Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (41-04404)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Mariatrost

Unbekannt

language Deutsch

Schlagwörter: Engel, Eduard Schuchardt, Hugo (1919) Hurch, Bernhard (2006) Bartels, Adolf (1901)

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (41-04404). Mariatrost. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7982, abgerufen am 29. 01. 2023.


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Ma[ria] Trost1, Mitte Lenzings2 1919

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Mit wärmstem Danke bestätige ich den Empfang der in Sachen der Deutschen Sprachvereinigung ebenso tief schürfenden wie weit ausholenden Anzeige von Leo Spitzers „Fremdwörterhatz“ KTA.–3 Ohne Ihre gütige Zusendung des Sonderdruckes wäre mir jene Anzeige entgangen, was für mich zweifellos zugleich Entgang einer entschiedenen Anschauungsbereicherung gewesen wäre. Den Kern der ganzen Sprachreinheitsfrage: ob nämlich Einer deutsch empfindet oder undeutsch i. e. „international“, zwischenvölkisch oder aber völklich, um nicht wieder zu sagen „völkisch“, – worauf noch zurückzukommen sein wird. – Diesen Kern der ganzen Erörterung haben Sie selbst aufs Redlichste zuerst am Ende der Anm. zu S. 4 Sp. 1 herausgeschält und dann am Schlusse der ganzen Anzeige gewissermaßen zusammenfassend nochmals berührt. Es kommt eben bei aller noch so objektiven Wahrheitsforschung doch immer noch ganz wesentlich auf die Gesinnung an, aus der es geschieht, und die allemal die Triebfeder und das sogar meistens unterbewußt bleibende Richtmaß der Forscherthätigkeit ist. |2| Gesinnung aber liegt eben von vornherein im Blute, das bei Ihnen trotz entschieden ungünstiger Milieueinwirkung der herrschenden Universitätsverhältnisse, der Sie ein langes Leben hindurch ausgesetzt waren, doch in schönster Weise durchbricht. Das fühlte wohl auch Spitzer – hinc illae (suae) lacrimae. –4

Und nun noch einige Bemerkungen ad vocem: „völkisch“. Daß diese Form siegt, ja schon lange gesiegt hat, will ich mir zu erklären versuchen, ohne darum die Form „völklich“ oder „volklisch“ zu versagen. Ich glaube nämlich der Grund jenes Sieges ist – trotz Allem was Sie dagegen beibringen – doch ein lediglich lautlicher. lkl in einem Worte, ohne Spur eines neuen Tonansatzes vor dem zweiten l ist der deutschen Zunge holprich, wobei man noch durchaus nicht mit Engel5 auf „folglich“ zu hören braucht.

Ihre Hinweise auf „Völklein“, „Wölklein“ widerlegen nicht zwingend, denn erstens ist lein lang und nebenbetont, während „lich“ im nhd. kurz und unbetont ist, also keinerlei Tonansatz davor eintritt. Außerdem klingt ja wohl gewissermaßen im sprachunterbewußten Erinnerungsvermögen des Deutsch- |3| geborenen noch immer das tonlose mhd. „e“ vor dem zweiten l als eine Art Hiatus behufs neuen Tonansatzes mit, da es doch: vólkelîn und wólkelîn6 hieß und das tonlose ĕ vor der langen, noch heute nebenbetonten Nachsilbe keineswegs einfach spurlos verschwindet. Zusammengesetzte Worte vollends, wie „Ballkleid“7 […] und auch alt-klug sagen mir für die Sprechbarkeit von volklich gar nichts, da das zweite Wort nicht nur wieder einen sogar hauptbetonten Selbstlauter bringt, sondern auch eine Länge enthält, dafür zwischen ltz und l (bezw. lt. u. kl.) ein neuer Tonansatz mit sogar deutlich fühlbarem Hiatus eintritt, der die Artikulation wesentlich erleichtert. Ernster ist schon das Beispiel „unverwelklich“ zu nehmen, wofür übrigens wohl meistens eine umschreibende Bildung mit „unverwelkt“ bei Schriftstellern von Geschmack eintreten wird – abgesehen davon, daß ja hier gar keine Wahl zwischen „isch“ und „lich“ übrigbleibt. Was schließlich „entgeltlich, weltlich“ anlangt, so ist eben tl von kl um die ganze Entfernung vom Zungenrücken zur Zungenspitze – denn wir sprechen doch kein arabisches ﻁ (tâ) – verschieden.

