Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (08-07161)

von Gustav Meyer

an Hugo Schuchardt

Graz

05. 07. 1879

language Deutsch

Schlagwörter: Hofbibliothek Universität Graz Neue Freie Presse Grazer Tagespost Schipper, Jacob Speidel, Ludwig Keller, Otto Riehl, Alois Schönbach, Anton Reinisch, Leo Heinzel, Richard Paul, Hermann Krek, Gregor Karajan, Max von Werner, Richard Maria Wolf, Michaela (1993) Scherer, Wilhelm (1878) Dobrinkat, Uta (1979) Broemel, Franz (1913) Meyer, Gustav (1880)

Zitiervorschlag: Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (08-07161). Graz, 05. 07. 1879. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8038, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8038.


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Graz 5/7 791

Lieber Freund

Besten Dank für Ihre letzten Mitteilungen. In Erwiderung derselben habe ich Ihnen zunächst zu sagen, daß Schippers Nachforschungen über die Quarterly Review erfolglos geblieben sind, sie ist weder auf der Hofbibliothek noch im Wissenschaftlichen Club vorhanden und also wol überhaupt öffentlich in Wien nicht zu haben. Ich bedaure Ihnen damit nicht helfen zu können.

An Speidel2 habe ich gleich nach Empfang Ihres Briefes geschrieben, bis jetzt habe ich weder Ihren Aufsatz zurückerhalten noch daß derselbe gedruckt worden. Ich werde Ihnen, sobald eines von diesen beiden Dingen geschehen ist, sofort Nachricht geben, zugleich mit der Schilderung |2| des Eindruckes, den Ihre neue Wohnung an einem der nächsten Tage auf mich machen wird. Im übrigen seien Sie froh dass Sie nicht hier sind.3 Eine Temperatur rein zum Verzweifeln: vorgestern tropische Hitze, heute wieder nicht möglich zu Mittag ohne Überzieher auszugehen. Daher begreiflicher Weise von Guitarre und spanischen Tänzen keine Spur. Letztere werden ersetzt durch den moralischen Cancan, den die Wahlmänner der philosophischen Facultät unter dem Vortritt von Kar.4 bei der diesjährigen Rektorswahl aufgeführt haben und der alles bisher dagewesene übertraf. Blodig ist trotzdem Rektor geworden5, hat aber durch eine Verbindung dieser Nervenaufregung mit seiner sonstigen trunkenboldenhaftig angekränkelten Naturanlage einen heftigen Blutsturz bekommen. In unserer Facultät hat man nicht nur Sie, sondern auch den edlen Keller6 übergangen und Riehl7 zum Dekan gewählt. Ebenso wenig sind Sie in die Akademie gekommen, aber auch Schönbach8 nicht, der es ziemlich bestimmt erwartet hatte: die höhere Wichtigkeit der Afrikanischen Sprachen hat Herrn Leo Reinisch9|3| diese Ehre verschafft. Ordentliches Mitglied wurde Heinzel.10

Dies meine wichtigsten Personalien. Daß das Ehepaar Barnay als Raubmörder verhaftet ist, hab ich Ihnen glaub ich schon mitgeteilt. Scherer, ZGddSp. 2 Aufl.11 ist von H Paul in höchst scharfer, aber zum grössten Teil verdienter Weise mit Füßen getreten worden;12 derselbe grosse Mann veröffentlicht seit einiger Zeit eine Serie wahrhaft miserabler Feuilletons „Zur ältern deutschen Literaturgeschichte“ in der NFrPresse13. Und das beste lagert dort ein halbes Jahr lang ab! Von mir ist auch eins bereits drei Wochen dort. Heut hat an dieser Stelle ein Herr Francis Broemel, der seit einiger Zeit dort aufgetaucht ist, furchtbar dummes Zeug über Ihre kymrischen Freunde geschrieben.14 Herr Goede drängt –.

Wissen Sie wer der erste Privatdozent war? Moses – denn „das Volk hörte ihn nicht“. Aus meinem Privatdocenten wird leider nichts werden, die Arbeit ist vollständig unbrauchbar, und ich hoffe, daß mein Antrag auf sofortige Zurückweisung bei Krek und Karajan15 nicht auf Widerspruch stoßen wird. Das tardum ingenium von Krek hat allerdings in 14 Tagen das Buch noch nicht bewältigen können. Mit dem PrivDoc Richard Maria Werner16 komme ich öfter zusammen, er ist ein noch sehr kindliches, |4| aber im ganzen traitables und von dem notwendigen Respect vor dem Professor erfülltes Individuum.

