Hugo Schuchardt an Carlo de Marchesetti (09-HSCM07)
von Hugo Schuchardt
18. 06. 1910
Deutsch
Schlagwörter: Hortis, Attilio
Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Carlo de Marchesetti (09-HSCM07). Triest, 18. 06. 1910. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.8026, abgerufen am 13. 03. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.8026.
Hôtel de la Ville Trieste, Sonntag den 18 Juni 1910
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J. CARAMELLI. prop.re1
Sehr geehrter Herr und Freund,
Da ich morgen früh abzureisen gedenke, Sie also nicht mehr persönlich behelligen kann, lege ich mich mit einem gestern vor Villa Vicentina (vor der Kirche) gebrochenem Zürgelzweig Ihnen ans Herz. Ich bitte Sie nämlich mir zu sagen – wenn Sie es schon wissen, wie weit wohl der Name lodogno nach Norden zu reicht. In Triest gilt er doch keinefalls mehr? Etwa noch in Muggia? In Villa Vicentina, wie überhaupt im südl. Friaul sagt man boroler (im Norden crupignan). Gelegenheit Jemanden |2| der in alten Urkunden gut zu Hause ist – sei es auch A. Hortis, an den ich selbst mich nicht herantraue2 – zu befragen ob für die Celtis australis nicht ein mittelalterlicher Ausdruck vorkommt, +lotonius, +baccularius oder ein sonstiger.
Merkwürdig ist der südslawische Name: koprivić u. ä. Das ist nämlich die wörtliche Übersetzung des deutschen Nesselbaum, dieses selbst aber ein ganz gelehrter Ausdruck, dessen erstes Aufkommen ich bisher nicht habe feststellen können.3 Der Baum gehört ja wohl zu den Urticaceen, wenn ich mich recht erinnere; hat aber nichts |3| an sich, bei dem der Laie an die Nessel denken könnte. Der gezackte Rand der Blätter erinnert doch kaum an die Brennnessel.
Vor ein paar Tagen besuchte ich den Orto botanico (Orto, nicht Giardino unserem Hortis zu Ehren?), und begriff daß ein Zürgelbaum in diesem dichten Gedränge von schönen und merkwürdigen Gewächsen allerdings keinen Platz finden würde, wäre er auch schmächtiger als die von S. Giusto und von Villa Vicentina4. Ich konnte mich leider nicht gründlich umsehen da es mir gar zu heiß war (um 1 Uhr Mittag), ich stieg daher zum Cacciatore5 empor.
Mit hochachtungsvollstem Gruß
Ihr ganz ergebener
HSchuchardt
1 Man beachte den pompösen Briefkopf mit mehreren Akzentfehlern im Französischen!
2 Die Briefe, die Schuchardt von Hortis empfangen hat, datieren aus den Jahren 1877-83 (soweit sie überhaupt datiert sind). In Triest, Archivio diplomatico, Fondo Hortis H 186 finden sich 9 Briefe und Karten Schuchardts aus den Jahren 1877-83, danach nichts weiteres. Den Gründen des Abbruchs der Korrespondenz ist noch nachzuforschen!
3 Das DWB 13 (urspr. VII, 1889), 1984, Sp. 619 ist in der Tat diesbezüglich „lakonisch“: „NESSELBAUM, m. celtis australis, der südliche lotusbaum NEMNICH 1,931“. Ganz anders steht es mit dem Eintrag „ZÜRGEL“, ebd. 32, Sp. 658-659.
4 Villa Vicentina, seinerzeit Gemeinde in der Provinz Udine, Friaul-Julisch Venetien.
5 „Nome dato dai triestini alla sommità della collina di Rozzol e divenuto poi nome ufficiale del posto“ (La mia Trieste, online).
Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen (Sig. HSCM07)
