Georg Hüsing an Hugo Schuchardt (02-04907)

von Georg Hüsing

an Hugo Schuchardt

Kirchschlag in Niederösterreich

09. 09. 1918

language Deutsch

Schlagwörter: language Etruskisch Lewy, Ernst Winkler, Heinrich Bork, Ferdinand Redlich, Oswald Kretschmer, Paul Hüsing, Georg (1918) Hüsing, Georg (1918) Hüsing, Georg (1898)

Zitiervorschlag: Georg Hüsing an Hugo Schuchardt (02-04907). Kirchschlag in Niederösterreich, 09. 09. 1918. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7985, abgerufen am 29. 01. 2023.


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Kirchschlag NÖ bei Frau Schwarz, d. 9.IX.18

Sehr geehrter Herr Hofrat!

Voran meinen Dank für Ihr freundliches Schreiben, das ja doch keine völlige Absage bedeutet!

Auch ich bin gar nicht so sehr für Festschriften eingenommen, die noch dazu manchmal jemand gewidmet werden, dem seine Klienten damit den Dank für gute Versorgung abtragen bezw. seine weitere gute Laune zu erhalten trachten, während der wirklich hoch verdiente Forscher leer ausgeht aus Gründen völligen Zufalles.

Ich meine aber doch, dass der Fall bei Winkler wesentlich anders liegt. Für ihn ist es ein verspäteter Versuch ausgleichender Gerechtigkeit, ja fast ein Versuch, diesen „östlichen“ Forscher der deutschen Gelehrtenwelt zurück zu erobern. Wir haben aber auch einen Hintergedanken dabei: es gilt nicht nur Winkler sondern auch seinen Forschungsgebieten, die in deutschen Landen bisher die nämliche Zurücksetzung erfahren haben wie ihre Vertreter. So habe ich denn die Absicht, wenn der Stoff ausreicht, ihn in 4 Teile zu ordnen und einen davon als kaukasischen einzurichten, wie Ernst Levy1 einen ural-altaischen zusammen bringen soll.

Es handelt sich also zugleich um eine Tat der Propaganda oder eine Propaganda der Tat im guten Sinne; wir wollen die Kräfte zu sammeln und einander näher zu bringen suchen, die z. B. auf dem Gebiete der kaukasischen Sprachen heute arbeiten und die sich z. B. einmal zu gemeinsamer Arbeit an einer „Zeitschrift“ gewinnen liessen, eine Art Heerschau, wenn Sie so wollen. Und darum wären wir Ihnen auch sehr dankbar, wenn Sie uns die |2| Namen weiterer Herren, die für die Mitarbeit in Betracht kämen, freundlich angeben wöllten.

Ganz besonders aber würden wir uns freuen, gerade von Ihnen einen Beitrag zu erhalten, und damit es kein Missverständnis gibt, will ich gleich hinzu fügen:

1). Es eilt nicht, denn ich muss erst einen ungefähren Überblick über den Stoff haben, ehe ich überhaupt an einen Verleger heran trete.

2.) Wenn Sie heute den Wunsch äussern, einen Beitrag zu spenden, aber mit der Einschränkung „wenn es mir möglich wird“, leisten Sie uns und der Sache auch schon einen Gefallen und es wird Sie niemand beim Worte nehmen, wenn Sie Ihren eigenen Wunsch etwa doch nicht zu erfüllen vermöchten; es ist kein Schuldverschreiben. Wir stehen noch zu sehr in den Präliminarien. Und

3.) Ich weiss von Winkler selbst, dass er Sie sehr hoch einschätzt, aber auch immer betont, Ihre Art sei eine ganz andere. Um so mehr würde ich mich freuen, und Winkler erst recht, wenn wir gerade von Ihnen einen Beitrag erhielten.

Winklers eigenartiges Schicksal, über das er selbst stets schweigt, besteht darin, daß er einen Sohn hatte, der vom 2. Lebensjahre an mit Krämpfen behaftet war. Er schrie der Art, wenn er fremde Gesichter sah, dass Winkler schliesslich gezwungen war, an kleinem Orte (Sagan, Dyhernfurth u. a.) ein Haus zu mieten, das nur die Frau mit dem einen Kinde und einem Dienstmädchen bezog, während Winkler in Breslau mit dem andern Sohne und einem Dienstmädchen hauste und auf die Bahn stieg, sobald er einen freien Nachmittag hatte. So war Ehe und Haushalt zerrissen, und er hing an seinem „Kinde“ so rührend, dass man verstand, dass das alles so gehändhabt wurde; wahrscheinlich schreibt er sich selbst eine Schuld bei an dem Unfalle. Nur 1-2 Jahre war das „Kind“ in ein Sanatorium gegeben worden, aber mit völligem Misserfolge. Damals wurde die Frau schwerkrank |3| und ist nach 3 Operationen und furchtbaren Schmerzen gestorben. Eine Zeitl lang war W. wie gebrochen, dann raffte er sich wieder auf, nahm sein „Kind“, das bereits 20 Jahre war, in seine eigene Pflege: er bräuchte durchschnittlich 1-½ St., den Kranken ins Bett zu bringen. – W. hatte mehrere Professuren angetragen bekommen, aber leider keine einzige deutsche, und hat alle ablehnen müssen um seines Kindes willen. Am meisten hat ihn das geschmerzt, als er einen Ruf nach Tokio für Altjapanisch bekommen hatte; er wäre sehr gerne gegangen, aber es ging nicht.

