Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (13-07172)

von Gustav Meyer

an Hugo Schuchardt

Prag

26. 09. 1879

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Prag Neue Freie Presse Kremer von Auenrode, Lodvina Klebs, Edwin Gotha Schuchardt, Hugo (1879)

Zitiervorschlag: Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (13-07172). Prag, 26. 09. 1879. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8043, abgerufen am 17. 04. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8043.


|1|

Prag, Erzherzog Stefan
26/9 79

Lieber Freund

Damit Sie nicht auf die durchaus ungegründete Vermutung kommen, daß ich mich als Bräutigam so sehr verwandelt hätte um Ihre harmlosen Neckereien übel zu nehmen, wie Sie am Schlusse Ihres geschätzten vom 22. befürchten, will ich Ihnen gleich heute versichern, daß ich mich über Ihren Brief aus Gotha herzlich gefreut habe und mich noch mehr darüber freuen werde Sie hier begrüßen zu können. Hoffentlich bleiben Sie nicht allzu lange in den elterlichen Umarmungen |2| hangen um nicht zu spät hier einzutreffen. In den ersten Tagen des October gedenke ich diesem Liebesidyll ein Ende zu bereiten, vielleicht könnten wir dann zusammen nach Wien u. Graz fahren. Daß Ihnen im Herzogtum Gotha und überhaupt unter den deutsch redenden Männern mancherlei „spanisch“ vorkommt, glaub ich wol. Benutzen Sie nur die Tage doch um sich wieder in eine ordentliche christlich-germanische Verfassung des Gemütes und der Toilette zu versetzen. Es werden Ihnen zu Ehren hier die unglaublichsten Zauberfeste veranstaltet, Frau Lidwina1 sieht Ihrem Kommen mit bedeutender |3| Spannung entgegen, ihr Zustand ist noch nicht derartig, daß er eine persönliche Begrüßung ausschliesst, Sie müssen sich aber auf einige kräftige Bonmots über denselben von ihrer Seite gefasst machen. Klebs2 erwartet von Ihnen interessante Aufschlüsse über Bakterienerscheinungen bei den Zigeunern Andalusiens und bei meinen Schwiegereltern habe ich einen Solotanz mit Castagnetten von Ihnen angekündigt. Hier sind gegenwärtig die Meininger3, von denen ich die Bluthochzeit4 gesehen habe u. morgen Julius Caesar sehen werde – ein nicht unbedeutender Glanz (??). Sollte man in Gotha noch auf mich schimpfen, so treten Sie dem mit einer Schilderung meiner vortrefflichen Eigenschaften |4| in gebührender Weise entgegen.

Sie werden infolge des verlorenen Briefes auch nicht wissen, dass Ihr Stecchetti Ende August gedruckt worden ist?5 ich war damals in Tirol u. konnte daher kein Exemplar aufkaufen; mit besonderem Vergnügen habe ich die sinnige Apotheose des „Feinschmeckers“ Botteri gelesen.6 Ich fand es übrigens etwas zu lang für die Tendenzen des Feuilletons der NFrPr.

Leben Sie wohl und schreiben Sie, ehe Sie kommen.

Herzlichst

Ihr

GM.

Entschuldigen Sie das zu große Couvert!


1 Lidvina / Lidwina / Lidwine Edle von Kremer-Auenrode.

2 Erwin Klebs (1834-1913), deutscher Pathologe, von 1873-1882 Professor in Prag.

3 Schauspielensemble des Meininger Hoftheaters, das von 1874 bis 90 mit zahlreichen Gastspielen das europäische Theater im Sinne des Regietheaters beeinflusste.

4 Stück von Albert Lindner (1831-1888).

5 Schuchardt, „Lorenzo Stecchetti“, Neue Freie Presse 1879 (27./28.8.1879), 195-221.

6 Vgl. Brief 07168. Gemeint ist wohl der Schluss: „Ein Freund, welcher Feinschmecker in allen Dingen ist, hat mich zuerst mit Stecchetti bekannt gemacht, indem er mir einige von seinen besten Gedichten vorlas; dabei funkelte sein Auge, als ob er das zarteste Pollo vor sich hätte, seine Zunge tanzte als ob feuriger Dalmatiner darüber glitte, und es ward mir recht anschaulich wie das Wort ,Geschmack‘ zu seiner übertragenen Bedeutung gelangt ist“ (also ohne Namensnennung Jakob Botteris!).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07172)