Hugo Schuchardt an Gustav Meyer (15-223)

von Hugo Schuchardt

an Gustav Meyer

Bad Ems

15. 08. 1881

language Deutsch

Schlagwörter: Grazer Tagespost Universitätsbibliothek Graz Jarník, Johann Urban (1881) Diefenbach, Lorenz (1861) Miklosich, Franz (1881)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Gustav Meyer (15-223). Bad Ems, 15. 08. 1881. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8045, abgerufen am 14. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8045.


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15. August 1881
Nassau bei Ems
Wasserheilanstalt des Dr. Runge.

Lieber Meyer!

„Deutsche Worte hör‘ ich wieder!“1 Mahlzeit, Frau Doktorin, Mahlzeit, Herr Geheimeratte …. welch unnützes Hervorheben alltäglicher Vorgänge, über die man das Tischtuch der christlichen Liebe ziehen sollte! So unverdaulich das Roastbeef, ebenso unverdaulich sind die, die es essen; vielleicht behagen Ihnen die Berliner, die Sie ja nun wohl kennen gelernt, in ihrer eigenen Sauce besser, als |2| in gemilderter Zubereitung, wie sie hier auftauchen. Ich habe desshalb noch keine Gelegenheit genommen, aus der Sympathie für den unterdrückten österreichischen Brüderstamm Kapital zu schlagen. Das Wetter ist trostlos.

Jarnik’s Monumenta linguae Albanicae2 sind nie hier angekommen; eine „eminent praktische“ Publikation, bei der nur der Mangel eines Index schmerzlich auffällt. Ich habe im Bette liegend darin geblättert; ich theile Ihnen die hydrotherapischen (d. h. dummen) Gedanken mit, die mich dabei überfallen haben. Ich entdeckte zunächst das Lautgesetz δ = g; als ich aber δe, Erde, fand, entsann ich mich, dass Sie mir schon davon gesprochen. Haben Sie liδ- |3| lig = alles und eδ, Zicklein = αἴγ-s notirt? Hängt nicht brez, Gurt mit meinem braca u.s.w. zusammen? (Diefenbach Or. eur.3 führt vielleicht das alb. Wort schon an)? Burr, Mann, myt tödten möchte ich mit rom. baro, matar in Zusammenhang bringen. Labialvokal nach Labialkonsonant im Alb. häufig. Gidzilíu = ich Kiljele, titillico, catullio zeigt, dass die Albanesen weich kitzeln. Trin tapfer mit altir. trén = +tresn dass. verwandt? Breg Ufer = kelt. briga (franz. bergue)? Ist grun Weizen = granum, welches sonst Korn bezeichnet? Buk Brod = phryg. βεκκός (Herodot)? |4| Garnár Esel, doch etwa = +sagmar (der Abfall anlautender Silben macht Ihnen ja keine Schwierigkeit). Pyll Wald = palus, das bekanntlich im Rom. auch ,Wald‘ bedeutete.

Von Miklosich soeben Rumun. Lautlehre I erhalten.4 Und Schlag auf Schlag? Er citirt Sie auch. Natürlich er hat ja Ihre Grammatik lesen müssen und bei ihm fallen keine chips und chops auf den Boden.

Schon vor Wochen wollte ich Ihnen melden, dass laut Graz. Tagespost in Nürtingen eine Boa Constrictor aus einer Menagerie ausgebrochen war und nicht wieder hatte aufgefunden werden können. Allgemeine panique im Ort. Hoffentlich hat sich diese Boa nicht um eine sehr schlanke Taille herumgewunden und der Gatte derselben nicht aus Schrecken seine Heldentenorstimme verloren.

Schreiben (nicht schmieren) Sie bald

Ihrem angeeigneten5

HS.6


1 August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, „Heimkehr aus Frankreich“ (1. Zeile).

2 Vermutlich ist gemeint Jarník, Zur albanischen Sprachkunde, Leipzig: in Comm. bei Brockhaus, 1881.

3 Lorenz Diefenbach, Die alten Völker Europas mit ihren Sippen und Nachbarn ; Studien. Origines Europaeae, Frankfurt/M.: Baer, 1861.

4 Miklosich, Beiträge zur Lautlehre der rumunischen Dialekte, Wien: Gerold, 1881-83. Teil I behandelt den Vokalismus.

5 Wortspiel mit „zugeneigten“?

6 Am Ende Nachweisstempel: UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK GRAZ.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen (Sig. 223)