Carlo de Marchesetti an Hugo Schuchardt (11-06850)

von Carlo de Marchesetti

an Hugo Schuchardt

Triest

05. 07. 1910

language Deutsch

Schlagwörter: Hortis, Attilio Schuchardt, Hugo (1904) Schuchardt, Hugo (1911) Cesalpino, Andrea (1583) Lobel, Matthias de (1581) Mattiolo, Pietro Andrea (1569) Durante, Castore (1580)

Zitiervorschlag: Carlo de Marchesetti an Hugo Schuchardt (11-06850). Triest, 05. 07. 1910. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8028, abgerufen am 13. 03. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8028.


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MUSEO CIVICO Triest, den 5. Juli 1910
DI
STORIA NATURALE
IN
TRIESTE

Verehrtester Herr Hofrat!

Ich habe Ihren geschätzten vom 18. v. M.1 nicht früher beantwortet, da ich immer hoffte doch endlich Freund Hortis2 über die Celtis-Generation3 interpellieren zu können. Trotz einer eifrigen Jagd ist es mir jedoch leider nicht gelungen den Zeus Olympicus zu sprechen, und so muss ich mich mit den negativen Notizen der Dii minorum gentium, die ich fragen konnte, und die in mittelalterlichen Urkunden nie etwas über einen „Lotonius baccularius“4 oder ähnliches fanden, begnügen.

Bezüglich der geographischen Verbreitung des Namens Lodogno,5 muss ich bemerken dass er durch ganz Istrien verbreitet ist (in Priano wird er Ladogno genannt). Dieser Name ist auch in Triest gebräuchlich, während er in Friaul Bavaler (auch Baolér, in Villesse) oder Bagoler und Cempignar genannt |2| wird. Den Namen „Bagoler“ möchte ich von baculus od. baculum (bastone, bacchetta) herleiten, da aus den Aesten der Celtis die besten Ruten bereitet werden. Grupignar dürfte vom friaul. Crupp = dimpo, greppo (nach Priana) hergeleitet sein, da Celtis wild zwischen Felsen wächst (davon der ital. Name Spaccasassi). Da auf dem Triester Karste Slovenen leben, ist natürlich dorten weder der Name Lodogno noch Bagoler gebräuchlich. Das Vorkommen von mehreren Ortschaften mi dem Namen Caprina dürfte auf den slav. Namen dieses Baumes zurückzuführen sein. In Dalmatien heisst er übrigens Kostilla, während Kopriva die Nessel (Urtica urens und dioica, dagegen Kopriva ljuta die U. pilulifera) bedeutet.

Bezüglich des Namens Lodogno muss ich erwähnen dass Caesalpinius (De pl. II, c. 52, p. 86)6 Lobelius (Ic. II, p. 186)7 u. andere ihn Lotus arbor nennen (λωτὸϛ δενδρὸν Diosc. I, 171);8 Matthiolus9 nennt ihn Loto und Durante Loto albero.10 Der Name ist übrigens spanischen Ursprunges, denn für Celtis australis sind in Spanien die Namen Almez, Almecino, Alatonero |3| und Lodoño gebräuchlich. Und der letzte kommt von lodo = loto.

