Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (03-07164)

von Gustav Meyer

an Hugo Schuchardt

Graz

17. 03. 1879

language Deutsch

Schlagwörter: Grazer Tagespost Schönbach, Anton Tomaschek, Karl Werner, Richard Maria Hasdeu, Bogdan Petriceicu Schuchardt, Hugo (1879) Wolf, Michaela (1993)

Zitiervorschlag: Gustav Meyer an Hugo Schuchardt (03-07164). Graz, 17. 03. 1879. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8033, abgerufen am 27. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8033.


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Graz, 17.3.79

Lieber Freund

Besten Dank für Ihren zweiten Brief. Meinen poste restante nach Madrid gesendeten sowie die Nummer der Tagespost haben Sie hoffentlich erhalten. Daß Sie ein reumütiges Geständnis abgelegt haben und die Vermutung der Grazer Bevölkerung, das Carnevalsfeuilleton sei von Ihnen1, zur Gewissheit erhoben haben, hat mich einigermaßen darüber getröstet, daß Sie so tief gesunken waren. Was für Hoffnungen, was für Entwürfe?! – Die betreffenden Exemplare habe ich durch persönliche Intervention von Svoboda2 endlich erhalten und den von Ihnen bezeichneten Persönlichkeiten den seltenen Genuss Ihrer lebensfrischen Schilderung verschafft. Also ist der Herzog von Gotha wirklich seinem rumänischen Bruder zuvor gekommen? ich habe mir wenigstens den Schlusspassus Ihres Briefes auf den ernestinischen Hausorden gedeutet3. Da der Stern von Rumänien auf Axe ist4, Sie einem spanischen Orden wol auch schwerlich entgehen |2| werden und Kronprinz Rudolf, wenn Sie mit ihm in der Sierra Nevada auf Adlerjagd ziehen, Ihre hervorragenden Dienste in dieser Branche gewiss auch durch ein äusseres Zeichen der Anerkennung der Mitwelt kundtun wird, so werden Sie allerdings bei Ihrer Rückkehr ungefähr so aussehen wie jener Russe in Ninishl5, dessen Namen mir jetzt nicht einfällt. Ich habe die Tatsache übrigens der „Tagespost“ bis jetzt verheimlicht, ebenso wie Ihre gewiss nahe bevorstehende Verlobung mit der Herzogin von Ossuna. Schreiben Sie bald einmal wieder was Sie treiben, auch wie es das mit Ihrer Gesundheit geht – wir freuen uns natürlich alle riesig von Ihnen zu hören. Ich gehe in 2 oder 3 Wochen über Wien zu meinen Eltern und auf der Rückreise vielleicht nach Prag, wo ich Ihre Reclamationen an unsere gemeinsame Freundin bestellen will, die mich – bersten Sie vor Neid – vor einiger Zeit mit einem 8 (in Worten acht) Seiten langen Brief beglückt hat, in dem Sie übrigens auch vorkamen. Übrigens ist sie Ostern in Wien, so daß es sogar zweifelhaft ist, ob ich sie in Prag treffe. Senden Sie mir einen Brief nur immer hieher, es wird mir alles |3| nachgeschickt werden.

Carl Glücksmann6 ist noch hier. Aber fragt mich nur nicht wie! Seine Existenz wird von Tag zu Tag unheimlicher und dunkler. Die Vermutung, daß er hier gern irgend ein altes Weib bearbeitet, gewinnt immer mehr an Boden. Er fühlt sich in unserer Gesellschaft nicht mehr wol, bis ihm Ritter (??) einmal wegen seiner Indiscretionen über seine „Verhältnisse“ die Leviten gelesen hat. Mit der Frau jenes Professors hat er es so schamlos getrieben, daß selbst dieser Troddel von einem Mann Wind bekommen hat. Er kommt gewöhnlich erst um 4 Uhr morgens nach Haus, ohne daß man weiß, woher. Wir fürchten alle den nahen Hereinbruch einer Katastrophe. Auf Sie war er wegen des einen Passus in Ihrem ersten Briefe, wo Sie von einer ihm an Grösse und Verstand überlegenen Dame sprachen, zwar böse und wollte Ihnen eine geharnischte Epistel schreiben – ich weiß nicht, ob er es getan hat.

Das grosse Tagesereignis ist das Duell des lakierten Katzenkopfes mit dem Lieutenant Meusé (Orthographie mir unbekannt). Ersterer machte im Gasthofe über die mit dem letzteren anwesende Braut desselben |4| die Bemerkung, sie sei ganz gut fürs Bett, der Offizier hörte es, stellte ihn zur Rede und sie giengen sich Tags darauf in einer hiesigen Kaserne mit Säbeln zu Leibe. M. wurde der kleine Finger der linken Hand durchgehauen, dagegen erhielt der Lakierte eine lebensgefährliche Verwundung über den ganzen Kopf von hinten bis zur Stirn und ist bis heut aus dem Delirium noch nicht herausgekommen. Hoffentlich ist ihm, wenn er davon kommt, wenigstens das Fick Centrum im Gehirn zerstört.

Sonst ist nichts merkwürdiges zu berichten, denn von der Szegediner Katastrophe7 werden Sie wol auch durch spanische Leitungen das Nötige erfarn haben.

Schönbachs8 Weggang nach Wien an Tomascheks9 Stelle ist so gut wie sicher und Richard Maria Werner10 rüstet sich in Folge dessen schon zur Wanderung nach Černovitz. Jarník hat bei der Akademie um eine Reisesubvention nach rumänischen [wohl: Rumänien] petitioniert. Hasdeu11 hat mir übrigens für mein ἐγκώμιον nicht eine Zeile gewidmet, worüber ich beleidigt sein könnte, wenn es mir nicht sehr egal wäre. Unsre Feuilletons noch immer nicht gedruckt, dagegen kommt jeden 3. Tag R. Wund!!12

Leben Sie herzlichst wol und lassen Sie von sich hören.

Ihr

GMeyer


1 Schuchardt, „Vom Barcelonaer Carneval“, Grazer Tagespost (4. März 1879) 1879. Der Text ist nicht namentlich gezeichnet.

2 Adelbert Svoboda (1828-1902), Chefredakteur der Grazer Tagespost.

3 Schuchardt war am 24.2.1879 mit dem Ritterkreuz Coburg-Gotha ausgezeichnet worden; vgl. Wolf, Nachlaß, 614. Dieser „ernestinische Hausorden“ wurde am 25. Dezember 1833 von den Herzögen Friedrich von Sachsen-Altenburg, Ernst I. von Sachsen-Coburg und Gotha und Bernhard II. Erich Freund von Sachsen-Meiningen und Hildburghausen als Hausorden für Zivil- und Militärverdienste gestiftet.

4 Diesen erhielt Schuchardt am 21.3.1879, also wenig später.

5 Nischni (Nowgorod)?

6 Vgl. Brief 07163.

7 Hochwasser.

8 Anton Emanuel Schönbach (1848-1911), österr. Germanist; er wurde nicht der Nachfolger Tomascheks.

9 Karl Tomaschek (1828-1876), österr. Germanist.

10 Richard Maria Werner (1854-1913), Germanist.

11 Bogdan Petriceicu Hasdeu (1838-1907), rumän. Literaturwissenschaftler.

12 Nicht identifiziert; die Feuilletons sind nicht namentlich gekennzeichnet.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07164)