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So erkläre ich es mir, daß trotz der vielen Beispiele, wo „isch“ die Bedeutung in peius - von etwas Schlechtem also – begleitet, doch das Wort „völkisch“ durchgreift. Uebrigens scheinen mir „römisch“, „fränkisch“, die auch nichts Verächtliches enthalten, als Beiwörter aus Völkernamen gebildet, eben dieses Sinneswegen gar wohl geeignet als Parallelen eines Beiwortes aus „Volk“ gebildet zu dienen.

Nach alledem, obwohl selbst, wie gesagt, durchaus kein Verächter von „volklich“ – das eigentlich mit Bartels8 am Richtigsten „völklich“ (von „volkigelîch“) lauten müßte, – kann ich die gute Lanze, die Sie so ritterlich dafür einlegen, doch nur für allerdings geschicktest – verstochen halten. Den Gegner „völkisch“ hebt sie nun nicht mehr aus dem Sattel.

Heilgrüßend
Harpf.

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Herrn Hofrath Hugo Schuchardt
M[ari]a Trost, Mitte Lenzings 1919. Der Verf.9

Sonderabdruck aus der vom Steiermärk. Volksbildungsvereins und Deutsch-österr. Preßverein in Graz herausgegebenen „Deutschen Umschau“, Halbmonatsschrift für Stadt und Land.

Der Kriegssprüche andere Folge.*10

Von Adolf Hagen.11

Die ärgsten Feinde

Die schlimmsten Feinde sind es nicht,

Die uns mit blanken Wehren

Im offnen Kampf, im Weltgericht

Des Kriegs das Land verheeren.

Schon büßten sie’s mit ihrem Blut,

Sie schlug der deutsche Heldenmut.

Selbst die den blanken Schild der Ehren

Mit ihren Lügen uns versehren,

Die doch nur kurze Beine haben,

Sind nicht die schwärzesten der Raben

Doch die, die jetzt im eigenen Lande

Des deutschen Namens Hohn und Schande,

Sie, die mit schnöden Mammonstücken

Den Helden fallen in den Rücken,

Mit Wucher und mit Hungers Nöten

Des Volkes Siegeswillen töten,

Sie sind die ärgsten Feinde,

Sie muß die Volksgemeinde

Gleich Unkraut aus dem Boden

Ausjäten und ausroden.

Kampfeslust und Liebe

Soll das Leben nicht versinken,

Atem dieser Welt nicht stinken,

Dürfen Kampfeslust wie Liebe

In dem Seinsgetriebe

Nie versiegen.

Während Liebe Leben schafft,

Leiht in Daseins heißen Kriegen

Ihm der Kampf die Werdenskraft.

Ohne Kampf kein Leben,

Ohne Lohn kein Streben:

Des Helden Kraft gedeiht

Und steigt hinan zum Throne

Im Schmuck der Herrscherkrone,

Die Altvater hat geweiht

Zum Siegeslohne.

Minnedanken

Zum Minnetrunk nun füllt die Becher

Nach altem Brauche deutscher Zecher!

Es blinkt der deutschen Rebe Blut

Und jedes Herz ist hochgemut,

Entbrannt sind alle Sinne

In hehrer Helden Minne.

Der erste Trunk ist Minnedanken

Den Helden, die im Kampfe sanken,

Der zweite drauf den Helden gilt,

Die unsres Vaterlandes Schild

Und Wehre sind im Kampfe,

Umwogt vom Schlachtendampfe.

Ob rings um sie die Felsen splittern,

Die Erde bebt in Schlachtgewittern,

Sie halten unsres Volkes Hut

Mit treuem deutschen Heldenmut.

Des deutschen Sieges Heil

Ist ihr – und unser Teil.