Bezüglich der Verbreitung der Celtis im Küstenlande, muss ich bemerken dass sie wild gewöhnlich als stattlicher Strauch am Karst hie und da vorkommt und sich bis zum Vippachtale und längs dem Isonzo bis nach Roncina-Padrella sich nach Norden erstreckt. In Oppecchiasella und Umgebung ist sie sehr oft und massenhaft (auch als Stütze zu den Weinreben) zur Peitschenbereitung angepflanzt und zwar als kleine, niedere Pflanze gezogen, damit sie lange, gerade, antennartige Aeste (aehnlich wie die Weiden) treibe. In der Umgebung von Trient wird Celtis nicht zu Peitschen oder anderen Zwecken cultiviert, aber die in der Strecke zwischen Duino und Oppecchiasella gewonnenen Peitschenernten kommen über Trient in den Handel. Celtis wächst aber als grosser, ja sehr grosser Baum, wie die auf Plätzen, vor Kirchen, etc. gezogenen Exemplare, wie die in Antignana, Grizignana, Geminio, Borat, Villesse, Lussingrande, Neresine, etc. |4| Der von S. Giusto11 hat einen Umfang von 4.90 M., der von Popecchio gar 6.30 M. in 1 M. Höhe. Auf dem Weg nach Barcola ist nicht Celtis, sondern Sophora japonica12 gepflanzt, dagegen Celtis, nebst Ailanthos,13 in der Via di Miramare und am Campo Marzio.14 – Die italienische Bevölkerung gibt der Celtis den Vorzug als Baum auf Plätzen oder vor Kirchen; die Slaven ziehen die Linde (lipa) vor. Vorige Woche habe ich im Dorf Racievaz, in der inneren Cicerei,15 bei Lanischie, eine Linde von 6.84 M. Umfang gemessen.

Und so hätte ich meine botanisch-philologische Discussion beendet. Nächstens fahre ich nach Mauthen in Kärnten zur Sommerfrische.16 Es würde mich sehr freuen wenn Sie sich in der Gegend verirren würden: vielleicht treffen wir auch dort einen Lodogno.

Mit den Ausdrücken meiner besonderen Hochachtung

Ihr ergebenster

CMarchesetti


1 Hier Brief-Postkarte 7.

2 Attilio Hortis, vgl. Brief HSA 06849.

3 Celtis = Zürgelbaum¸ vgl. Schuchardt, „Ital. corbezzolo, span. madroño, sard. olidone ,Erdbeerbaum‘; franz. micocoulier ,Zürgelbaum‘“, ZrP 28, 1904, 192-195. Weiterhin Schuchardt, „,Zürgelbaum‘ (zu Zeitschr. ’10, 338 ff.)“, ZrP 35, 1911, 385-396. Der auf S. 396 erwähnte A. de Marchesetti dürfte wohl der Vf. des vorliegenden Briefes sein. Wie sich die falsche Namenssigle erklärt (Druckfehler?), muss offen bleiben

4 Anderer Name für Celtis australis.

5 Eigentl. „Maurer“.

6 Andrea Cesalpino (1519-1603), De plantis libri xvi, Florenz 1583.

7 Matthias de Lobel [Lobelius] (1538-1616), flämischer Botaniker, Vf. von dem hier gemeinten Werk Stirpium seu Plantarum Icones (1581).

8 Pedanios Dioskurides (1. Jhdt.), De materia medica libri quinque.

9 Pietro Andrea Mattiolo (1501-1577), ital. Arzt und Botaniker, Opusculum de simplicium, medicamentorum facultatibus secundum locos (Venedig 1569).

10 Castore Durante (1529-1590), ital. Arzt und Botaniker, Herbario novo (1580).

11 Castello di San Giusto in Triest.

12 Japanische Schnurbaum, auch Honigbaum, Schnurbaum, Perlschnurbaum, Japanischer Perlschnurbaum, Japanischer Pagodenbaum oder, nach seinen säuerlich schmeckenden Samen, Sauerschotenbaum genannt, ist eine Pflanzenart in der Unterfamilie der Schmetterlingsblütler (Wikipedia).

13 Ailanthos glandulosa (Götterbaum), in Ostiniden heimisch, in Zentraleuropa akklimatisiert, liefert ein hartes, rötliches, gut zu polierendes Holz.

14 Ortsangaben für Triest.

15 Ćićarija (kroatisch), slowenisch Čičarija, italienisch Cicceria, deutsch Tschitschenboden, auch Tschitscherei, Tschitschenkars, Teil des Karstgebiets im Dinarischen Gebirge.

16 Heilklimatischer Ort im Bezirk Hermagor.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 06850)