An Ferienplänen habe ich noch nichts gemacht. Zunächst bleibe ich hier um noch ein paar Wochen weiter zu arbeiten, ich möchte doch mein berühmtes Buch17 in diesen Ferien gern fertig kriegen. Dann vielleicht 14 Tage Salzburg und Tirol, nichts Größeres auch wegen Geldmangel.

Unter denjenigen, die sich oft und angelegentlich bei mir nach Ihnen erkundigen, ist zu nennen der Obercommissair und Hr. Staidovar, die mir beide aufgetragen haben Sie ganz besonders zu grüßen, was ich hiermit besorgt haben will.

Svoboda18 habe ich zudem einige biographische Daten über Sie gegeben, die das morgige Frühstück der Grazer etwas beleben sollen. Kleben Sie mal auf Ihren nächsten Brief ein paar andre Postmarken – ich trete dieselben einer jugendlichen Markensammlerin ab – und leben Sie im übrigen wol. Daß Klettes Fortgang von Jena durch einen in flagranti ertappten Ehebruch mit der Frau eines Bahnwärters (sic) herbeigeführt wurde19, wissen Sie wol schon.

Freundschaftlichst

Ihr

GMeyer


1 Wolf, 1993, S. liest hier und im folgenden Brief fälschlich eine „2“ (also Februar statt Juli). Meyers erste Antwort auf einen Brief Schuchardts aus Spanien ist allerdings Brief 07163. - Schuchardt hielt sich zu diesem Zeitpunkt in Barcelona oder Valencia auf. Das Juli-Datum wird übrigens durch die angesprochene Rektorwahl bestätigt, die am Ende eines Sommersemesters erfolgte, da das neue akademische Jahr mit dem Wintersemester begann.

2 Ludwig Speidel (1830-1906); vgl. HSA 10735-10736; Speidel war Journalist und Musikkritiker und arbeitete für diverse deutsche, vor allem aber Wiener Zeitungen.

3 Schuchardt hielt sich für längere Zeit in Spanien auf.

4 Max Theodor von Karajan (1833-1914) lehrte von 1857-1904 als Hochschullehrer in Graz.

5 Karl Blodig (1820-1891), Ophthalmologe, seit 1863 Prof. in Graz, mehrfach Dekan der medizinischen Fakultät, 1879/80 Rektor der Universität.

6 Otto Keller (1838-1927), Klass. Philologe, lehrte von 1876-81 in Graz.

7 Alois Riehl (1844-1924), von 1873-82 Philosophieprofessor in Graz.

8 Anton Emanuel Schönbach (1848-1911), österr. Germanist, 1873-1911 Professor in Graz, 1895 korrespondierendes, 1903 wirkliches Mitglied der Wiener Akademie der Wissenschaften.

9 Leo Reinisch (1832-1919), österr. Afrikanist, seit 1873 Wiener Ordinarius.

10 Richard Heinzel (1838-1905), seit 1873 Wiener Germanistikordinarius.

11 Wilhelm Scherer, Geschichte der deutschen Sprache, Berlin 1878.

12 Hermann Paul, in: Jenaer Literaturzeitung 1879, 307-311.

13 Vgl. Uta Dobrinkat: Vergegenwärtigte Literaturgeschichte. Zum Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit in der Literaturgeschichtsschreibung Wilhelm Scherers am Beispiel der Skizzen aus der älteren deutschen Literaturgeschichte und der Geschichte der deutschen Literatur, Diss. FU Berlin 1979.

14 Francis / Franz Broemel (1882-1904) schrieb u. a. für die Neue Freie Presse; zur Person vgl. Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Leipzig 61913, 356-357. Er hatte lange in England gelebt

15 Gregor Krek (1840-1905), Grazer Slawist; Max Theodor von Karajan (1833-1914), Grazer Klass. Philologe.

16 Richard Maria Werner (1854-1913), Schüler Scherers, von 1879-1886 Dozent in Graz.

17 Meyer, Griechische Grammatik, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1880 (Bibliothek indogermanischer Grammatiken; 3).

18 Adalbert Svoboda (1828-1902), Journalist, von 1862-82 Chefredakteur der Grazer Tagespost.

19 Anton Klette (1834-[unbekannt]), Klass. Philologe; Oberbibliothekar in Jena.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07161)