Schuchardt, Hugo (1884) Miklosich, Franz (1884)

Zitiervorschlag: Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (16-07174). Oppeln, 15. 07. 1883. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8046, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8046.


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Oppeln, 15. Juli 83

Lieber Freund

Von Hartel1, den ich mit Mühe und Not noch kurz vor meiner Abreise sprach (denn der Arme hielt Prüfungen am akadem. Gymnasium ab), habe ich Ihnen dies zu melden: 1) Beitrag für Miklosich2 (5 Gulden genügt, da schon viel Geld da ist) nicht an ihn zu senden, da er Dienstag Wien verläßt, sondern an Tomaschek, Kanzler der Akademie.3 Ich würde dir sehr dankbar sein, wenn du auch für mich 5 Gulden schicken würdest, Marie wird sie dir ja zur Verfügung stellen, da das von hier umständlicher ist. 2) Honorar zahlt die Akademie etwa 14 Tage nach Erscheinen des Bandes, im dem die Abhandlung steht; ist dies der Fall, ohne dass du etwas erhalten, dann sofort reclamiren. 3) Preisaufgabe wird von einer Anzahl jüngerer Leute voraussichtlich bearbeitet werden; Idee Hartels + Försters; Hartel |2| findet deine Concurrenz nicht unpassend, würde es aber lieber sehen, wenn du dies nicht berürtest, da man dich seinerzeit in das Preisrichtercollegium cooptieren möchte. Hartel hat sich so stellen lassen wie Schenkel4 u. Benndorf5, also auf etwa 1500 Gulden; bis jetzt hatte er allerdings blos den Normalgehalt, also die Hälfte dieses Einkommens. Der alte Miklosich ist riesig auf dem Damme und wurzelt6 an einer großen Arbeit über die türkischen Elemente in den südosteuropäischen Sprachen,7 die bis Februar etwa fertig sein wird; dabei wird er auch das Problem der Mischsprachen erörtern. Die Affaire Birk8 hat in seinem ruhigen Gemüte keinerlei Trübung hervorgerufen; er hält uns, wie es scheint, für Phantasten, die das unmögliche wollen. ( Schönbach9 u. noch jemand warten übrigens, wie mir A. Müller10 jüngst sagte, seit über 4 Wochen auf eine Erledigung!) Bühler11 läßt Sie grüßen; er frühstückte eben 6 Spiegeleier und einen großen Haufen kalten Braten, als ich ihn besuchte, u. gab mir einen vorzüglichen Bordeaux zu trinken; dabei schimpfte er auf alles, was nicht englisch |3| ist. Schipper12 leidet zur Abwechselung an einer Fissur des Afters – on revient toujours – Thausing,13 den ich nicht gesehen habe, geht es sehr elend, man fürchtet, daß er den Winter nicht mehr durchmachen wird, den er in Rom zubringen will. Marie soll sich mit der Wohnung auf keinen Fall übereilen, denn ich habe auf dem Ministerium ausgemacht, wenn die Choleragefahr oder die Quarantaine im September noch besteht, erst im Februar fort zu gehen und mir dann noch für Mai resp. Juni Urlaub geben zu laßen; ich würde dann natürlich bis zum Januar lesen. Schreib mir wohin du gehst, vielleicht komme ich bald hin, ich habe zu Zürich wenig Lust nachdem ich auch in Wien nichts erfreuliches darüber gehört habe. Förster14 und Zupitza15|4| werden sich in der nächsten Zeit hier in Oppeln ein Rendezvous geben;16 vielleicht erlebe ich die beiden großen Männer noch. Falls du bei dem Abgange Mussafias17 verzichtest, würde Förster nach Wien kommen;18 von Cornu19 will man gar nichts wissen. Tomaschek20 ist wol auch zweifellos für Wien im nächsten Jahr, wiewohl T. meinte, es würde nicht ohne Kampf abgehen; man wollte etwas über seine Lehrtätigkeit wissen, wovon ich keine Ahnung habe. Miklosich bleibt noch 1½ Jahr, dann kommt Jagič.21 David22 war leider schon auf Urlaub abwesend. Das sind alle meine Neuigkeiten. Die Hitze in Wien war über alle Begriffe scheusslich, hier regnet es Gott sei dank.

Mit herzlichem Gruß
GM.

Schreib mir jedenfalls, ob du meinen Mikl.-Beitrag abgeschickt23


1 Wilhelm von Hartel (1839-1907), Altphilologe in Wien, Bibliothekar, späterer österr. Kultus- und Unterrichtsminister.

2 Franz von Miklosich (1813-1891) feierte am 20. November 1883 seinen 70. Geburtstag; vgl. Schuchardt, Dem Herrn Franz von Miklosich zum 20. November 1883. Slawo-deutsches und Slawo-italienisches, Graz: Leuschner & Lubensky, 1884.

3 Wilhelm Tomaschek (1841-1901), Geograph in Graz (bis 1885).

4 Vermutlich Karl Schenkl (1859-1919), Klass. Philologe

5 Friedrich August Otto Benndorf (1829-1900), Klass. Philologe in Graz.

6 i. S. von „fest sitzen“.

7 Miklosich, Die türkischen Elemente in den südost- und osteuropäischen Sprachen, Wien 1884f. (mehrere Bände, Reihe Denkschriften der Wiener Akademie der Wissenschaften).

8 Ernst Ritter von Birk (1810-1891), Historiker und Bibliothekar, seit 1871 Präfekt der Hofbibliothek. – Die Hofbibliothek hatte Schwierigkeiten bei der Ausleihe von Büchern gemacht, vgl. HSA Schuchardt an Mussafia ( Brief 43-SM16).

9 Anton Schönbach (1848-1911), Germanist.

10 Alois Müller (1835-1901), Hebraist, Bibliotheksdirektor in Graz.

11 Georg Bühler (1837-1898), Sanskritist in Wien.

12 Jakob Schipper (1842-1915), deutsch-österr. Anglist, seit 1877 in Wien.

13 Moritz Thausing (1838-1884), österr. Kunsthistoriker in Wien, in Leitmeritz verstorben.

14 Wendelin Foerster (1844-1915), Romanist in Bonn

15 Julius Zupitza (1844-1895) stammte aus Kerpen in Oberschlesien und hatte das kathol. Gymnasium in Oppeln besucht.

16 Das verwundert, weil Foerster am 15. Juli nach Bad Tarasp (Schuls) ins Engadin zur Kur reiste.

17 Adolf Mussafia war zu diesem Zeitpunkt 50 Jahre alt und hatte u.a. einen Ruf nach Italien.

18 Die Sache war gar nicht spruchreif, da Mussafia trotz mehrerer Angebote an Wien festhielt.

19 Der Schweizer Jules Cornu (1849-1919) war seit 1877 Foersters Nachfolger in Prag.

20 Wilhelm Tomaschek (1841-1901), Geograph in Wien; bis 1885 in Graz.

21 Vatroslav Ignaz Jagič (1838-1923), Slawist.

22 Vermutlich Benno David (1841-1894), Sektionschef im Wiener Ministerium für Cultus und Unterricht.

23 Vgl. HSA 07174.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07174)