Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (04-07165)

von Gustav Meyer

an Hugo Schuchardt

Graz

28. 03. 1879

language Deutsch

Zitiervorschlag: Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (04-07165). Graz, 28. 03. 1879. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8034, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8034.


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Graz, 28.3.79

Lieber Herr von Schuchardt

„Wenn“ Ihnen gegenüber dem spanischen Pathos noch nicht aller germanische Humor abhanden gekommen ist, so werden Sie sich über die folgende Geschichte höchlich amusieren, für deren Mitteilung an Sie ich zehn Kreuzer und einen angebrochenen Abend dran wage.

Unser gemeinsamer Freund Glücksmann1 ist gegenwärtig der geleimteste und lackierteste Sterbliche unter der Sonne. Und zwar hat sich das folgendermassen begeben.

Sie erinnern sich an jenen unsichern „Professor“ Willinger, der mit seiner höchst verdächtig aussehenden Gema[h]lin im Anfang dieses Jahres auf der Freundesliste von Gl.2 erschien. Bald war seine Leidenschaft für die schöne Frau, sie heisst Hermine, kein Geheimnis mehr, und er erzählt jedem der es wissen wollte oder auch nicht, daß er sie vö … le. Lange Zeit durften Rittler und ich dies Wunderwerk der Schöpfung nur von weitem bewundern, bis es sich einmal notwendig machte uns vorzustellen. Wir beide bezeigten keine Lust zu einem öfteren Verkehr mit diesem Opfer der Gl’schen Lüste, zumal die Frau in Tracht und Benehmen allzu hetärenhaft sich gab. Nur war uns die hyper-lammsartige Geduld des Mannes, |2| mit der dieser das geradezu unverschämte und allen Anwesenden peinliche Courmachen Gl’s ertrug, unbegreiflich. Vor etwa 14 Tagen wurde der kleine Herzog – so habe ich Gl. getauft – ängstlich, sagte, der Mann fienge an Lunte zu riechen, wir hätten die Frau einmal nicht respectvoll genug behandelt, zögen uns auffallend zurück, der Mann hätte das gemerkt und auch die Frau Gl. gesagt, er müsste indiscret gewesen sein. Er beschwor uns einmal Abends in die Stadt Triest zu kommen und der Doña alle Regards zu erweisen. Obwohl wir nicht recht einsahen, was uns das angieng, wenn sich Gl. durch sein bodenloses Betragen in die Tinte gesetzt hatte, waren wir doch gutmütig genug, die uns bestimmte Rolle zu spielen. Trotzdem bemerkte man am kleinen Herzog in der letzten Zeit eine auffallende Gedrücktheit, die wir übrigens auf die über seinem Haupte sich zusammenziehenden Wucherer schoben. Da erfolgte am Dienstag die Katastrophe. G. war mit Frl. Feldwebel, einer anderen, „anständigen“ (sic!) Liebe, glaub ich nach Mariatrost gefahren, Rittler und ich sassen nach zwei Mas friedlich beim Dinner, da erscheint plötzlich das Ehepaar Willinger auf der Bildfläche. Sie hätten uns aufgesucht um Wichtiges mit uns zu reden. Er hätte die Überzeugung, daß Gl. sich in indiscreter|3| Weise über seine Frau geäußert, er könnte uns versichern, daß nichts vorgefallen sei, wovon er, der Gatte nichts gewusst hätte, Gl. hätte sich in frecher und zudringlicher Weise seiner Frau genähert, diese hätte sich in der Langeweile von Graz den Scherz nicht entgehen lassen wollen mit ihm sich etwas lustig zu machen. Dabei producierte er uns eine Photographie: sie hatte ihn bewogen, sich mit ihr zusammen photogr[aphieren] zu lassen, sie stehend, mit der Reitpeitsche (leider ohne Pelz), er wie ein Hund zu ihren Füssen auf dem Bauche liegend!! ich habe in meinem Leben noch nicht so gelacht, wie beim Anblick dieses Zanuttoschen3 Meisterwerkes. Dabei kam zu Tage, daß er sich in seinen Billets als „Lieutenant in der Reserve“, als „C. Gl., Edler von Genzken“ unterschrieben hatte; daß er uns beide, um uns von der Frau fern zu halten, auf die schauderhafteste Weise verleumdet hatte; mich hatte er für einen eingebildeten Schürzenjäger, der sich für unwiderstehlich halte, dem sie nur ordentlich über den Mund fahren sollte, hingestellt, Rittler hatte er sogar krumme Beine angedichtet, wegen denen er militäruntauglich wäre; mir einen Ruf nach Prag, der mich doch zu Ostern von Graz entfernte !! etc. etc. Kurz, wir bekamen eine solche Fülle von Schwindeleien aufgedeckt, zu jener uns gegenüber, daß er die Frau gev. hätte, daß wir eine grenzenlose Wut bekamen und mit dem Manne zusammen |4| uns für den Abend verschworen, obwol uns noch mancherlei an der Sache dunkel war. Abends erscheint Gl. ahnungslos. Nach harmlosen Gesprächen bringe ich die Unterhaltung auf Sacher-Masoch, Wanda von Dunajeff4, gepeitschte Liebhaber; R. spricht von einer Photogr., die er sich neulich bei Zanutto gekauft. Gl. wird immer blässer und stiller. Endlich zieht Rittler das bewusste Bild aus der Tasche und zeigt es Gl. von weitem. Totenblässe, ödes Lächeln, vergeblicher Versuch an seinem Schnurrbart zu drehen. Nun erwarteten wir von dem Gatten, daß er ein kräftig Wörtlein zu dem Burschen reden werde, so war es ausgemacht, wir hatten verabredet, daß keine grossartige oder blutige Sache entstehen solle; sondern daß er einfach in seiner Nichtigkeit enthüllt werde. Statt dessen zieht der Ehrenmann nicht einen Dolch, sondern einen Brief aus der Tasche und reicht ihn uns stillschweigend. Ich las – und wurde nun meinerseits nervös. „Geliebte, theure, mistrauische Hermine!“ Dann Versicherungen der Liebe, Verhöhnung des Gatten, Passagen wie „ist Dein Mann säumig in Erfüllung seiner ehelichen Pflichten, und darf ich nicht einmal seine Stelle vertreten“ etc. Ich gebe den Brief Rittler, er wird auch ängstlich. Der „Professor“ erhebt sich u. sagt: „Herr Rittler, darf ich Sie bitten mich mit Herrn Gl. aus dem Zimmer zu begleiten?“ Ich bleibe in nervöser Spannung zurück, ich glaubte mindestens, Gl. würde oben ordentlich geohrfeigt werden, was er übrigens redlich verdient hatte.