Der dritte Trunk des Treugedenkens,

Des minnigen Erinnrungslenkens

Sei dargebracht ein Dankeszoll

Und heilesfroher Wünsche voll

Den hohen Schicksalweisen [verb. hs. Schicksalslenkern]

Den deutschen Heldenkreisen [verb. hs. Schlachtendenkern].

Deutschen Bärenhäutern!

So lange der deutsche Wald nicht beut

Die Tannen glatt behauen,

Mußt haben gute Zimmerleut‘,

Ein festes Dach zu bauen.

Da lange Dir noch nicht ins Maul

Gebratne Vöglein fliegen:

Darfst, Deutscher, du auch nimmer faul

Auf Bärenhäuten liegen.

Satter Friede

Selig träumen der Tiger auch

Und die Riesenschlange

Im Verdauungsgange

Von des Tierreichs ewigem Frieden,

Wenn sie den vollgefressenen Bauch

In des Dschungels Rieden

Schnarchend sonnen

Voller Wonnen.

Das sieht der Brite und ihm gefällt

Gewiß der Menscheitsfrieden auch,

Nur muß erst mit der ganzen Welt

Gefüllt sein seines Reiches Bauch.

Der Brite sagt.

Der Brite sagt: „Der Mann ist wert

Mir so und so viel Guineen!“

In deutschen Landen noch ist geehrt

Der Mann nach seinem innern Wert.

So sei es auch gehalten

In aller Zukunft Walten,

Denn nur so kann bestehen

Trotz allem Sturmeswehen,

Von Feinden rings umdroht,

Vom Weltenbrand umloht

Mein deutsches Volk, das hehre,

Dem Menschentumes Ehre

Mit blanker Heldenwehre

Zu wahren ist gegeben

Und seiner Seele höher Leben.


1 Basilika Mariatrost, bedeutender Wallfahrtsort der Steiermark im Nordosten von Graz.

2 15. oder 16. März.

3 Schuchardt, „[Rez. von:] Leo Spitzer, Fremdwörterhatz und Fremdvölkerhass. Eine Streitschrift gegen die Sprachreinigung“,' Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 40, 1919, 5-20. – Bedeutung der Abk. KTA nicht geklärt. „Kurztitelangabe“??

4 Schuchardts Rez. ist kritisch; Spitzer mußte das akzeptieren, aber er schreibt (HSA 185-10944 [22.2.1919]) an Schuchardt: „Was mir leid tut ist, daß Sie nirgends meine Beweggründe erwähnen, den Kampf gegen Rohheiten, gegen Übertreibung (die selbst nur wieder durch Übertreibung geführt werden kann), auch die politische Seite ist unterschätzt: da hat durch 48 Monde dieser Deutsch-Sprachv. im weitesten Annexionismus und Dreinhauerfreude gearbeitet – und ersteht eine Stime, die für Mäßigung spricht – und da setzt sich ein Mann wie der nietzschehaft starke S. ,hin und überprüft ein paar Zitate bei mir, weist alle möglichen Widersprüche nach (die ich zugebe), ohne doch das Eine zu sagen: es war notwendig, diesen handfesten Maulmachern entgegenzutreten“ (Hurch, Leo Spitzers Briefe, 2006, 114-115).

5 Eduard Engel (1851-1919), Germanist; vgl. hier Schuchardt, Literaturblatt, Sp. 19.

6 Im Original noch zusätzlich mit Gravis auf dem î.

7 Wegen Überklebung sind einige Wörter unlesbar.

8 Adolf Bartels (1862-1945), völkisch-antisemitischer deutscher Schriftsteller; vgl. z. B. seine Geschichte der deutschen Litteratur, Leipzig: Avenarius, 1901, I, S. 73: „Man ist heute, wo man die Märchendichtung der ganzen Welt überschaut, ziemlich skeptisch geworden in Bezug auf den völklichen Ursprung der Märchen“ (Fettung FRH).

9 Es folgt ein gedruckter Text als Anhang.

10 Hs. „Gedichtet im Scheiding 1918“ [=September 1918].

11 Harpfs Pseudonym.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04404)