Hatte W. den Kranken zur Ruhe gebracht, so etwa um 9-½10, dann trat er an zur Arbeit und arbeitete bis in den frühen Morgen; stets hatte er Tee auf dem Samowar, aber in seinem Arbeitszimmer keinen Stuhl, nur ein Sofa, auf das er sich legte, wenn er müde war, und niemals wurde geheizt. Um 7 Uhr musste er aufstehen, um ½8 ging er zur Schule, um 1 Uhr kam er heim, ass und ging schlafen. Am späten Nachmittage ging er 2 Stunden spazieren, dann kam wieder der Sohn daran und so weiter. Der Sohn war anfangs gut begabt, aber von etwa 16 Jahren an begann er zu verblöden und ist etwa 25 Jahre alt geworden. Hätte W. nicht eine wahre Bärennatur, so hätte er das nicht lange ausgehalten. Als er endlich in Pension gegangen war, brach der Krieg aus. W. hatte 1870 mitgemacht und übernahm nun sofort in hoher militärischer Stellung ein Kommando zur Befestigung und Verteidigung von Breslau, bis ihn eine schwere Grippe hinwarf. Seitdem arbeitet er unverdrossen in einem Briefübersetzungsamte fürs Vaterland, und kürzlich kam die Nachricht, dass er zum Honorarprofessor in Breslau ernannt sei.

Damit habe ich Ihnen ein kurzes Lebensbild gegeben, in dem freilich seine Forschungsreisen bei Lappen und Finnen, Magyaren und in Sibirien fehlen. Ich hoffe damit keine „Indiskretion“ begangen zu haben, wenn ich es Ihnen mitteile.

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Mit Betrübnis höre ich, dass Sie das Elamische, und dann wohl auch das Hettitische, wieder bei Seite gelegt haben. Ich hatte mich sehr gefreut, dass Sie von meinen „Quellen“ Kenntnis nehmen und dabei hoffentlich keinen schlechten Eindruck von meiner Tätigkeit gewinnen würden. Die Zahl derer, die heute überhaupt irgend ein Urteil darüber haben können, ist ja so gering, dass ich fast sagen kann: Bork2, Winkler3, dem aber auch manches nicht nachprüfbar ist weil er die Texte im Originale nicht hat und meine wenigen fortgeschrittenen Schüler! Und ganz ebenso ergeht es mir auf den Gebieten des Altpers. und Awest., der Mythologie und allen meinen Spezialfächern. Man erkennt wohl an, dass ich etwas kann, sogar „unglaubliches Wissen mit glänzender Kombinationsgabe vereinige“, aber niemand packt fest an und untersucht, ob meine neuen Aufstellungen richtig seien und was sie für mein Fach, die Geschichte des alten Orients, bedeuten.

Ich hege gute Hoffnung auf die Neuaufnahme des Verfahrens gegen mich im Wintersemester: man kömmt sich ja wirklich wie ein Angeklagter vor! Wie wertvoll wäre mir aber ein Urteil auch gerade von Ihnen, z. B. in etwa einem Briefe an Hofrat Redlich4, der seinem Fache nach mitreden soll und doch keinerlei eigenes Urteil haben oder in wenigen Wochen erwerben kann. Wie wertvoll wäre für mich Ihr Urteil über Hroznýs5 Tätigkeit! Meine Gegner, deren Wortführer Kretschmer6 ist, nehmen es mir bitter übel, daß ich das Hettitische nicht als arisch ansehen kann. Aber eine Sprache um 1400 v. Chr., die Person und Sache, nicht aber Mask. und Fem. unterscheidet und in der Hatta-nna-š KÖNIAU-š = „der König der Hettiter“ bedeutet ist keine arische Sprache. Und da Wasser = war ist, so ist watur nicht = Wasser, und [Zeichen einscannen] bedeutet nicht nur „Brot“, sondern auch „Befehlshaber“, und da nach den Glossaren ein watär-wahhanca auch mit „Befehlshaber“ verdolmetscht wird, so ist nicht von Brot und Wasser, sondern von |5| 2 Arten von Befehlshabern und damit natürlich auch nicht von Essen und Trinken die Rede! Und erst recht ist das wettnes kein „Genetiv“ von watar usw. Es sind alles Hallucinationen. Aber man kann Hrozný z Z nicht packen, da er keine Texte vorlegt.