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Leider wurde es nicht so schlimm. Oben verlangte der Gatte kategorisch die Exemplare seiner Phot., die Gl. hatte, sowie zwei andere Phot. seiner Frau, die Gl. ohne zu mucken heraus gab – R. sagt, er hätte sich jämmerlich benommen – und erklärte ihm dann, er würde wol einsehen, daß er überflüssig sei, wenn er seine Schwelle noch weiter überschritte.

Wir giengen dann, ohne den Gatten, ins Café. Dort haben wir beide mit vollem sittlichen Pathos Gl. furchtbar zugedeckt; Schwindelei, Gemeinheit, ja selbst Ehrlosigkeit flogen ihm an den Kopf – er hat sich alles eingesteckt. Schliesslich verlangte ich von ihm die bestimmte Erklärung, ob er bei seiner Behauptung die Frau gev. zu haben bleibe oder nicht. Er wich aus und wich aus, endlich gab er denn zu, dass er sie zwar nicht gev. habe, aber nach allen Dimensionen abgeküsst und abgegriffen; auch hätte er ein Maas Briefe von ihr, die klar bewiesen, daß sie ihren Mann doch hintergangen hätte.

Am andern Mittag erschien er, schon wieder wesentlich gehobener Stimmung, mit den Briefen. Wir lasen sie alle. Sie enthielten nun zwar weder ein Liebesgeständnis noch sonst Verfängliches, waren aber doch so, wie sie eine Frau mit Wissen ihres Mannes nicht an einen jungen Mann schreibt, die Anrede meist „Mein lieber Carl“, am Schluss häufig „mit Kuss“ u. dgl. Unsere |6| ohnehin ziemlich bedeutende Unsicherheit in der Beurteilung der Geschichte wurde wesentlich gesteigert.