Würde es Ihnen einleuchtend erscheinen, dass das elamische Plural-Suffix p(i) das verkürzte „Personalpronomen der 3. Pers. Pl.“ ist? Letzteres lautet ap, ip vielleicht auch up; ihnen ist ap-un, später appin, „Sie“ ist später auch appi.

Nun lautet dieses Pron. im Hettitischen api, während das Plural-suffix ein s (geschrieben š) ist. Ob dieses api nicht dem elamischen ap entsprechen wird?

Das einzige überlieferte kaspische Adjektiv ist aššal, das „weiß“ bedeuten soll, Nach der von mir gefundenen Regel entspricht kasp. l einem elamischen r, vgl. riša-r, neben dem auch riš-a-ri und als eigentlichstes Adjektiv riša-rra vorkommen. Letzterem entsprechend wäre im Kasp. auch *ašša-lla zu erwarten.

Im Hettitischen soll harpana-lla und kata-lla = „feindlich“ sein, ša-lla gross. Im Elamischen ist das riša-rra offenbar als ršá-rra zu fassen, denn so wird es ja um 520 wirklich geschrieben, und das rš bezeichnet dann sicher einen einheitlichen Laut. Ist dieses elamische ša-rra denn nicht das hethitische ša-lla?

Über elamisch rutu = kasp. *lata = chald. lutu, mitan, rōti (?) und lykisch lada habe ich einen Aufsatz in die OLZ abgeschickt.7 Ich kann mir nicht gut denken, dass dieses Wort gerade dem Hettitischen gefehlt hätte, in dem es dann, wie im Kasp. hätte lata lauten müssen. Und ich vermute, so lautete es auch, denn |6| wir wissen aus den Texten, dass das Wort auf a endigte, und wenn es noch im Lykischen lada lautet, dann war die hethit. Form wohl lata (wie MιΔας assürisch Mitā geschrieben wird).

Aber, verehrter Herr Hofrat, ich hoffe noch immer, wenn ich Ihnen meinen Aufsatz „Zur elamischen Grammatik“8 werde zusenden können, der das Sicheinarbeiten doch gehörig erleichtern wird – vielleicht packen Sie dann doch einmal an!

Mein Brief wäre längst fort und – kürzer geworden, wenn ich nicht inzwischen eine arge Angina mit Fieber und auffallender Körperschwächung gehabt hätte. Hoffentlich erweckt der Brief keine Erinnerung an diese Fiebernächte! Im Nachbarorte Krumbach ist die Ruhr mit schon 100 Fällen; wochenlang – ich glaube über sechs Wochen – hat es dort kein Brot gegeben. Wie wird es im März-April ausschauen? Das feuchte Korn dieses Jahres bedarf ja besonderer Behandlung, um nicht zu verderben.

Der „Schlesinger“ sagt in diesem Falle: „Fass Mut, Hannich, der Teiwel kimmt“, aber ganz leicht wird es diesmal doch nicht.

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Wie ich heute endlich erfahren, fällt Winklers Geburtstag auf den 28. September, geboren ist er 1848. Ihrem Brief entsprechend will ich mir also erlauben, W. zum 28. auch Ihren Namen in der Reihe derjenigen zu nennen, die zwar den Wunsch haben einen Beitrag zu spenden, aber noch nicht verbürgen können, ob sie diesen Wunsch auch rechtzeitig zur Ausführung bringen können. Söllten Sie es doch noch anders wünschen, dann würde eine Nach- |7| richt von Ihnen mich ja noch erreichen, bevor ich nach Breslau schreibe.* (* Ich denke etwa am 24. Sept.).

Mit hochachtungsvollem Grusse und Danke

für Ihre freundlichen Wünsche

Ihr ergebener

G. Hüsing


1 Ernst Lewy (1881-1966), deutscher Sprachwissenschaftler in Berlin, der nach 1933/35 als Jude entlassen wurde und über Palästina nach Irland gelangte, wo er in Dublin 1947 eine Professur erlangte; vgl. auch HSA 06446-06454).

2 Ferdinand Bork (1871-1962), deutscher Orientalist in Königsberg; vgl. HSA 01224-01235

3 Heinrich Winkler (1848-1930), deutscher Finnougrist u. Sprachwissenschaftler in Breslau; vgl. HSA 12837-12857.

4 Oswal Redlich (1858-1944), österr. Historiker u. Archivar; vgl. HSA 09172-09174.

5 Friedrich (Bedřich) Hrozny (1879-1952), tschech. Sprachwissenschaftler u. Altorientalist.

6 Paul Kretschmer (1866-1956), deutsch-österr. Linguist (indogerman. Sprachen, Etruskisch), seit 2899 Ordinarius in Wien; vgl. HSA 05824-05832.

7 Hüsing, „ Kaspisches IV“ oder „Kaspisches V“, Orientalische Literaturzeitung 21, 1918, 43ff., 264ff.

8 Vermutlich „Elamische Studien, 1“, Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft 1898, 7, Berlin: Wolf Peiser Verlag, [1898].

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