Gleich als Gl. fort war, erschien wieder der Gatte. Wir rückten ihm energisch zu Leibe, sagten ihm was Gl. erklärt hätte u. zeigten ihm die Briefe. Er sagte, er hätte vorausgesehen, daß Gl. versuchen würde sich zu rechtfertigen, und sei uns noch das letzte schuldig: Die Briefe hätte alle er selbst geschrieben. Sprachs, und copierte mit solcher Geschwindigkeit und solcher Identität der Schriftzüge einen Teil eines Briefes, daß ein Zweifel nicht möglich war. Der kleine Herzog war in der unglaublichsten Weise mystificiert worden!! Wir haben uns kostbar amüsiert. Zur Erhöhung unsrer Freude producierte er nun seinerseits die Briefe Gl. an seine Frau. Ich sage Ihnen, das war der höchste Spinat! Ich hätte sie dem Manne gern um schweres Geld abgekauft. Hier einige, natürlich nicht ganz wörtliche Citate: „Ich liege auf meinem einsamen Lager in der höchsten Erection meines Herzens“; oder „wenn Du nicht bald Balsam [der kam öfter vor] auf meine Wunden legst, verfalle ich in Agonie, die sich immer mehr steigert“; oder „morgen fahre ich über Land um die Erregung meines Herzens im Frieden der Natur zu dämpfen“. Ein andermal wirft er ihr vor „So etwas kannst du wol von einem andern glauben, aber nicht von einem Manne wie ich, der Herz und Gemüt besitzt“!! Ein andermal citiert |7| er höchst unanständige Verse aus dem „Neuen Tannhäuser“5 und spricht dann von den reinen „Gefühlen“, die er dadurch hätte ausdrücken wollen. Es war zum Kranklachen.

Als wir abends auch diesen Schlusseffect Gl. aufdeckten, war er ganz naff, und als wir ihm diese Kraftstellen seiner Briefe citierten, hat er sich wirklich, glaub ich, vor uns geschämt.

Damit ist nun diese schöne Geschichte, bei der sich Gl. auf jeden Fall unsterblich blamiet hat, vorläufig und wol auch definitiv am Ende. Ich glaube, Sie werden sich ebenso wenig wie wir ein klares Urteil über den Fall bilden können. Dass ein Mann sich dafür hergibt ein solches für eine Frau doch sehr blosstellendes Spiel treiben zu helfen, ist mehr als merkwürdig. Und Gl. hält entschieden die Kuss und chorographischen Studien über Busen und Schenkel aufrecht – und wir glauben ihm das auch; er hat sich auf unsere Aufforderung bereit erklärt eine Geschichte, wie sie ihn im Unterrock u. Hemd bei der Toilette empfangen und ihn die Geheimnisse ihres Oberkörpers habe bewundern lassen, dem Mann u. der Frau ins Gesicht zu wiederholen. Qu’en dites vous? Entweder ist der Mann ein Mordstroddel, der seine Frau diesen Jux hat machen helfen, den sie aber doch hinter seinem Rücken etwas über seine Intentionen hinaus ausgedehnt hat. Oder – er ist ein Gauner, der mit Hilfe seiner Frau Gl. hat anlocken wollen, und als er sah, daß mit ihm keine bedeutenden Geschäfte zu machen seien, ihn springen liess und jetzt vielleicht hofft einen von uns einzufangen. Leider wird das nicht einmal die Section ergeben. Wir wollen |8| übrigens Nachforschungen über das Vorleben des Ehemannes anstellen lassen. Jedenfalls hätten Sie sich kostbar amüsiert, wenn Sie die Geschichte miterlebt hätten, deren Einzelheiten ich Ihnen ja leider nicht alle habe schreiben können. Bewundern Sie mich übrigens, daß ich so viel zusammen geschrieben habe ohne auf Honorar rechnen zu können. Vielleicht machen Sie eine spanische Novelle daraus.

Ich fahre morgen nach Wien, von da nach Prag u. dann zu meinen Eltern nach Oppeln. Einen Brief richten Sie nur hieher, er wird mir immer nachgeschickt.

Leben Sie herzlich wol.

Ihr

GMeyer

Ihr Frisör lässt (durch Rittler) bestellen sich doch gefälligst darüber zu äussern, ob Sie vor Ihrer Abreise seinem Gehilfen Zahlung geleistet haben. Nicht etwa um Sie zu treten, aber er hat den Gehilfen schon in einigen Fällen im Verdacht solche Zahlungen unterschlagen zu haben.


1 Vgl. Brief 07163

2 Glücksmann.

3 Michael Zanutto, um 1870-1881, Photoatelier Volkmann und Zanutto, Atelier Graz, Fischmarkt 3.

4 Wanda von Dunajew (1845-1905), Pseudonym, in Graz als Angelika Aurora von Rümelin geboren; sie war eine Schriftstellerin und heiratete Leopold von Sacher-Masoch.

5 Eduard Griesebach, Der neue Tannhäuser, Berlin: Dümmler, 1871.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07165)